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Ein Koloss lernt zu lieben

Die isländische Tragikomödie „Virgin Mountain“ lebt von ihrem brillanten Hauptdarsteller Gunnar Jónsson

Fusi (Gunnar Jónsson) ist groß, dick, um die 40 Jahre alt und lebt immer noch in der Wohnung seiner Mutter. Er arbeitet in der Gepäckabteilung am Flughafen. Sein Privatleben sieht sehr überschaubar aus: Am liebsten stellt er mit einem Freund und Modellfiguren die Schlacht von El Alamein nach. Eine Freundin hat er noch nie gehabt.

Ein schlichter Mensch, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat, aber der täuscht. Ein kleines Mädchen (Franziska Una Dagsdottir), das mit seinen Eltern im selben Haus wohnt, sucht seine Nähe. Sie bemerkt, dass der Hüne mehr drauf hat. Aber die Eltern unterbinden ihre Freundschaft, weil sie bei Fusi zu Unrecht pädophile Neigungen vermuten. Und wieder ist sein Leben um eine Enttäuschung reicher.

Zum Geburtstag bekommt er einen Square-Dance-Tanzkursus und einen Cowboyhut geschenkt. Zuerst drückt er sich noch um die Veranstaltung herum, aber dann traut er sich und lernt dabei die Blondine Sjofn (Ilmur Kristjánsdóttir) kennen. Eine zarte Beziehung bahnt sich zwischen beiden an. Erschwert wird sie durch eine Reihe von Dämonen, die Sjofn mit sich herumträgt. Er ist aber rührend um sie bemüht und zieht sogar in Erwägung, ihretwegen bei seiner Mutter auszuziehen.

Regisseur Dagur Kari baut die Geschichte in „Virgin Mountain“ sorgfältig auf und balanciert sie gut aus. Der Film lebt entscheidend vom Zusammenspiel seiner beiden Hauptdarsteller. Kristjánsdóttir geht schnell nach außen. Sie gibt die verletzte Seele, die auch schon mal alles sagt, was ihr gerade durch den Kopf geht. Viel ruht aber auf den ziemlich breiten Schultern von Gunnar Jónsson . Schon rein äußerlich eine Naturgewalt, spielt er im Gegensatz dazu den klugen, verletzlichen und hilfsbereiten Fusi mit feinem Timing und minimalistischen Gesten. Das hat ihm und Kari schon eine ganze Reihe von Preisen eingebracht. Der Regisseur zeigt hier wieder nach „Ein gutes Herz“ und „Noi Albinoi“ wie es ihm gelingt, glaubwürdige Charaktere in einen skurrilen Kosmos voller Menschenwürde einzubauen.

„Virgin Mountain“ ISL/DK 2015, 94 Min.,
ab 12 J., R: Dagur Kári, D: Gunnar Jónsson, Ilmur Kristjánsdóttir, Sigurjón Kjartansson, im Passage; alamodefilm.de/kino/detail/virgin-mountain.html