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Ein Horrortrip durch die Berliner Clubszene

„Der Nachtmahr“, ein Mix aus Thriller und Monsterfilm, ist effektvolles, überforderndes wie faszinierendes Genrekino

Sage keiner, der Film hätte einen nicht gewarnt. Gleich zu Beginn heißt es: „Dieser Film enthält blinkende Lichter und Muster, die in Einzelfällen epileptische Reaktionen hervorrufen können.“

Es geht auch gleich los mit Lichtblitzen und Techno-Beats. Aber nicht die sind es, die einen aus der Bahn werfen. Die 16-jährige Tina (Carolyn Genzkow) tanzt mit ihren Freundinnen bei einer Poolparty ab und schluckt dabei Pillen. Kichernd wird ihr ein Handyfilm gezeigt, in dem jemand überfahren wird. Dann wird ihr schlecht, draußen auf der Straße sieht sie etwas Komisches. Da rast ein Auto auf sie zu. Und fährt sie um. Sie war der Film. Aus.

Wir haben hier erst ein paar Filmminuten hinter uns, das kann also nicht alles gewesen sein. Klar schreckt Tina gleich aus einem ziemlich bösen Traum auf. Aber der Albtraum fängt da gerade erst an. Denn immer wieder erscheint ihr eine hässliche Kreatur, die sich in ihrem Elternhaus im Keller versteckt. Die Eltern glauben ihr nicht, die Tochter treibt sich nachts ja viel zu oft in Berliner Clubs herum. Sie zwingen sie zu einer Psychotherapie, in der Tina sich in einen winzigen Verschlag zwängen muss. Moment mal, das ist ja wieder nur eine Vision, aus der sie schreiend erwacht. Bald geht es dem Zuschauer wie der Protagonistin, er weiß kaum noch, welche Ebene real ist und welche nicht.

Genrefilme, so ein weit verbreitetes Klischee, das können die Deutschen nicht. Immer wieder treten einige mutige Filmemacher an, das Gegenteil zu beweisen. Wie in diesem Fall Akiz, hinter dessen Pseudonym sich Achim Bornhak verbirgt. Der hat sich schon seit 2001 mit der Entwicklung seiner Kreatur befasst. Es geht dem „Nachtmahr“ zwar wie so vielen Gruselfilmen: Die Angst vor dem Unwesen ist viel effektiver, solange man es nicht wirklich sieht. Wenn es dann doch mal in Gänze erscheint, sieht es weniger aus wie aus dem „Nachtmahr“-Gemälde von Johann Heinrich Füssli, sondern eher wie ein Zwitter aus E.T. und Meister Yoda, den man lieber knuddeln würde als vor ihm zu bibbern.

Aber „Der Nachtmahr“ will auch gar kein Horror sein. Man kann den Film zwar einfach als Popcornkino konsumieren. Man kann sich aber auch Fragen stellen. Ob das alles nicht ein schlechter Trip in der Clubszene ist. Oder ob der Mahr nicht ein Sinnbild für die Ängste in der Pubertät ist. Tina, kraftvoll gespielt von Carolyn Genzkow, erkennt bald den Freak in sich. Und sie beginnt, sich um die Kreatur zu kümmern, statt sich vor ihr zu gruseln.

Auf dem Münchner Filmfest hat dieser mit lächerlichem Budget gedrehte Film vergangenen Sommer für Furore gesorgt. Jetzt kommt der Grusel ins Kino. Und zeigt: Deutsches Genre, das geht sehr wohl.

„Der Nachtmahr“ D 2015, 92 Min., ab 12 J.,
R: Regisseur Akiz, D: Carolyn Genzkow, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, täglich im Studio