Jungs Zeitgeist

... und ganz plötzlich sind wir alle Charlie

Warum mussten erst Menschen in Frankreich sterben, damit wir unsere Meinungs- und Pressefreiheit wieder schätzen lernen?

Mal abgesehen von dem scheußlichen Januarwetter mit Sturmtiefs und Regen: Es war schon eine Art klärendes Wetterleuchten, das über Deutschland heraufgezogen ist. Erinnern Sie sich? Vor den Terror-Attentaten in Paris hatten wir eine Wischiwaschi-Diskussion über Pegida. CSU-Minister sahen ihre Klientel davondriften, zeigten „Verständnis“ für die Islamfeinde und wollten „auf sie zugehen“. Auch AfD-Chef Bernd Lucke fand Pegida irgendwie gut. Nach den Terrorattentaten schlug das Wetter um: Pegida war plötzlich allein zu Haus, und alle Besorgten wollten lieber Charlie sein. „Charlie Hebdo“ hatte quasi über Nacht lauter Fast-Abonnenten, auch solche, die das Satiremagazin gar nicht gekannt oder allenfalls für so ein linkes Drecksblatt gehalten hatten.

Aber die beeindruckende Geschlossenheit der Franzosen nach den Attentaten hat weit über Europas Grenzen hinaus ansteckend gewirkt. George Clooney, die Simpsons, Fußballvereine, Menschen in Istanbul, Kairo, sogar im syrischen Aleppo und im fernen Baku (Aserbaidschan) demonstrieren öffentlich Solidarität mit den Opfern des islamistischen Terrors und fordern Meinungsfreiheit. Sogar im vorsichtigen Deutschland, wo ja immer alles so Merkel-mittig abgewogen klingen soll, sind sich Gewerkschaften, Kirchen, Künstler und Islamverbände einig und versammeln sich Menschen in Scharen wie lange nicht mehr. Donnerwetter: Das können wir also noch.

Wie das kommt? Diesmal geht es nicht gegen jemanden, sondern für einen gemeinsamen Wert: die Freiheit der Meinung und der Presse. Und man kann plötzlich mit Muslimen gegen Terrorsekten demonstrieren anstatt mit Pegida gegen alle Muslime überhaupt. Mir kommt es so vor, als hätten erst Menschen in Frankreich sterben müssen, um die Fronten in Deutschland zu klären. Nicht die Muslime sind das Problem, sondern ein Fanatismus, der die Geißel des 21. Jahrhunderts sein wird; der in Diktaturen entstand und sich mangels anderer Ideologien in das Gewand eines pervertierten Islam kleidet. Und dessen Opfer hauptsächlich Muslime sind – in Nigeria, Syrien, Irak, Afghanistan und in den Ländern des arabischen Frühlings.

Tja, da endet Pegidas mediale Lufthoheit mit einem Schlag, selbst Trauerflore nützen nichts mehr. Nur ist damit die Debatte nicht erledigt. Sie fängt erst richtig an. Dieselben Politiker, die am Sonntag so medienwirksam für Bürgerrechte mitdemonstrierten, sind schon dabei, Bürgerrechte einzuschränken: mit noch mehr Überwachungskameras und noch mehr Datenerfassung wie der umstrittenen Flugdatenspeicherung, die der ehemalige Bundesdatenschützer Peter Schaar „eine anlasslose, massenhafte Speicherung von Unverdächtigen“ nennt. Ist ein einziger der Pariser Attentäter mit dem Flugzeug eingeflogen? Nein. „Wer ‚Je suis Charlie‘ sagt und zugleich umfassende Vorratsdatenspeicherung fordert, der lügt“, schreibt Heribert Prantl in der „Süddeutschen“, „eine solche Vorratsdatenspeicherung vergiftet die Pressefreiheit.“

Nachdenken müssen wir auch über unsere Integrationspolitik. Was sollen eigentlich diese „Islamkonferenzen“? Warum sollen sich Flüchtlinge aus Syrien und Somalia, ägyptische Atheisten, iranische Folteropfer und Deutschtürken alle unter „Muslime“ subsumieren lassen? Angenommen, ich wandere nach Chile aus: Würde ich mich dort von einer „Christenkonferenz“ vertreten lassen? Sicher nicht. Migranten gehören als Bürger in Parteien oder Bürgerinitiativen, nicht in Moscheen.

Zu guter Letzt: Wir sollten unsere Karikaturisten mehr wertschätzen. Und wir sollten darauf bestehen, dass unsere Comedians von Georg Schramm über Dieter Nuhr bis Horst Schroth sagen dürfen, was sie wollen, auch wenn sie Hass-Mails ernten. Die Alles-Vereinfacher von Boko Haram, „Islamischer Staat“, Taliban und ihre verblendeten Anhänger wollen verbieten, was schlicht eine Folge unserer Gehirnfunktionen ist: das Singen, Tanzen, Dichten, Musizieren, Karikieren, die Satire, freie Rede und das Lachen. Es war der Naturforscher Alexander von Humboldt, der das am klarsten erkannt hat: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen“, sagte er, „ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“