Berlin

Der Kampf gegen den „inneren Elefanten“

Berlin. Bertram Eisenhauer ist es nicht anzusehen, aber er ist ein Überlebender. Er hat sich selbst überlebt, den Krieg gegen das Essen, das Abnehmen, die Lästereien. Er hat all das überlebt, aber er hat nicht gewonnen.

Bertram Eisenhauer sieht jünger aus als seine 51 Jahre, er lächelt aufmunternd, zitiert gewählt schlaue Sätze von großen Menschen und bestellt sich dazu im Restaurant: eine Apfelschorle und einen Antipasti-Teller. Es gehe ihm gut, sagt er, und dann redet er zunächst darüber, warum viele sich in der Gegenwart von rundlichen Menschen so wohl fühlen. Eisenhauer sagt: „Dicke geben sich oft fröhlich, weil sie schon durch die pure Anwesenheit ein Ressentiment erzeugen.“ Deswegen neigten sie dazu, in Gesellschaft für gute Stimmung zu sorgen.

Eisenhauer ist ein Experte für das Dicksein. Er hat gerade ein Buch darüber geschrieben. Auf dem Cover des Buches ist ein Elefant zu sehen, es heißt: „Mein Leben als Dicker“ (C. Bertelsmann, 335 Seiten, 19,99 Euro). Darin erzählt Eisenhauer vom Aus-der-Puste-Kommen nach wenigen Metern und wie eine Nachbarin ihm ihre Hilfe anbot, wenn er mal nicht mehr konnte.

Das Buch beginnt mit einem Satz, der einschlägt: „Eines Tages bin ich einfach aufgeplatzt.“ Auf den Seiten danach beschreibt er im Detail, wie seine Bauchwand reißt und sich einzelne Gedärme herausdrücken. „Hernie“ ist das Fachwort für Platzen und er schafft es, dass der Leser auch dann lächelt, der fröhliche 160-Kilo-Mann erzählt Todtrauriges.

Er schreibt seinem Sohn, den er nie hatte: Mach mehr Sport!

Das war für ihn der Beginn einer neuen Diätbehandlung, die er bei seinem Arbeitgeber, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, als Kolumne begleitete. Zunächst anonym, aber, nun ja, es lässt sich nicht alles leicht verheimlichen. „Es ist, als ob man mit einem Huhn auf dem Kopf herumlaufen würde“, sagt er und zitiert ein dickes Kind aus einer soziologischen Befragung. Alle schauen einem hinterher, mit Mitleid, bei Cocktailpartys, in der U-Bahn oder im Flugzeug, wenn man die Stewardess nach einem Extra-Gurt fragt. Er sagt: „Es ist der Elefant im Raum, den keiner sehen will.“

Bertram Eisenhauer will sich nicht mehr verstecken. Und er macht im Buch das Gegenteil und beschreibt schmerzlich detailliert, was eine Essstörung bedeutet: die Depression, die Ausgrenzung, die Leere, die er nur mit mehr Essen füllen kann. Er macht sich buchstäblich nackig mit Berichten von misslungenen Rendezvous, vom peinlichen Ausziehen vor einer Frau – und er schreibt einen herzzerreißenden Brief an seinen ungeborenen Sohn. Darin gibt er ihm einen Rat zu Frauen: „Lieb sie nicht mehr als sie Dich“, schreibt er, „das ist zwar romantisch, aber eigentlich tut es zu weh.“ Und als ob eines zum anderen gehört: Mach mehr Sport!

Er sagt heute, er sei sich noch nicht über die letzten Folgen dieser Offenheit bewusst, aber er wollte sich bestimmte Dinge von der Seele reden. „Diät-Erfolgsgeschichten gibt es viele“, sagt er, „für das Scheitern ist wenig Platz.“ Und gescheitert ist er, wenigstens mit dem Versuch, mit einem medizinisch betreuten Abnehmprogramm 40 Kilogramm zu verlieren. Gelernt hat er viel und die Tipps der Ernährungsgurus lässt er in seine Geschichten aus dem Diät-Alltag einfließen: keine Limonade im Kühlschrank, kleinere Teller, keine Snacks, nur Mahlzeiten in Gemeinschaft. Und: „Wenn Sie nicht hungrig genug sind für einen Apfel, haben Sie keinen Hunger.“

Doch mit all diesem Wissen ist Bertram Eisenhauer im Jahr 2016 noch immer in der Kleidergröße 6XL unterwegs, fährt manchmal zu Elena, so heißt die Frau beim Fastfood-Drive-in bei ihm ums Eck. Wäre da nicht der nächste Schritt, doch eine Magenverkleinerung zu versuchen? „Chirurgen bringen beeindruckende Ergebnisse“, sagt er, „aber ich hätte das Gefühl, als ob ich es dann nicht mehr in der Hand hätte.“ Er wolle nicht durch Ärzte dünn werden, sondern indem er besser isst. Er will weiterkämpfen, aber zu seinen Bedingungen. Im Buch sagt er auch, er sei ein Meister in Ausreden.