"Niedere Instinkte"

Leipziger "Tatort": „Leipzig kann also auch gut!?!“

So nahe waren sich Keppler (Martin Wuttke) und Saalfeld (Simone Thomalla) lange nicht

So nahe waren sich Keppler (Martin Wuttke) und Saalfeld (Simone Thomalla) lange nicht

Foto: ARD / MDR/Saxonia Media/Junghans

Ordentliche Quote für "Niedere Instinkte“: 10,06 Millionen Zuschauer folgen dem Duo Saalfeld und Keppler bei der Lösung ihres letzten Falls.

Ein sentimentaler Abschied sieht anders aus: Der letzte „Tatort“ aus Leipzig hat bei den Zuschauern am Sonntag (10,06 Millionen/28,3 Prozent Marktanteil) wenig Bedauern über den Abschied von Simone Thomalla (50) und Martin Wuttke (53) ausgelöst. „Niedere Instinkte“, so der Titel des letzten Leipziger Falls am Sonntagabend, „hat mal wieder gezeigt, dass man ihn nicht vermissen wird“, schrieb Twitter-Nutzer Pascal Jordan (@Kallinho91). In der ARD-Mediathek wurde die Folge von 440 Zuschauern (Stand 23:44 Uhr) mit zwei von fünf Sternen bewertet. Der MDR hat die Leipziger Kommissare in Rente geschickt. Besonders Thomalla bedauerte das Ende häufiger, sie hätte gerne weitergemacht.

Der finale Fall der Ermittler Eva Saalfeld (Thomalla) und Andreas Keppler (Wuttke) hatte vorab durchaus gute Kritiken erhalten. Und auch wenn schnell klar war, dass den Abschiedsfilm ziemlich viele ziemlich gestörte Menschen prägen würden, waren die Zuschauer anfangs noch ganz wohlwollend. „Leipzig kann also auch gut!?!“, fragte Phillip Rombach (@Rombach). Und Twitterer @mdeimann befand: „Dieser #Tatort verfolgt die Politik der maximalen Irritation. Bislang geht das Konzept auf.“

Doch je länger Saalfeld und Keppler wegen einer Kindesentführung gegen ein psychopathisches Ehepaar ermittelten, desto ratloser wurde das Fernsehpublikum. Und am Ende urteilten nicht wenige so wie Mia Wallace (@jungundpleite): „Das war einfach nur krank.“

Die Episode schloss mit einem Wink auf die Zukunft des Ermittlerduos, die allerdings ausschließlich in den Köpfen der Zuschauer stattfinden muss. Am Ende entlud sich die sieben Jahre aufgebaute Spannung des geschiedenen Paars in einem leidenschaftlichen Kuss der Kommissare und der unverblümten Aufforderung Saalfelds an ihren Lover-Kollegen: "Mach mir ein Kind!" Keppler ließ sich nicht lange bitten und hechtete beherzt auf das Bett der lauernden Polizistin. Und so wünschte Twitter-User "@Onkel_Shelly" den beiden schließlich "viel Spaß beim Kinder machen".

Der Leipziger „Tatort“ zählte in seinen sieben Jahren mit Thomalla und Wuttke nie zu den absoluten Publikumslieblingen - trotz ordentlicher Quoten.

2016 probiert der MDR einen Neustart des Sachsen-„Tatorts“. Ein Team aus den jüngeren Schauspielerinnen Karin Hanczewski, Alwara Höfels und Jella Haase wird in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden ermitteln. Mit Blick darauf kommentierte Twitterer @salvaDDor den Leipziger Ausstand so: „Das Beste an diesem #Tatort - Der neue aus Dresden kann auf keinen Fall noch schlechter werden.“

Das passierte im "Tatort"

Noch ein Mal groß Auffahren vor dem Abtritt: Das scheint die Devise für den letzten Fall zu sein, den Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke) in Leipzig lösen. Christliche Sektierer, ein verschwundenes kleines Mädchen und ein durchtriebenes Ehepaar, das privat gern Totenmasken trägt, stehen storymäßig im „Tatort: Niedere Instinkte“ auf der Habenseite. Ach ja, und natürlich die Beziehung der beiden Kommissare zueinander.

