Kolumne

Sportvereine sind nicht „systemrelevant“

Die Stadt hat kaum Instrumente, um Proficlubs zu helfen. Dennoch hätten Freezers, Handballer und Volleyballerinnen gerettet werden können

Die Wogen der Empörung schlagen immer noch hoch, wenn das Aus der drei Hamburger Proficlubs zur Sprache kommt: die Insolvenz der Betriebsgesellschaft des Handball-Sport-Vereins Hamburg, der Zwangsabstieg des Volleyballteams Aurubis in die Zweite Bundesliga und die Abmeldung der Hamburg Freezers aus der Deutschen Eishockey-Liga. Nachdem der Shitstorm in den sozialen Medien gegen Politik, Sportstadt und hiesige Tun-nix-Unternehmen abgeebbt ist, nimmt sich nun die parlamentarische Opposition des Themas an. Nach der Aktuellen Stunde vergangene Woche in der Bürgerschaft trat jetzt der CDU-Fraktionsvorsitzende André Trepoll noch mal gegen Sportstaatsrat Christoph Holstein (SPD) nach. Der habe „in keinem einzigen Fall zur Existenzsicherung“ der drei Vereine beigetragen.

Die überparteiliche und interdisziplinäre Aufregung zeigt vor allem eines: Sport bleibt ein hoch emotionales Reizthema, Sportclubs sind Objekte der Massen-Identifikation, sie stiften Sinn, nehmen wichtige gesellschaftliche Aufgaben wahr, fördern in Freude und Leid den sozialen Zusammenhalt, sie sind, frei nach Karl Marx, Opium fürs Volk. Wären Sportvereine Banken, würde der Staat sie als systemrelevant einstufen – und im Notfall Rettungsschirme spannen. Beim Sport stehen aber weniger die Interessen des Großkapitals auf dem Spiel, vielmehr die der Allgemeinheit. Und die hat heute einen immer schwereren Stand.

Die Möglichkeiten der Stadt Hamburg, in Zerfallsprozesse des Profisports einzugreifen, sind begrenzt. Direkte Subventionen verbieten die Brüsseler EU-Wettbewerbshüter. Der Vorschlag des CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Thomas Kreuzmann wiederum, Tochterunternehmen der Stadt zum Sponsoring zu bewegen, klingt interessanter, als er bei näherer Betrachtung ist. Dass in Düsseldorf Stadtwerke und Stadtsparkasse Hilfspakete für die angeschlagene Düsseldorfer Eislauf-Gemeinschaft (DEG) schnürten, lässt sich kaum auf Hamburg übertragen. Der Energieversorger Hamburg Wasser ist gerade als Hauptsponsor in den Weltklasse-Triathlon im Juli eingesprungen, die unabhängige Hamburger Sparkasse gibt seit 2011 dem Hamburger Marathon ihren Namen. Der Vertrag wurde vor Kurzem bis 2018 verlängert. Hinzu kommt: Staatssport ist sicherlich das Letzte, was die CDU will.

Dennoch hätten Freezers, Handballer und Volleyballerinnen auch ohne Eingriffe der Politik wahrscheinlich gerettet und der Spielbetrieb in der nächsten Saison fortgesetzt werden können – wenn die bisherigen Gesellschafter und Geldgeber dies gewollt hätten. Das war offenbar nicht der Fall.

Der Fall Freezers: In einer beispiellosen Aktion hatte Mannschaftskapitän Christoph Schubert in fünf Tagen rund 1,2 Millionen Euro von Privatleuten und Firmen eingesammelt. Zudem meldete sich ein potenzieller Hauptsponsor, der jährlich mit 500.000 Euro einsteigen wollte. Der Anschutz Gruppe in Los Angeles reichte dies nicht. 50 Millionen Euro Verlust in 14 Jahren waren genug, eine Rettung unerwünscht.

Der Fall HSV Handball: Insolvenzverwalter Gideon Böhm hatte Zusagen von Sponsoren über acht Millionen Euro für die nächsten drei Spielzeiten. Keines der Unternehmen wollte aber alte Schulden tilgen. Die Bundesligarückrunde hätte Ex-Präsident, Hauptsponsor und Mäzen A­n­dreas Rudolph, der in elf Jahren etwa 50 Millionen Euro in das Team investiert hatte, ein letztes Mal finanzieren müssen. Anfangs war Rudolph dazu bereit, auch weil er vor der Saison eine Verpflichtungserklärung über 2,5 Millionen Euro gegenüber dem Ligaverband abgegeben hatte, später nicht mehr.

Der Fall VT Aurubis: Der Kupferproduzent hatte 2014 sein Engagement zum Ende der Spielzeit 2015/16 aufgekündigt. Wegen anhaltender sportlicher Misserfolge fand der Verein zunächst keinen Nachfolger. Anfang des Jahres wollte ein Unternehmen aus der Region bis 2018/2019 für 300.000 bis 400.000 Euro jährlich als Hauptsponsor ans Netz. Dafür forderte die Firma 70 Prozent der Anteile an der Spiel­betriebsgesellschaft TV Fischbek Sportmarketing. Ein Geschäftsführer stimmte der eigenen Entmachtung zu, der andere lehnte das Ansinnen ab. Der Klassenerhalt war damit verspielt.