Kolumne

Wenn die Stunde der sinnbefreiten Interviews schlägt

Irene Jung

Irene Jung

Foto: Andreas Laible / HA

Wehe, wenn im Fernsehen ein Skirennen oder ein Fußballspiel zu Ende ist. Dann schlägt die Stunde der sinnbefreiten Interviews.

Mit einem Strauß von fünf Medaillen kehrt Laura Dahlmeier, das Wunder vom Holmenkollen, von der Biathlon-WM in Norwegen zurück. Fast im Alleingang sorgte sie für das beste deutsche Damen-Ergebnis seit 2011. Morgens im NDR der O-Ton: „Michhats-schoüberrrraschtdassiinjedemRennenMedaillegwonnenhab.“ Und uns erst! Schon Anfang März nach ihrem Sieg in der Verfolgung sagte die noch nach Luft japsende Biathletin: „DeswarschonmeinDrraumineinemEinzelrrrennenmaldieGoldmedaillezugwinnen.“

Ich gönne der 22-Jährigen ihren großen Erfolg. Mich erinnern die Kurzinterviews aber an einen der wunderbaren Tom-Touché-Cartoons. Reporter: „Ein toller Lauf! Wir fühlen Sie sich?“ Und Abfahrtsläuferin Knödl-mösl legt los: „DrobnbinisupawegkimmaunindeaMittnbiniinderaKurvnsupa-einikimmaundiazwoateHälftehobivollesRisikofohrnmitanasupaZeit ...“ Ja. Was soll so eine Ski-alpin-Athletin auch sagen, die gerade lebend eine hochgefährliche Abfahrt überstanden hat, wenn ihr unten sofort jemand ein Puschelmikro unter die Nase hält? Bin i supa einikimma.

Sportler/innen müssen ein dickes Fell haben. Die Fragen sind immer die Gleichen: Was fehlte heute zum Sieg? Wie beurteilen Sie Ihre Leistung? Wie haben Sie die Strecke erlebt vom Wind her gesehen? War der Fehlpass heute die entscheidende Situation im Spiel? Oder die Kurzform: Woran hat’s gelegen? Klar, Sport-Live-Reporter ist der undankbarste Job von allen. Die Redaktion will unbedingt ein Statement von der Front. Die Athleten hingegen sind noch hackevoll mit Adrenalin und entweder euphorisch-atemlos oder tief enttäuscht. In beiden Fällen können sie sich nicht eloquenter ausdrücken als ein überheizter Otto-Motor. Aber sie reagieren reflexhaft und geben ihr Bestes, vor allem beim Fußball.

Robert Lewandowski in der Halbzeit: „Wir versuchen immer mal, ein Tor zu schießen.“ Ach was. Mannschaftskollege Thomas Müller auf die Frage „Was haben Sie vor in diesem Jahr?“: „Dasselbe wie immer.“ Andreas Möller: „Ich hatte vom Feeling her ein gutes Gefühl.“ HSV-Keeper René Adler: „Leider ham wir kein Tor geschossen, aber ich glaube, unterm Strich kann man damit leben.“ Thomas Häßler: „Wir wollten in Bremen kein Gegentor kassieren. Das hat auch bis zum Gegentor ganz gut geklappt.“ Ein unfreiwilliges Highlight von Paul Breitner: „Da kam dann das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief’s ganz flüssig.“ Ganz kurz machte es Olli Kahn: „Eier. Wir brauchen Eier.“

Es kommt überraschend selten vor, dass der Fragen-Marathon ins Auge geht. Manche Sportler sind so bedient, dass sie trotzig werden, etwa Kevin Kuranyi: „Ich antworte nicht auf so eine Scheiß-Frage.“ Das Mertesacker-WM-Interview ist schon Kult mit „Ist mir völlig wurscht“ und „Was wollen Sie jetzt von mir?“. Trainer Dirk Lottner brachte es auf Punkt: „Es ist immer der gleiche Spielverlauf, dass du nach dem Spiel hier stehst, gibst doofe Interviews und bist gezwungen, was in die Kamera zu sagen.“

Fußballer können gut Fußball spielen, Biathletinnen gut Ski fahren und schießen – aber sie sind nicht in einer Rhetorik-WM. Müssen sie auch nicht sein! Was würden wohl wir anderen Werktätigen ins Mikrofon stammeln, wenn jemand fragen würde? Chirurg, kurz nach einer Bypass-Operation: „Die Herzkranzarterie links war verengt, und der Herzbeutel sah aus wie gehäkelt, aber sonst war alles wie immer.“ Werber, nach einer Kundenkonferenz: „Wir konnten den Kunden davon überzeugen, das Alter des Käses nicht auf der Verpackung zu erwähnen.“ Reinigungskraft nach ihrer Abendschicht in derselben Werbeagentur: „Erst mal musste ich die ganzen Käsekrümel wegsaugen. Aber ich hätte nie geglaubt, dass ich noch alle fünf Fenster schaff!“

Auch Medienmenschen sind oft nicht versierter als der Rest der Welt. Frage: Wie haben Sie die heutige „Tagesschau“ erlebt? „Tagesschau“-Redakteur: „Was weiß ich denn! Da kommen die Pappnasen um zwei vor acht und wollen wissen, warum die Schalte nach Mali noch nicht steht!“

Der Erkenntniswert ist gleich null. Was soll also die nervige Jetzt-und-sofort-O-Ton-Huberei nach Wettkämpfen? Liebe Sportredaktionen, erspart sie uns doch bitte!