Jungs Zeitgeist

Was Hamburg auf dem St.-Pauli-Bunker blüht

Ein neuer Park in 50 Meter Höhe über der Stadt, und das kostenlos für den Steuerzahler? Der merkwürdige Deal hinter den schönen Plänen

Der Kampf ums Grün ist in Metropolen ein Dauerthema. Wenn Straßen erweitert, Wohnungen oder Gewerbegebiete gebaut werden sollen, geraten Parks, Kleingärten, Straßenbäume und die letzten Brachen in Gefahr. Auch in Hamburg müssen sie oft mit geballter Anwohnerkraft gegen „einträglichere“ Nutzungen verteidigt werden.

Da wirkt ein neues Projekt ungeheuer sympathisch: Oben auf dem Feldstraßenbunker soll ein neuer, öffentlicher Garten entstehen. Quasi ein Stadtteilgarten, in dem Anwohner und Besucher etwas Grünes anbauen und dabei weit über St. Pauli sehen können. Um den Bunker herum soll eine begrünte 300-Meter-Rampe auf das Dach führen. Und alles für den Steuerzahler ganz umsonst, denn der Bunker ist privat: Der Unternehmer Thomas J.C. Matzen hat von 1993 bis 2053 das Erbbaurecht. Er will auf das Bunkerdach noch einen Konzertsaal und ein Gästehaus für Künstler setzen und dabei auch den Stadtgarten finanzieren.

Der Bunker, 1942 als Flakturm von Zwangsarbeitern gebaut, ist 39 Meter hoch und hat dreieinhalb Meter dicke Wände, ein grauer Klotz über dem Heiligengeistfeld. Dagegen wirkt das begrünte Modell des Projekts wie ein utopischer Traum. Im Modellbahn-Fachhandel gibt es ja heute die erstaunlichsten Grünmatten, Baum- und Sträuchergruppen aus feinsten Kunststoff-Schaumflocken zu kaufen. Obwohl ich mich schon wundere: Kann man in 40 Meter Höhe wirklich ein so üppiges Grün hinkriegen? Wie viel Erdmasse hält das Dach aus? Welche Pflanzen und Bäume gedeihen da oben selbst bei Stürmen und Sommerhitze? Der Gartenmensch denkt ja mit.

Aber jetzt gerät dieses sympathische Projekt ins Zwielicht. Die Kulturbehörde, zu deren Verwaltungsbereich der Bunker als Denkmal gehört, will der Matzen GmbH den Erbbaurechtsvertrag um weitere 40 Jahre bis Ende 2092 verlängern und auf das dafür errechnete Entgelt von 2,56 Millionen Euro verzichten. Begründung: Schaffung eines grünen Kultur- und Erholungsraums und ein besseres „Mikroklima“ im Stadtteil. Barbara Kisselers Behörde möchte das Projekt jetzt durch den Senat und im Januar durch die Bürgerschaft jagen, damit Anfang 2015 der Bauantrag eingereicht werden kann.

Das ist ein merkwürdiger Deal. Rechnen wir mal vorsichtig: Wenn von der Geschossfläche im Bunker (17.500 m²) nur die Hälfte (8750 m²) zu einem Satz von zehn Euro/m² vermietet ist, nimmt die Matzen GmbH schon jetzt pro Jahr rund eine Million Euro Miete ein, allein 2015 bis 2053 wären das 38 Millionen Euro. Wird nur die Hälfte der geplanten Dachaufbauten mit 9500 Quadratmetern zum gleichen Grundpreis vermietet, wären das ab 2015 jährlich 570.000 Euro Miete und bis 2053 zusätzlich 21,6 Millionen Euro. Schon ohne Vertragsverlängerung ergäben sich also insgesamt mindestens 60 Millionen Euro Mieteinnahmen. Abzüglich der Baukosten von 25 Millionen und die der Gartenanlage von 7,5 Millionen Euro bleiben bis 2053 immer noch stolze 37,5 Millionen Euro übrig. Macht nichts, meint die Kulturbehörde, denn die „Leistungen des Investors“ überstiegen ja die Höhe des 2,56-Millionen-Entgelts und würden „die unentgeltliche Verlängerung des Erbbaurechts rechtfertigen“. Das sagt ausgerechnet die Behörde, die um Zuschüsse für jedes kleine Theaterprojekt und Stadtteilkulturzentrum schachert.

Tja, mit diesem Schachzug wirkt der Dachgarten auf einmal nur noch wie Blendwerk. Und die Initiative mit dem tantenhaft harmlosen Namen „Hilldegarden“, die seit ein paar Wochen für den Stadtgarten wirbt und Anwohner in die Gestaltung einbeziehen will, gerät in den Verdacht, nur Erfüllungsgehilfe zu sein, um das Ganze sozialverträglich zu färben. Garten- und Landschaftsplaner wurden noch gar nicht zurate gezogen.

Stadt und Bürgerschaft wären gut beraten, das Projekt erst mal vom Kopf auf die Füße zu stellen. Eine ausführlichere, öffentliche Erörterung, die neben Anwohnern auch Bunker-Mieter, Denkmalschützer, Garten- und Baufachleute einbezieht, steht noch aus. Womöglich bleiben vom Dachgarten am Ende bloß Efeu und Pionierpflanzen. Komisch, dass Investoren immer hoch hinauswollen – wie bei der Seilbahn.

Irene Jung schreibt jeden Mittwoch über Aufregendes und Abgründiges im Alltag