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Ein Leben aufbauen

Krisenfall Naher Osten mit Yael Ronens „The Situation“

Der Nahe Osten ist seit Langem ein Krisenherd, durch den Syrien-Krieg hat er weiter an Brisanz zugenommen. Aus der Hauptstadt Damaskus stammt Regisseur Omar Abusaada, der am 1. und 2. Februar mit einer ganz eigenen „Antigone of Shatila“ seines Landsmannes Mohammad al-Attar aufwartet. Das Sophokles-Original wird zur Folie, um von 17 syrischen Frauen zu erzählen, die Zuflucht im Libanon suchen. Aus der Konfliktzone stammt auch die in Berlin lebende israelische Regisseurin Yael Ronen. Die gefeierte Theatermacherin ist bereits zum vierten Mal zu Gast, am 3. und 4. Februar zeigt sie „The Situation“. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen begegnen sich in einem Berlin-Neuköllner Deutschkursus. Ein Gespräch.

Hamburger Abendblatt: Frau Ronen, Ihre Theaterabende beruhen auf Recherchen. Wie zieht man ein lokal erforschtes Thema groß?

Yael Ronen: Ich starte nicht mit einem Stück. Ich fange mit einem Thema an, einer Idee, einem Namen. Dann lasse ich mich mit den Schauspielern von unseren Biografien inspirieren. Es geht um Stimulation und Reaktion. Im Probenraum entsteht dann das eigentliche Stück.

Wovon handelt „The Situation“?

Ronen: Ich wollte etwas über Nachbarschaft erzählen. Hier in Neukölln leben viele Menschen aus dem Nahen Osten, sie kommen aus verschiedenen Konflikten, und hier leben sie zusammen. In dem Stück begegnen sich Ensemblemitglieder aus Palästina, Syrien, Israel und Kasachstan.

Wie gehen Sie mit den Konflikten innerhalb der Bevölkerungsgruppen um?

Ronen: Da gibt es keinen direkten Konflikt, es geht um verschiedene Hintergründe, um die Fähigkeit, unterschiedliche Leben in Berlin aufzubauen, ein Fenster zu öffnen. Das Stück handelt davon, was es heißt, hier neu anzukommen.

Die Situation im Nahen Osten ist ja sehr kompliziert. Wäre es möglich, die Aufführung in Israel zu zeigen?

Ronen: Nein, schon deshalb nicht, weil drei Schauspieler nicht ins Land kämen. Ein Syrer oder ein Palästinenser kann dort nicht einfach einreisen.

Viele Theater sind auf der Suche nach einem Zukunftskonzept. Was macht Shermin Langhoff an ihrem sehr erfolgreichen Maxim Gorki Theater derzeit richtig?

Ronen: Sie zeigt eine frische Herangehensweise. Ich hoffe, dass es nicht nur eine Mode ist. Im Augenblick ist es neu und aufregend. Wir müssen mit unserer Kunst zeigen, dass es interessant bleibt. Das Theater hat sich zuletzt lange mit seiner Form beschäftigt. Jetzt werden Inhalte wichtiger, die an eine multikulturelle Realität andocken.

Was treibt Sie in Ihrer Kunst an, die Sie ja immer auch politisch verstehen?

Ronen: Ich versuche, wirklich relevante Themen zu finden, die mir unter den Nägeln brennen, nicht weil sie allgemein als wichtig gelten oder gut im Lebenslauf aussehen. Ich bin an Menschen interessiert. Das Ensemble ist eine therapeutische und unterstützende Gruppe für diese Krankheit, die Leben heißt.

Was ist in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise notwendig?

Ronen: Wir brauchen Geduld und Offenheit. Eine Migrationskrise endet nicht damit, dass die Leute in Sicherheit sind. Wir erleben einen historischen Moment, in dem sich die Gesellschaften verändern. Der Konflikt in Syrien wird nicht schnell zu beenden sein. Die Probleme von Religion, Zerfall, Fanatismus, die vor Jahren klein waren, sind heute groß. Die Hamas, Isis oder die extreme Rechte in Israel sind die Spieler. Jetzt besteht die Gefahr, das solche Machtfaktoren auch in Europa stark werden.

Yael Ronen & Ensemble: „The Situation“
Mi 3.2/Do 4.2., jew. 20.00,; Antigone of Shatila“ Mo 1.2., 20.00, Di 2.2., 15.00, 20.00,Thalia in der Gaußstraße, Gaußstraße 190, Karten 28,-/erm. 15,- unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de