Hamburger Kritiken

Wie Torsten Albig seine Wiederwahl gefährdet

Für 81 Prozent der Eltern ist die Bildungspolitik entscheidend – da werden Waltraud Wendes Reformen rasch zum Risiko

Ist Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig amtsmüde? Anders kann man kaum noch erklären, warum er seine Bildungsministerin Waltraud „Wara“ Wende nicht bremst. Die parteilose Germanistin, Kultur- und Medienwissenschaftlerin baut in einem so atemberaubenden Tempo das Bildungssystem im Norden um, dass die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft von einem Freudentaumel in den nächsten fällt, während viele Eltern und Lehrer Schnappatmung bekommen. Mit ihrer Reform zur Lehrerausbildung bringt sie die Gymnasien gegen sich auf, ihre Bevorzugung der Gemeinschaftsschulen ist kaum zu übersehen.

Die jüngste Verordnung, über die sich SPD, Grüne und SSW seit Monaten einig sind, schafft nun die Noten in den Grundschulen ab – es sei denn, Schulkonferenzen beharren darauf. Für die Ministerin kann das nur der Anfang sein. Waltraud Wende möchte bis einschließlich Klasse 8 ohne die klassischen Zensuren auf den Zeugnissen auskommen und verfolgt langfristig das Ziel einer „Schule ohne Noten“. „Ziffernnoten sind weder objektiv und verlässlich, noch differenziert und leistungsmotivierend“, meint sie. Sie favorisiert Kompetenzraster, die Fähigkeiten, Kenntnisse und Leistungen darstellen. Auch die Schulübergangsempfehlungen hat Wende abgeschafft. Sie werden durch einen Entwicklungsbericht und ein Elterngespräch ersetzt. Das Bildungssystem ist eine Baustelle – und Waltraud Wende mit der ganz großen Maschine unterwegs.

Dabei müsste Albig eigentlich gewarnt sein: Kaum ein Politikfeld birgt die Gefahr, so den Zorn der Wähler auf sich zu ziehen wie Schule und Bildung. Es ist vier Jahre her, dass Schwarz-Grün ist Hamburg krachend scheiterte. Der Auslöser war ein klares Nein der Wähler zu den Plänen des Senats, in Hamburg eine sechsjährige Primarschule einzuführen. Mit ähnlichem Eifer wie die Bildungspolitikerin in Kiel war auch die grüne Bildungssenatorin Christa Goetsch unterwegs. Auch sie wollte etwa die Noten in der dritten Klasse abschaffen.

Das Problem der Bildungspolitik ist der Idealismus, der die Entscheider treibt: Sie sind zutiefst überzeugt von ihrem Handeln. Das erschwert den Dialog mit den Betroffenen, die anders denken. Wenn sie überhaupt wahrgenommen werden. Der schleswig-holsteinische Landesvorsitzende des Philologenverbandes, Helmut Siegmon, spricht von „verrückten Plänen“, die Interessenvertretung der Lehrkräfte (IVL) kritisiert den „Trend der Entprofessionalisierung der Schule“. Und was sagt Frau Wende? „Alle Bildungsexperten betonen, dass die Freude am Lernen und die unbeschwerte Neugier der Schüler durch Schulnoten gehemmt werden.“ Alle Bildungsexperten? Die waren bislang vor allem dadurch aufgefallen, dass sie sich stets uneins waren.

Viele Eltern und Lehrer wünschen sich vor allem eines: keine Reform! Allein die Inklusion, also das gemeinsame Unterrichten von behinderten und nicht behinderten Kindern, belastet die Lehrer bis zum Anschlag – und darüber hinaus. Schulen werden immer mehr zu Reparaturbetrieben gescheiterter Erziehung oder Integration. Wie man auf die Idee kommen kann, hier noch draufzusatteln und umzubauen, dürfte Waltraud Wendes Geheimnis bleiben. Die Kompetenzberichte, welche die Noten ersetzen, machen den Lehrern mehr Arbeit, bringen den Eltern aber weniger Klarheit. Und den Schülern sowieso nicht. Wer glaubt, diese wollten in einer Kuschelecke frei von Konkurrenz und Wettbewerb groß werden, hat – mit Verlaub – keine Ahnung von Kindern.

Man wüsste gerne, warum ausgerechnet die Reformmuffel in Bayern und Sachsen die Schulen noch für Lehr- und Lernorte halten und nicht für Spielwiesen von „Bildungsexperten“, Politikern und GEW-Funktionären, in Vergleichsstudien Spitzenergebnisse erzielen, während die Reformeiferer auf den hinteren Rängen landen. Sachsen und Bayern beginnen übrigens in der zweiten Klasse mit Schulnoten.

Eine Umfrage ergab 2009, dass für 81 Prozent der Eltern Bildungsfragen das Wichtigste bei der Entscheidung für eine Partei sind. Zugleich gilt der Grundsatz: Selten wird eine Opposition wegen ihrer Ideen gewählt, sondern meist eine amtierende Regierung wegen eines Missstandes abgewählt. Sollte Torsten Albig nicht amtsmüde sein, er darf langsam nervös werden.

Matthias Iken beleuchtet in seiner Kolumne jeden Montag Hamburg und die Welt

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