Kreis Pinneberg

Kunstverein landet Ausstellungs-Coup

Grafik-Koryphäe Erhard Göttlicher wird 70 Jahre alt. Doch nur das kleine Elmshorner Torhaus würdigt den großen Uetersener zu seinem Geburtstag

Kreis Pinneberg.  Erhard Göttlicher gehört zu den angesehensten und erfolgreichsten Künstlern, die im Kreis Pinneberg leben. Museen und Galerien auf der ganzen Welt zeigen die Werke des Grafikers, Malers und emeritierten Kunstprofessors. Jetzt wird der Uetersener 70. Da wäre bei einem Künstler seiner Rangordnung üblicherweise eine große Retrospektive im führenden Haus des Kreises Pinneberg, dem Kreiskulturzentrum Drostei, zu erwarten gewesen. Erst recht vor dem Hintergrund, dass Göttlicher zur handverlesenen Schar der Pinneberger Kreiskulturpreisträger (1991) zählt.

Doch Fehlanzeige. Nicht etwa im größten, sondern in einem der kleinsten der regionalen Ausstellungshäuser zeigt der berühmte Bürger seine Arbeiten: im Torhaus Elmshorn und aus Platzgründen zusätzlich in den Räumen der dortigen Sparkasse an der Königstraße. Nur dort. „Erhard Göttlicher zum 70. Bilder aus einem prallen Leben“ hat der Kunstverein Elmshorn die Schau betitelt, die pünktlich am 4. September 2016, Göttlichers Geburtstag, eröffnet werden wird.

Haben die renommierten regionalen Museen hier einfach geschlafen, oder ist Göttlicher, der sich gelegentlich kritisch über den Umgang mit Künstlern im Kreis Pinneberg geäußert hat, ausgerechnet vor der eigenen Haustür einfach nicht gefragt? „Es wäre toll gewesen, aber der Kunstverein Elmshorn war diesmal einfach schneller“, sagt Stefanie Fricke, künstlerische Leiterin der Drostei in Pinnberg. „Der Zug war diesmal einfach abgefahren. Klar bedauern wir das.“ Doch der 70. sei ja hoffentlich nicht der letzte runde Geburtstag des Künstlers, und beim nächsten Mal sei die Drostei schneller. Mit dem Kreiskulturzentrum wird Göttlicher in diesem Jahr trotzdem zu tun haben, allerdings im Rahmen eines Symposiums der Norddeutschen Realisten, denen er seit 1991 angehört.

Jürgen Doppelstein, der als Vorsitzender der Hamburger Ernst-Barlach-Gesellschaft auch Chef der Wedeler Dependance ist, relativiert den Anlass: „Ich kenne Erhard Göttlicher persönlich und schätze ihn sehr. Aber man kann unmöglich jedes Jubiläum mit einer Ausstellung bedenken. Ich bin kein Freund der großen Jubiläen. Künstler haben ihren Rang, den sollte man zeigen – unabhängig von Jubiläen und Gedenktagen.“

Ute Harms, Leiterin des Museums Langes Tannen an Göttlichers Wohnort Uetersen, verweist auf die Retrospektive zum 60. Geburtstag. „Das war eine sehr schöne Ausstellung damals, genauso wie wenige Jahre zuvor schon eine Ausstellung seiner Venedig-Bilder.“ Das Haus sei allerdings derart ausgebucht, dass nicht zu jedem runden Geburtstag eine Ausstellung zu machen sei. Und André Nowinski, beim Uetersener Amt für Bürgerservice zuständig für Kultur und Stadtmarketing, begründet die Zurückhaltung der Stadt so: „Im Rathaus der Stadt Uetersen ist keine Ausstellung vorgesehen, da diese für Hobbykünstler vorbehalten sind und auf Initiative der ausstellenden Künstler veranstaltet werden.“

Auch Porträts von Hannelore Elsnerund Heide Simonis werden gezeigt

Christel Storm, Vorsitzende des Kunstvereins Elmshorn, macht keinen Hehl aus ihrer Freude über den geglückten Coup: „Wir finden es wunderbar und fühlen uns geehrt, dass wir Erhard Göttlicher zu seinem 70. Geburtstag zeigen dürfen. Wir haben bereits 2014 angefragt, das war uns ein besonderes Anliegen. Da waren wir einfach schneller und haben vielleicht auch Glück gehabt.“

70 bis 80 Bilder soll die Ausstellung umfassen, darunter Porträts von Hannelore Elsner und Heide Simonis, einige seiner berühmten Illustrationen zum Roman „Schindlers Liste“, die er 1983 für den „Stern“ anfertigte, acht Bilder der Venedig-Serie, Motive aus dem Hamburger Hafen und der Lufthansa-Werft, Bilder, die bei Symposien der Norddeutschen Realisten in Finnland, Schweden und Holland entstanden sind. Und natürlich Aktzeichnungen. Den Großteil der ausgestellten Werke malte Göttlicher in den vergangenen 20 Jahren. „An frühere Werke heranzukommen, ist schwierig“, sagt Christel Storm. Denn Göttlichers Bilder haben sich immer gut verkauft und sind in alle Winde verstreut.

Und was reizt ihn nach so vielen erfolgreichen Projekten heute? Göttlicher holt von einer Staffelei im Atelier die kolorierte Skizze einer Gans. „Die hat mich auf dem Weg nach Prisdorf als Motiv spontan angesprochen. Die Bewegung, die stolze Haltung. Tiere haben mich schon immer interessiert.“ Vielleicht findet auch das Federvieh einen Platz in der Ausstellung.