Geschäft mit bedrohten Exoten

Heute beginnt in Hamm die Terraristika – die weltweit größte Reptilien-Messe. Tierschützer warnen vor dem Handel

Essen.  Sandra Altherr hat Hausverbot auf der Terraristika, der weltweit größten Reptilienmesse, die am heutigen Sonnabend im nordrhein-westfälischen Hamm startet. Mehrfach hatte sich die Tierschützerin von Pro Wildlife kritisch zu der Messe geäußert. Tatsächlich kommen zu den jährlich bis zu 800.000 legal in Deutschland eingeführten Reptilien laut dem Statistischen Bundesamt etwa 200.000 Tiere auf illegalem Weg ins Land. Die Einfuhr international geschützter Reptilienarten lag laut dem Bundesamt für Naturschutz 2014 bei rund 67.000.

Eine Gefahr für den Arterhalt und oft eine Qual für die Tiere. Denn nicht alle Halter kommen mit ihren schuppigen Errungenschaften zurecht. Allein in den vergangenen fünf Jahren wurden hierzulande rund 30.000 Reptilien in Tierschutzheimen abgegeben, 1021 allein in Hamburg. Viele der Tierheime gaben in einer Studie des Deutschen Tierschutzbundes an, die Tiere nicht artgerecht unterbringen zu können. Vor allem Wasserschildkröten, aber auch Landschildkröten, Nattern, Boas, Pythons und Bartagamen wurden abgegeben. Auch ein Brillenkaiman, der zu der Art der Alligatoren gehört, war darunter. Laut dem Verband der Industrie für Heimtierbedarf gibt es hierzulande 800.000 Terrarienbesitzer.

Exoten werden gehandelt wie seltene Briefmarken

Käufer, die sich dennoch ein Reptil zulegen wollen, müssten zuallererst darauf achten: Vorsicht vor Schmuggelware wie etwa dem Borneo-Taubwaran. Er hat kleine Augen, einen braunen Körper mit kurzen Beinen und zahlreiche Schuppen. Auf der südostasiatischen Tropeninsel lebt „Lanthanotus borneensis“ am liebsten im Verborgenen. Über seine Lebensweise ist bislang wenig bekannt. Wie er am besten gehalten wird, lässt sich also bestenfalls mutmaßen. Fang und Export der braunen Echse sind in seinem Heimatland verboten. Dennoch ist er auf der Reptilienbörse ein Star. Schon im November preist ein Händler namens „BW“ einen Borneo-Taubwaran an, den er in Hamm verkaufen will.

Die Bundesregierung strebt langfristig ein deutschlandweites Verbot gewerblicher Tierbörsen wie in Hamm an. Derzeit lässt sie von Forschern der Universitäten in München und Leipzig die aktuelle Situation erheben und analysieren. Je nach Ergebnis will sie 2016 einen Entwurf vorlegen. Denkbar ist auch ein Verbot des Imports von Wildfängen.

Doch gerade die sind bei Sammlern begehrt. Bis zu 3000 Euro zahlen sie für ein Pärchen des Borneo-Taubwarans. Als die Tiere vor anderthalb Jahren erstmals in den Internetforen auftauchten, waren es sogar 10.000 Euro. Das Neue und Seltene, sagt Tierschützerin Altherr, das sei die Blaue Mauritius der Reptilienwelt. Wie bei Briefmarkenfans.

Sandra Altherr spricht von „organisierter Kriminalität“. Die Reptilienhändler, die mit den Exoten Millionen umsetzten, knüpften Kontakte mit Einheimischen, die die Tiere einfingen. Per Freiflug schickten sie Kuriere mit den Reptilien im Gepäck auf die Reise. Das sei billiger, als die Tiere aufwendig zu züchten.

So kommen Baumschleichen, Nashorn-Agamen und andere Arten aus Ländern wie Mexiko, Guatemala oder Sri Lanka, in denen sie geschützt sind, hier her. Einmal außer Landes geschmuggelt, dürfen sie in Europa frei verkauft werden. Die Käufer machen sich also nicht strafbar. Der Schmuggel ließe sich nur stoppen, wenn die Kuriere festgehalten würden, sagt Altherr. Das komme jedoch nicht oft vor.

Tierschützerin Altherr rät grundsätzlich vom Kauf eines Reptils ab. „Falls überhaupt eines angeschafft werden muss: Kaufen Sie keine Tiere, die ihnen wie geschmuggelte Raritäten auf dem Parkplatz oder im Hotel nahe von Börsen wie in Hamm übergeben werden sollen!“ Am besten sei es, direkt zu einem Züchter zu gehen und sich beide Elterntiere zeigen zu lassen.

Reptilien zu halten ist nicht so anspruchslos wie oft angenommen. So entfloh etwa vor ein paar Jahren einem Mühlheimer eine giftige Monokelkobra aus dem Terrarium. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk suchten tagelang, nahmen ein ganzes Haus dabei auseinander. Das Tier verendete schließlich in einer Falle, der Halter musste 100.000 Euro für den Einsatz bezahlen. Verboten ist die Haltung solch gefährlicher Tiere bislang nur in den Ländern Berlin und Hessen.

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, beschäftigt aber vielmehr das Unspektakuläre: „Viele kaufen ein Reptil auf Börsen, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Es kann aufwendig und teuer sein, ein Reptil zu halten“, sagt er. Mit einem Standardterrarium sei das kaum getan. Beim Kauf etwa einer jungen Wasserschildkröte werde oft nicht beachtet, zu welcher Größe sie heranwächst – sie machen den Großteil der in Tierheimen abgegeben Reptilien aus.

Altherr warnt davor, jede Mode mitzumachen. Sie macht längst einen neuen Trend aus: Sugar Glider. Die Flughunde aus Indonesien gibt es ab 80 Euro. Oder den Berberaffen: 400 Euro.