"Herbstblond"

Thomas Gottschalk - "zur Not eben ein altes Kind“

Thomas Gottschalk,
64, hat eine Zwischenbilanz
seines
Lebens geschrieben.
Buchtitel:
„Herbstblond“

Thomas Gottschalk, 64, hat eine Zwischenbilanz seines Lebens geschrieben. Buchtitel: „Herbstblond“

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Thomas Gottschalk hadert in seinen Memoiren mit dem Alter. Die Frohnatur liefert Anekdoten – und nachdenkliche Töne.

Berlin.  Showstar Thomas Gottschalk feiert im Mai seinen 65. Geburtstag. Es ist ihm zwar nicht unbedingt anzusehen, doch sein Alter macht ihm schon zu schaffen. Denn ein Berufsjugendlicher, der zeit seines Lebens gutes Geld mit seinem Temperament, seinem Charme und seinem kindlich wirkenden Spaßempfinden verdient hat, macht sich vielleicht mehr Gedanken über den Reifeprozess als ein Durchschnittsbürger.

Thomas Gottschalk, der neben dem derzeit zurückgezogen lebenden Harald Schmidt, 57, und dem dauerpräsenten Günther Jauch, 58, zu den Top drei der TV-Branche gehört, hat seine Memoiren geschrieben und sie mit dem Begriff „Herbstblond“ betitelt. Was ihm die Möglichkeit offenlässt, in, sagen wir, 15 Jahren die Erkenntnisse seines Lebens unter dem Titel „Winterweiß“ zu komplettieren.

Er habe es nie für nötig gehalten, sich wie ein Erwachsener zu benehmen

Das Altwerden und das Alter nehmen bei Gottschalk viel Raum ein. Der Blick in den Spiegel, der eher neutrale Umgang junger RTL-Redakteure mit ihm hinterlassen Spuren beim „Grüßaugust der Nation“ – das passt ihm alles nicht. Gerne saugt der Franke Streicheleinheiten aus Volkes Stimme auf wie in einer Begegnung, die er unlängst in Berlin hatte: „Hat dir schon ma eena jesacht, ditte aussiehst wie der Jottschalk?“, wurde er im Fahrstuhl angequatscht. „Ja, das passiert mir öfter.“ „Mann, damit kannste Jeld vadien!“ „Aber nicht so viel wie der.“ „Macht nischt, dafür biste zehn Jahre jünger.“

Er habe es nie für nötig gehalten, sich wie ein Erwachsener zu benehmen, und er lebe in der Wahnvorstellung, ewig Kind bleiben zu können – „zur Not eben ein altes Kind“. Neben vielen heiteren Anekdoten aus Kindheit, Jugend und Karriere, die das ganze Buch lesenswert machen und den Eindruck erwecken, als spreche direkt neben einem permanent der „Wetten, dass...“-Dauerplauderer Gottschalk, überrascht die Frohnatur mit ernsthaften Tönen. Intensiv befasst er sich mit den Suiziden zweier Freunde und Weggefährten: Lebemann Gunter Sachs und Ex-MDR-Intendant Udo Reiter, der ihn förderte. Gottschalks Erkenntnis: Er respektiert die Entscheidungen der beiden. Er werde aber nicht versuchen auszusteigen, bevor er am Ziel sei.

Freunden, und engen Kollegen, schenkt Gottschalk viel Platz: Einige Seiten widmet er dem verstorbenen Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki, der 2008 den Deutschen Fernsehpreis fürs Lebenswerk ablehnte und dem Gala-Moderator Gottschalk gleich nach dem Eklat das Du anbot. Gummibär-Patron Hans Riegel aus Bonn (Haribo), der Gottschalk 25 Jahre als Werbefigur hielt, wird ausgiebig bedacht. Und auch der Kollege Jauch findet ausführlich statt: Der habe ihm berichtet, er trage sich ernsthaft mit dem Gedanken kürzerzutreten. „Was er nie tut“, lästert Gottschalk. Seine Passion, meint er über Jauch, hätte er in seinem Weingut finden können. Die Realität aber ist: „Jetzt ist seine Stimmung auch noch vom Wetter abhängig.“

Nichts lässt Gottschalk auf seine mit ihm seit 1976 verheiratete Frau Thea kommen; sie habe seinetwegen auf eine Karriere verzichtet. Die Söhne Tristan und Roman leben nach ihrem Studium in den USA, der eine getrennt von der Mutter seines Kindes. Gottschalks Enkel lebt in Berlin und wird vom großen Meister persönlich ab und an in den Kindergarten gebracht. Recht umfangreich fällt auch die Abrechnung mit seinen Kritikern aus, die alles in allem „ein gerechtes Unentschieden“ hervorbringt. Die heftigste Anekdote ist mehr als 20 Jahre alt, als ein Sat.1-Magazin ihn als Scientologen outen wollte – bei dem fraglichen Thomas Gottschalk handelte es sich allerdings nicht um den Maître der TV-Kunst, sondern um einen anderen.

Recht knapp indes fallen Gottschalks Bemerkungen über sein Verhältnis zu Immobilien aus. Zwar schildert er ausführlich den Erwerb seines US-Anwesens und auch den Kauf und Verkauf des Schlosses am Rhein, aber über sämtliche andere Investitionen in Grund und Boden – wo immer sie stattgefunden haben mögen – gerät die Bilanz kurz: „Ich habe mir alle Immobilienkäufe meines Lebens immer im Nachhinein schönreden müssen. Alles in allem habe ich bisher draufgezahlt, aber die Endabrechnung liegt ja noch nicht vor. Außerdem waren mir Zahlen immer egal, wenn ich das subjektive Gefühl hatte, mich zu verbessern.“

Auch das Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder Christoph beleuchtet Gottschalk in relativ wenigen Zeilen. Aufgrund der ähnlichen Stimmen seien sie zu verwechseln gewesen, die Gesprächspartner am Telefon hätten oft das Gefühl gehabt, dass Thomas mit im Boot gesessen habe, obgleich das nicht immer der Fall gewesen sei.

Sie hätten sich auch ein paar Mal in die Haare gekriegt, sich dann aber wieder versöhnt. Beide wüssten, dass sie im Ernstfall füreinander da seien. So etwa im sogenannten Schleichwerbeskandal rund um „Wetten, dass..?“, den vor allem der „Spiegel“ vor einigen Jahren ausführlich thematisierte. Da spielte Christoph eine tragende Rolle, denn er besorgte von einem Autohersteller ein Fahrzeug, mit dem ein Wettkönig belohnt wurde.

Letztlich bewegte der Unfall von Wettkandidat Samuel Koch, der beim Versuch, mit Sprungfedern über Autos zu springen, querschnittgelähmt am Boden liegen blieb, Gottschalk zum Rückzug von „Wetten, dass..?“. Doch mit mehr als 60 Jahren startete er noch einmal: in der ARD mit der Vorabendshow und beim RTL-„Supertalent“ – wenn auch erfolglos. Gottschalk sieht es gelassen: „Hätte ich mich nach den Abschiedsfeierlichkeiten und dem Quotensegen für die letzte „Wetten, dass..?“-Show winkend aufs Altenteil begeben, hätte man mich zwar heiliggesprochen, aber das Nächste, was ich aus Deutschland gehört hätte, wäre mein Nachruf gewesen.“