Hamburg

Das Protokoll: Hamburgs Nacht der Schande und das lange Schweigen

Schon 70 Anzeigen. Silvester-Übergriffe fast so schlimm wie in Köln. Viele Fragen an die Polizei. Künftig Videoüberwachung

Hamburg. Die Opferzahl steigt weiter rasant. Allein von Mittwoch auf Donnerstag haben weitere 17 Frauen angezeigt, dass sie in der Silvesternacht in Hamburg von Männern mit Migrationshintergrund umringt, im Intimbereich, am Busen und Hintern begrapscht, teils ausgeraubt und obszön beleidigt worden seien. Damit haben insgesamt 70 junge Frauen einen sexuellen Übergriff angezeigt.

67 Taten ordnet die Polizei dem Gebiet um Große Freiheit und Hans-Albers-Platz zu, weitere drei Taten sind am Donnerstag vom Jungfernstieg aktenkundig geworden. Alle Betroffenen berichten, dass die Täter junge Männer mit „südländischem, arabischem oder nordafrikanischem Aussehen“ seien.

Am Donnerstag kündigte die Polizei an, dass sie „anlassbezogen“ Polizeiwagen mit Videokameras, wie sie seit Jahren bei Demos genutzt werden, einsetzen will – zunächst an diesem Wochenende auf dem Kiez. Denkbar sei aber auch ein Einsatz bei Großveranstaltungen wie dem Alstervergnügen.

In den sozialen Netzwerken wird harsch über die Informationspolitik der Polizei geurteilt. Unterstellt wird, dass sie die Öffentlichkeit zu spät informierte, dass sie geschwiegen hat – weil Ausländer die Taten begangen haben sollen. Ein Vorwurf, den die Polizei vehement abstreitet. Dass sich die Polizei erst drei Tage nach den Taten geäußert hat, habe ihn „überrascht“, sagte der Hamburger CDU-Vorsitzende Roland Heintze dem Abendblatt. „Da muss man genau hinterfragen, ob Sachen, die man ernst hätte nehmen müssen, nicht ernst genommen worden sind“, sagte er. Das Abendblatt protokolliert die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei und die Ereignisse der vergangenen Tage:

1. Januar (Neujahr): Um 12.06 Uhr schickt die Polizei folgende Pressemeldung: „Silvesternacht in Hamburg – Tausende feiern friedlich den Jahreswechsel.“ Es folgen zehn weitere Meldungen, unter anderem geht es um einen Überfall auf einen Blumenladen. 2. Januar (Sonnabend): Nichts von der Hamburger Polizei. Um 16.58 Uhr meldet Köln, 30 Betroffene hätten angezeigt, am Hauptbahnhof Opfer sexueller Übergriffe geworden zu sein.

3. Januar (Sonntag): Die Polizei berichtet über fünf aus ihrer Sicht nennenswerte Ereignisse, etwa die Festnahme eines Autoaufbrechers an der Alster.

4. Januar (Montag): Die Polizei meldet: Pizzabote überfallen (13.40 Uhr), Verstoß gegen Sprengstoffgesetz (13.45 Uhr), Tankstelle überfallen (13.55 Uhr), Auseinandersetzung in Wohnunterkünften (15.41 Uhr). Um 21.30 Uhr berichten bild.de und mopo.de über Sexübergriffe auf dem Kiez. Die Polizei bestätigt dem Abendblatt die Vorfälle. Der Text geht um 22.30 Uhr online.

5. Januar (Dienstag): Bundesweit wird über Sex-Attacken in Hamburg berichtet. In der ersten offiziellen Meldung der Polizei (10.46 Uhr) dazu heißt es: „Nach bisherigen Erkenntnissen sind in der Silvesternacht in Hamburg-St. Pauli in zehn Fällen junge Frauen beraubt oder bestohlen worden. Dabei wurden die Frauen im Alter von 18–24 Jahren von den Tätern zunächst sexuell belästigt.“ Um 17.05 Uhr ist die Rede von 27 Strafanzeigen.

6. Januar (Mittwoch): Die Polizei meldet 53 Anzeigen und die Einrichtung einer Ermittlungsgruppe. Beim Neujahrsempfang des Abendblatts sagt Polizeivizepräsident Reinhard Fallak, es habe zunächst vier Anzeigen mit Bezug zu Übergriffen auf dem Kiez gegeben, bis zum Sonntag seien bei mehreren Dienststellen neun Anzeigen eingegangen. Er fügte hinzu: „Wir haben damit nicht hinterm Berg gehalten. Wir hatten aufwachsend – also bis heute – innerhalb von fünf Tagen die Taten.“

7. Januar (Donnerstag): Die Anfrage des Abendblatts, wann wo wie viele Anzeigen eingegangen sind, blieb gestern unbeantwortet. „Wir werten das gerade exakt aus, weil es sehr aufwendig ist“, sagt Polizeisprecher Jörg Schröder. Die Polizei habe „nichts verheimlicht“. Erst im Laufe des Montags habe man erkannt, dass es eine Häufung von Taten mit sexuellem Hintergrund an der Reeperbahn gegeben habe. Jörg Schröder: „Zeit ist auch deshalb verstrichen, weil sich die Opfer nicht auf der David­wache, sondern bei Kommissariaten in anderen Bezirken und im Umland gemeldet haben.“ Zudem seien einige Fälle zunächst als Raub- oder Diebstahls­delikt gemeldet worden. In der Tat-nacht seien nur einzelne Übergriffe teils mit Zeitverzug angezeigt worden. Im Zuge der Medienberichterstattung hätten seit Dienstag immer mehr Opfer den Mut gefasst, zur Polizei zu gehen.

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