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Ein Professor plant den perfekten Mord

Woody Allens Krimikomödie „Irrational Man“ kommt etwas unentschlossen daher, Joaquin Phoenix jedoch überzeugt

Es klingt vielleicht überraschend, aber in einer Hinsicht lässt sich Woody Allen am ehesten mit James Bond vergleichen: Seine Zuschauer sind alle Experten. Wie sonst nur bei 007, wird jeder neue Allen-Film als Erstes in seiner Rangordnung zu den Vorläuferwerken verhandelt. Ob es ein guter oder schlechter Woody Allen ist. Oder ob der Meister es diesmal ernster oder witziger angeht. Einigkeit gibt es dabei aber noch weniger als bei der Frage, wer nun der beste Bond-Darsteller sei. Andererseits kann man sich genauso sicher sein, dass jeder neue Allen-Film neben zahlreichen Kritikern auch immer seine Fans findet.

Abe testet Dostojewski auf seine „Street-Credibility“ im 21. Jahrhundert

Das Gefühl der Routine ist dabei über die Jahre fast zur Handschrift Woody Allens geworden. So betritt er in „Irrational Man“ zwar mit der Verortung an einer Ostküsten- Universität gewissermaßen Neuland, gleichzeitig hat man all die auftretenden Figuren in ähnlichen Variationen im Allen-Kosmos schon mal gesehen. Das trifft besonders auf die zwei Helden im Zentrum zu: Emma Stone spielt die aufgeweckte, aber auch leicht zu manipulierende Studentin Jill; Joaquin Phoenix den am Sinn des Lebens und sich selbst zweifelnden Philosophie-Professor Abe. Der Film lässt die beiden mit einer Vorhersehbarkeit zusammenkommen, die fast schon parodistische Züge hat. Zusätzlich schlagen sich beide mit bewährten Allen-Problemen herum: Jill muss herausfinden, wer der richtige Mann für sie ist, Abe testet derweil Dostojewski auf seine „Street-Credibility“ im 21. Jahrhundert. Gibt es ein Verbrechen ohne Strafe?

Besonders Letzteres wird Allen-Experten bekannt vorkommen. Zur Frage, wie es sich weiterlebt, wenn man einen Mord begangen hat, kommt Woody Allen immer wieder zurück. War „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ noch eine schwarze Komödie, funktionierte „Match Point“ schon als kalter Thriller. „Cassandra’s Dream“ dagegen überschritt fast die Grenze zum Melodrama, und gehört wohl deshalb zu den unter Fans weniger geschätzten Werken.

In „Irrational Man“ nun mixt Allen die Farce- und Krimi-Elemente seiner Geschichte auf eine so unentschiedene und wenig energische Weise, dass sie zunächst ratlos macht. Das Erzählen aus dem Off, bei dem sich Jill und Abe abwechseln, scheint immer nur das ohnehin Offensichtliche zu bestätigen. Abe ist einerseits die Karikatur eines linken Intellektuellen, der Taten scheut. Andererseits macht ihn sein als Wohltat ausgegebener Mord zunächst zu einem viel erträglicheren Menschen. Fast ist es so, als ob Allen es dem Zuschauer überlassen möchte, ob er über diesen schrägen Helden lachen oder ihn verurteilen will.

Interessant wird „Irrational Man“ dadurch, dass Joaquin Phoenix es dem Zuschauer bei dieser Entscheidung wirklich nicht leicht macht. Dass Phoenix sehr überzeugend einen depressiven Narzissten spielen kann, überrascht natürlich wenig. Dass er gleichzeitig auch noch Heidegger zitieren kann, als verstünde er wirklich etwas davon, dagegen schon. Wie überhaupt sein bierbauchiger Philosophie-Professor jenes rare Beispiel eines Klischees ist, das sich erfolgreich selbst unterwandert.

Da ist das Trauern um die verlorenen Ideale eines Menschenrechtsengagements in diversen Katastrophengebieten, von denen man nie weiß, ob Abe je dort war. Hinzu kommt die sich wenig um Außenwirkung scherende Alkoholiker-Attitüde mit Flachmann im Sakko und das freizügige Verkünden der eigenen Impotenz. Man versteht, was Emma Stones Jill an ihm so attraktiv findet. Es sind nicht die rebellischen Inhalte, es ist ihre rohe, ungeschliffene Form, eine Art dunkler Energie, die Phoenix wie kein anderer sichtbar machen kann. Selbst unter einem Regisseur wie Allen, der seine Schauspieler mittlerweile vor der Kamera gleichsam für sich selbst kämpfen lässt. Emma Stone kommt damit sichtlich weniger gut zurecht als etwa Parker Posey, die aus einer nachlässig geschriebenen Nebenfigur hier in wenigen Auftritten das Beste macht. Ist „Irrational Man“ also ein guter Woody-Allen-Film? Stellenweise schon.

„Irrational Man“ USA 2015, 95 Min., ab 12 J.,
R: Woody Allen, D: Joaquin Phoenix, Emma Stone, Parker Posey, täglich im Abaton, Blankeneser, Holi, Koralle, Passage und Zeise;
sonyclassics.com/irrationalman