Hamburger Kritiken

In der Pegida-Debatte wird es Zeit abzurüsten

Die Pegida-Demonstrationen sind ärgerlich – wie die Reaktionen vieler Politiker und Publizisten darauf

Die Umzüge der Pegida in Dresden sehen nicht nur schräg aus, sie sind es auch. Schon der Name „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ klingt nach Satire. Aber Gott sei Dank gibt es hierzulande das Recht, seltsamen Meinungen anzuhängen oder Verschwörungstheorien zu glauben. Und ja: Es gibt ein Recht auf Dummheit.

Fast so besorgniserregend wie Pegida ist längst die Reaktion vieler Publizisten und Politiker darauf. Die Demonstranten seien intolerant, sonst würden sie nicht unter dem Banner der Pegida marschieren – allerdings steht die Intoleranz mancher Meinungsführer ihnen in nichts nach. Bei der „Huffington Post“ sammelt man schon Gründe, wegen Pegida aus Deutschland auszuwandern – eine skurrile Volte, die viele Flüchtlinge kaum verstehen werden. Lustigerweise schaffen es die „Spiegel-online“-Kolumnisten gleich vier Tage in Folge, Pegida abzuwatschen. Die Schweizerin (sic) Sibylle Berg macht sich über den neuen deutschen Nationalismus lustig: „Deutsch, deutscher, überdeutsch“, Georg Diez sieht schon „Gestapo-Schatten“, Jakob Augstein ist stolz auf seine Intoleranz: „Null Toleranz für Pegida“, argumentiert er und pöbelt dann nicht nur gegen die Demonstranten, sondern alle, die ein wenig Verständnis äußern: „Für ihren Hass auf Muslime brauchen deutsche Spießer die Abweichungen des Islam ebenso wenig wie die Antisemiten für ihren Hass gegen die Juden irgendwelche Neuigkeiten aus Israel.“

Da haben wir es wieder – jeden politischen Bruch kürzen sie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Das Problem ist der deutsche Spießer, nicht der Islamist. Das ist angesichts der Zeitläufe dann doch eine gewagte These. Islamismus? War da nicht was? IS? Boko Haram? Al-Qaida? Salafisten? Dschihadisten? Hamas? Alles weit weg? Anfang Oktober wurden die Straßen von St. Georg zu einem Schauplatz von Straßenschlachten: 400 Kurden kämpften gegen 400 Salafisten mit Messern, Macheten, Holzlatten und Eisenstangen. Danach gingen bei der ersten Pegida-Demonstration 500 Personen in Dresden gegen „Glaubenskriege auf deutschem Boden“ auf die Straße. Warum ausgerechnet dort, wo kaum Ausländer leben, könnte man fragen. Und sicherlich auch, ob da nicht Rechtsradikale ihr widerliches braunes Süppchen kochen wollen. Aber welche Sorgen und Ängste auch Bürger auf die Straße treiben, sollte man durchaus diskutieren. Wenn man es unterlässt, verfestigen sich Vorurteile zu vermeintlichen Urteilen, werden Gerüchte zu gefühlten Wahrheiten. Vielleicht würde Pegida schon schrumpfen, wenn die Undercover-Reporter zu Hause blieben: Ein verdeckter RTL-Journalist klopfte in Dresden die dümmsten Sprüche – und dessen dumpfen Rassismus erhob „Panorama“ zum Beleg für die niedere Gesinnung der Demonstranten. Wenn Umfragen zeigen, dass viele Deutsche Verständnis für derlei Demos äußern, erklären Publizisten die Fragen kurzerhand für irreführend oder suggestiv.

Inzwischen laufen 17.500 Menschen in Dresden seltsamen Parolen hinterher: Wer nur mit der Rassismus-Keule um sich schlägt, Pegida zur „Schande für Deutschland“ erklärt (wie Justizminister Heiko Maas) oder von „Nazis in Nadelstreifen“ spricht (wie Düsseldorfs Innenminister Ralf Jäger), verschärft das Problem, das er zu lösen vorgibt. Ausgrenzen ist die Vertreibung aus der Mitte der Gesellschaft. Das drängt die Ängstlichen geradezu in die Arme der Rechten. Ausgerechnet der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir weist jeden Dialog mit dem nicht extremistischen Teil der Demonstranten zurück und warnt vor „einer weinerlichen Haltung im Umgang mit Pegida“. Der deutsche Spießer ist eben brandgefährlich. In Hessen setzt Schwarz-Grün im Kampf gegen Salafisten – auf Dialog.

Die gute Nachricht: Pegida macht heute Pause. Es bleibt zu hoffen, für immer. Zugleich dürfen Politik und Publizistik abrüsten. Statt aufeinander einzuprügeln, sollte argumentiert werden. Deutschland muss Flüchtlingen helfen, Deutschland benötigt Einwanderung. Zugleich bedarf es einer Integration der Migranten in die deutsche Gesellschaft: über Sprache, Werte, Normen – und das Grundgesetz. Wenn das ganze Einwanderungsthema den Radikalen entwunden würde, wäre schon viel erreicht.