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Glück und Unglück des Dorfes

Ein Abend über „Das Neue Wir“, Bildertheater von FC Bergman, Neues aus China und Luk Percevals „Früchte des Zorns“

Ein Theaterstück über das, was man nicht sieht – so kündigt das Kollektiv FC Bergman seine Performance mit dem seltsamen Titel „300el x 50el x 30el“ an, die nach der Ruhrtriennale am 30. und 31. Januar bei den Lessingtagen gastiert. Genau genommen ist es kein Theaterstück, denn es gibt keinen Text, aber den gibt es bei Peter Handke ja mitunter auch nicht. Dennoch oder gerade deswegen ist das Theater von FC Bergman gewaltiges, obsessives und detailverliebt auf die Bühne gebrachtes Großtheater. Zwischen den Holzhütten einer Siedlung im Nirgendwo hausen von der Welt abgeschiedene Individuen. Sie wappnen sich gegen eine unbekannte Gefahr, spielen in langen, eintönigen Jahren erprobte Rituale durch von skurriler Komik und beklemmender Gewalt.

Das holländische Kollektiv, bestehend aus sechs Performern, die sich an der Antwerpener Schauspielschule begegneten, huldigt schon in seinem Namen bestimmten Vorläufern. Dem Geist der in Fußballclubs erprobten Gemeinschaft, außerdem der Macht des Bildes in Anlehnung an den schwedischen Filmregisseur Ingmar Bergman. „300el x 50el x 30el“ – der krude Titel ist eine Anspielung auf die Maße der biblischen Arche Noah – ist folglich eine große Bilderorgie, aber auch eine tragische Farce. Der Abend führt dem Zuschauer die Sinnlosigkeit des Geschehens unerbittlich vor Augen.

Die abgeschottete Hüttengemeinde liefert Denkanstöße, wenn es um die Schaffung einer neuen, von Migration geprägten Gesellschaft geht. Entsprechend richtet sich die Aufforderung, an dieser Utopie mitzudenken, an alle Bürger der Stadt und alle Festivalbesucher. „Das neue Wir. Ein Bürgergipfel von und für (Neu-)Hamburger“ nennt der Mi­grationsforscher Mark Terkessidis seinen Impulsvortrag am 24. Januar. Einen Ort der Begegnung will er schaffen, an dem die Beteiligten, Experten und Laien, also alle Anwesenden, sich über Themen des Zusammenlebens wie Arbeit, Demografie, Wohnen, Bildung, Heimat, Vielfalt, Außen- und Innenpolitik austauschen. Es ist auch der Versuch, die vielfach als Bedrohung wahrgenommene Krise als Chance zu begreifen und aktiv etwas Positives zu kreieren.

Eine Gesellschaft ebenfalls auf der Suche nach ihrer Identität stellt China dar. Das Gastspiel „Die Masse“ von Nick Yu Rong Jun in der Regie des jungen Tang Wai Kit schildert am 28. und 29. Januar anhand des Einzelschicksals eines Mannes, der den Mörder seiner Mutter sucht, Veränderungen von der Kulturrevolution 1967 bis zu den Regenschirmdemonstrationen in Hongkong 2014. Es zeigt sich, dass sich das Verhältnis des Einzelnen zur Masse, zu einem Wir, in dieser wenig individualisierten Gesellschaft dramatisch wandelt.

Unbehauste, ortlose Menschen führt auch Thalia-Oberspielleiter Luk Perceval in der Premiere von John Steinbecks „Früchte des Zorns“ am 23. Januar vor. Infolge von Missernten, Armut und Perspektivlosigkeit flohen Anfang des vergangenen Jahrhunderts Tausende von der Ostküste über die Route 66 in den gelobten Westen der USA. Exemplarisch am Beispiel der Familie Joad schildert Steinbeck, was ihr dort nach einer Reise voller Verluste blüht, Misstrauen, Abwehr, Fremdenhass. Perceval dürfte starke Bilder finden für eine Utopie , deren Heilsversprechen einer bitteren Realität weicht.

„Das neue Wir. Ein Bürgergipfel von und für (Neu-)Hamburger“ So 24.1., 11.00, Thalia Theater, Eintritt frei; „Früchte des Zorns“ Premiere
Sa 23.1., 19.30, Thalia Theater, Alstertor, Karten 15,- bis 74,- ; „Die Masse“ Do 28.1./Fr 29.1., jew. 20.00, Thalia in der Gaußstraße, Gaußstraße 190, Karten 28,-/erm. 15,-; FC Bergman: „300el x 50el x 30el“ Sa 30.1., 20.00, So 31.1., 17.00, Thalia Theater, Alstertor, Karten 10,- bis 57,- unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de