Hamburg

Appell der Hamburger Kliniken: Nicht ohne Not in die Notaufnahme!

Ambulanzen dramatisch überlastet. Allein ins UKE kamen im vergangenen Jahr 73.000 Menschen – manche mit Bagatellen

Hamburg.  Die Zahl der Patienten in den Notaufnahmen der Hamburger Kliniken steigt dramatisch weiter. Immer mehr Menschen kommen mit vergleichsweise leichten Erkrankungen, die eigentlich beim Haus- oder Facharzt behandelt werden müssten. Allein im UKE ist die Zahl der Notfallpatienten im Jahr 2015 auf 73.000 gestiegen – 2000 mehr als im Jahr zuvor.

„Das ist vor dem Hintergrund einer häufig übervollen Notaufnahme eine besorgniserregende Zahl“, sagte Notfallkoordinator Dr. Ulrich Mayer-Runge dem Abendblatt. Im Marienkrankenhaus beträgt der Anstieg 20 Prozent in fünf Jahren. Viele kommen mit fieberhaften Infektionen, Durchfall oder Unregelmäßigkeiten auf der Haut.

Dr. Stephan Hofmeister, der Vizevorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), spricht von einem „veränderten Körperbewusstsein“. Er wolle kein Patienten-Bashing betreiben, aber: „Man googelt im Internet, bekommt Angst, und dann rennt man ins Krankenhaus.“ Obwohl die KV zwei Notfallambulanzen an der Stresemannstraße und in Farmsen-Berne betreibt sowie den mobilen Notarzt (Tel. 040/22 80 22), zieht es die Patienten in die Kliniken. Asklepios-Chef Ulrich Wandschneider hat selbst inkognito in den eigenen Notaufnahmen beobachtet, dass sonnabends und sonntags am meisten los ist. Im Abendblatt-Interview sagt er: „Mag sein, dass sich mancher Patient den Weg zum Hausarzt am Montag lieber ersparen will.“

UKE-Arzt Mayer-Runge beobachtet „auch an normalen Wochentagen gigantisch hohe Patientenzahlen. Man bittet die Patienten: Geht zum Hausarzt. Manche sagen, sie hätten keinen, andere sagen, ihre Schmerzen seien heute besonders stark.“ Zwar würden die Patienten in den Notfallambulanzen der KV ebenso gut behandelt. Diese seien aber nicht gut gelegen. „Manch einer denkt sich vielleicht: Da fahre ich lieber gleich ins UKE.“ Die Krankenhausbehandlungen sind bis zu viermal teurer als in der Praxis. Über eine Lösung für dieses Problem verhandeln zurzeit die Kliniken und die KV. „Es wäre schön, wenn wir eine Kooperation mit niedergelassenen Praxen schließen könnten, die eine Filterfunktion übernehmen, denn es ist sinnvoll, wenn leichtere Fälle von Allgemeinmedizinern behandelt werden“, sagt Dr. Claudia Brase, Geschäftsführerin der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft.

Fachleute haben eine „Notfallgebühr“ für die Patienten vorgeschlagen, die von sich aus die Notaufnahmen aufsuchen. Davon hält Brase nichts: „Es besteht das Risiko, dass eine solche Gebühr auch Schwerkranke fernhält, die diese Notfallbehandlung dringend brauchen.“

Seite 13 Bericht und Wandschneider-Interview