Durban

Keine Angst vorm weißen Hai

Durban. Dreieckige Rückenflossen umkreisen die Schwimmer. Irgendwo im Hinterkopf spielt die Titelmelodie von „Der weiße Hai“. Doch die Attacke bleibt aus: Haie und Menschen schwimmen im klaren Wasser. Ein seltsam friedliches, fast surreales Bild, das mit Hai-Klischees bricht. Genau das sollen die Bootsausflüge von „Blue Wilderness“ vermitteln, sagt Jessica Escobar-Porras. Jeden Tag ist die Haiforscherin mit Touristen am Aliwal-Shoal-Riff südlich von Durban in Südafrika unterwegs, um ihnen die Raubfische aus einem anderen Blickwinkel zu zeigen.

Ganz ohne Instruktionen lässt sie unsere Gruppe dann aber doch nicht ins Wasser. „Denkt immer daran, diese Haie haben kein Gespür für Privatsphäre!“ Aus Neugier können sie sehr nah kommen – da ist es wichtig, ruhig zu bleiben. Denn abrupte Bewegungen wecken das Interesse der Tiere. „Ihr sechster Sinn sagt ihnen, dass es hier Beute geben könnte, und sie schnappen im Zweifelsfall doch aus Versehen zu.“ Deshalb solle man auch die Hände immer ganz nah am Körper halten, am besten unter den Achselhöhlen.

Nachdem alle im Wasser sind, gehe auch ich von Bord. Schon nach ein paar Schwimmzügen taucht plötzlich der erste Hai unter mir auf. Mein Herz scheint kurz stehenzubleiben. Es ist ein unwirklicher Moment, irgendwo zwischen Fluchtinstinkt und Faszination. Doch die Haie scheinen sich tatsächlich kaum für uns Menschen zu interessieren. Einer streift mich mit seiner rauen, kühlen Haut kurz am Bein.

Die Zeit unter Wasser vergeht wie eine Traumsequenz. Mehr als ein Dutzend Haie schwimmen unter uns vorbei. In ihrer natürlichen Umgebung wirken die Tiere zwar allein durch ihre Größe eindrucksvoll, sind aber – sobald man sich von den Schreckensszenarien im eigenen Kopf befreit hat – wenig furchteinflößend.

„Haie haben einfach nur ein schlechtes Image“, sagt Jessica Escobar-Porras. „Lange Zeit hat sich kaum jemand die Mühe gemacht, ihr Verhalten zu studieren, um sie besser zu verstehen. Meine Forschung und diese Bootsausflüge sollen zu ihrem Schutz beitragen.“ Und wer einmal mit Haien geschwommen ist, sieht sie nicht mehr als bloßes Raubtier. Adieu Feindbild.