Und zur Belohnung für 20 zusammen mit seiner Exfrau gelöste Fälle darf Keppler die vierte Wand durchbrechen und sich direkt an den Zuschauer wenden. Die Anfangssequenz gehört tatsächlich zu den stärkeren Fernsehmomenten der letzten Zeit. Nur leider kann sich Drehbuchautor Sascha Arango nach diesem „House of Cards“-Moment nicht so recht entscheiden, was „Niedere Instinkte“ werden soll: Humoriges Geblödel, Beziehungsdrama im Polizeimilieu oder doch lieber ein ziemlich fieser Psychothriller.

Die achtjährige Magdalena scheint wie vom Erdboden verschluckt

Ein acht Jahre altes Mädchen ist spurlos verschwunden, was erstaunlicherweise nicht etwa den Eltern, sondern den Lehrern von Magdalena (Martha Keils) als Ersten auffällt: Man war anderweitig beschäftigt, mit arbeiten, beten, beten, arbeiten und noch mehr beten. Da kann einem schon mal entgehen, dass Magdalena schon seit Sonntag nicht mehr gesehen wurde. Judith und Matthias (Picco von Groote und Alexander Scheer) wirken schwerst verwirrt, aber relativ harmlos. Auch, wenn die Kommissare, ginge es nach dem kleinen Betzirkel, eigentlich überflüssig sind, wie Judith betont: „Meine Tochter kommt zurück. Es ist alles Gottes Wille, sie lebt. Probieren Sie doch mal.“ Das selbst gebackene Rosinenbrot löst beim ewig übellaunigen Keppler eine Gewaltfantasie aus. Und dass Saalfeld ihn drängt, doch mal zu probieren, macht die Sache auch nicht besser.

Zumal Magdalena wirklich wie vom Erdboden verschluckt scheint. Zumindest für die Protagonisten. Der Zuschauer ist schlauer: Ein gut aussehendes, wohl situiertes Ehepaar, das um die Ecke der Schule wohnt, hat sich seinen Kinderwunsch auf kriminelle Weise erfüllt. Susanne Wolff und Jens Albinus sind als maskiertes Entführerpaar wirklich furchteinflößend. Die Chance, der mehrfach ausgezeichneten Theaterschauspielerin und dem unter anderem aus der Serie „Borgen“ bekannten Dänen den Ton angeben zu lassen, verstreicht aber ungenutzt.

Lieber lässt Regisseurin Claudia Garde Keppler und Saalfeld noch einmal mit richtig Schwung aufeinanderprallen. Da Kepplers Wohnung unter Wasser steht, hängt er sich an seine Ex. Die aber hat überhaupt keine Lust darauf, ihn in ihrer Wohnung zu haben. Auftritt: die hübsche Nachbarin von Saalfeld, die Keppler spontan Asyl bietet. Wobei Asyl etwas arg jugendfrei formuliert ist. Die beiden, so bekommt es Saalfeld zwangsweise durch die dünne Wand mit, sie schlafen nicht miteinander, nein, sie vögeln. Lautstark.

Wenig überraschend nimmt Saalfeld die Eskapaden persönlich, der ganz große Krach scheint schließlich unausweichlich. Hätte das ungleiche Paar inzwischen eine Ahnung, wer hinter der minutiös geplanten Entführung steckt, ihnen bliebe aber immerhin die Genugtuung, dass auch bei den selbst frisch gebackenen Eltern der Haussegen reichlich Schieflage bekommen hat: Man ist sich zusehends uneins darüber, wie mit der kleinen Magdalena umzugehen ist.

Am Ende dann ... nein, das wäre zu viel verraten. Aber, so viel sei gesagt, der letzte Leipziger „Tatort“ bleibt sich bis zum Schluss treu: Noch einmal groß auffahren.

„Tatort: Niedere Instinkte“, So 20.15 Uhr, ARD

Mit Material von dpa

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