Durchgeknallte Märchenerzähler

Der US-Waffenverband NRA lässt Klassiker wie Rotkäppchen umschreiben – und rüstet die Hauptpersonen mit Schießgerät aus

Es war einmal ein Land – das der unbegrenzten Möglichkeiten –, in dem es unverständlicherweise möglich ist, dass jeden Tag fast 50 Kinder und Jugendliche durch Schusswaffen verletzt oder sogar getötet werden. Man sollte meinen, es müsste etwas geschehen, damit der gefährliche Unsinn aufhört. Aber der Schuss geht leider daneben.

Der mächtige US-Waffenverband NRA merkte, dass es um seine Reputation in letzter Zeit nicht besonders gut bestellt ist. Polizisten, die aus nichtigem Grund ihre Pistolen ziehen, haben das Bild vom schießwütigen – man nennt es auch „trigger happy“ – Amerikaner in die Welt getragen.

Um Kinder für sich zu gewinnen, lässt die NRA jetzt klassische Märchen so überarbeiten, dass die Hauptpersonen plötzlich Waffen tragen. In „Rotkäppchen“ wird beispielsweise eine Waffe entsichert – und schon kommt die Großmutter mit heiler Haut davon. „Oh, wie der Wolf es hasste, wenn Familien gelernt hatten, sich selbst zu verteidigen“, heißt es in der NRA-Märchenversion von Amelia Hamilton. Soll man da lachen oder weinen?

Wahrscheinlich finden Waffennarren das originell. Ist es aber nicht. James Thurber schrieb schon 1939 „Das kleine Mädchen und der Wolf“. Darin nimmt Rotkäppchen am Ende allerdings einen Browning-Revolver aus ihrem Korb und erschießt den Wolf.

„Würde man den Kindern mehr über Sicherheit beibringen, ließen sich die in den Märchen geschilderten Situationen vermeiden“, versucht Hamilton zu argumentieren. Was für ein Ammenmärchen! Waffen mit Sicherheit gleichzusetzen ist das Mantra, das die Waffenlobby gebetsmühlenartig wiederholt. Die andere Seite der Medaille mit ihren vielen Opfern wollen sie aber nicht sehen.

Bleibt abzuwarten, welche Märchen-Knaller uns Hamilton in der Zukunft noch vorlegt. Die Moral von Thurbers Märchen lautet übrigens: „Es ist heutzutage nicht mehr so leicht wie ehedem, kleinen Mädchen etwas vorzumachen.“ Darauf kann man nur hoffen. Kleine Jungen sind da hoffentlich mit eingeschlossen.