Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 29. August 2022

| Lesedauer: 8 Minuten

Der Stillstand hat viele Gründe

27./28. August: „Der deutsche Schlendrian. Lausige Infrastruktur, lahmende Behörden, lustlose Debatten – wann ist das Land eigentlich falsch abgebogen?“

Matthias Iken spricht mir aus der Seele, in Deutschland geht es nirgends mehr vorwärts. Stattdessen diskutiert man über den Wolf, über Gendern oder über Winnetou, als ob es nichts Drängenderes gäbe. Aber es gibt auch noch ein paar weitere Gründe für den Stillstand: Heute sitzen in den Parlamenten überwiegend Akademiker – oft sogar Politologen und Juristen. Damit wird immer mehr theoretisiert, und der Pragmatismus früherer Parlamente ist verschwunden als es noch den ehemaligen Handwerksmeister in der CDU, oder den Gewerkschaftsfunktionär in der SPD gab, der eine Lehre gemacht und sich durch Weiterbildung hochgearbeitet hatte. Dies führt zu einer niedrigen Wahlbeteiligung, weil sich große Bevölkerungsteile durch die „Volksvertreter“ nicht mehr vertreten fühlen. Die schlechte und fehlende Infrastruktur wird nicht nur durch Versäumnisse der Bahn, sondern auch durch ständige Proteste verhindert. Keiner will eine Bahnlinie durch seinen Wahlkreis haben und Unterstützung findet man durch Aktionisten, die immer alles verhindern wollen. Auch dies führt – neben einer überbordenden Bürokratie – zu einer oft jahrzehntelangen Diskussion über wichtige Infrastrukturprojekte. Ähnlich ist es mit der Digitalisierung. Es finden sich immer wieder einzelne „Freaks“, die irgendeinen Fehler in einer Software und damit eine Einführung verhindern oder verzögern. Hinzu kommt, dass Politiker ihre Meinung nicht mehr wirklich kundtun, da sie Angst vor einem „Shitstorm“ haben. Es wird nicht mehr Klartext gesprochen, sondern sich nur noch sprachlich abgesichert. Vielleicht ist deshalb Herr Habeck so populär, weil er eine andere Sprache spricht, die sich vom üblichen „Politikersprech“ unterscheidet. Wir brauchen in Deutschland mehr Pragmatismus und weniger Theorie.

Dr. Bernd E. Langner

Entwicklungsland Deutschland?

Deutschland ist eine einzige Servicewüste. Egal, ob im öffentlichen oder privaten Dienstleistungsgewerbe. Ein Telefonat zu führen, ist in der Regel schier unmöglich. Nur wer viel Zeit und Geduld aufbringt, hat eine Chance, nach 20 Minuten oder länger verbunden zu werden. In der Zwischenzeit wird einem am Telefon immer wieder vorgegaukelt, dass sich zurzeit „alle Mitarbeiter in einem Gespräch befinden“. Wer es denn glaubt… Was die Politik angeht, kann man sich nur an den Kopf fassen. Es werden Entscheidungen getroffen, die morgen wieder verworfen werden. Deutschland entwickelt sich immer mehr zu einem Entwicklungsland, wenn wir so weiter machen. Andere Länder um uns herum sind wesentlich fortschrittlicher und innovativer. Der Fortschritt muss unbedingt wieder in den Vordergrund rücken, und die Politik sollte künftig Nägel mit Köpfen machen. Nur so können wir uns in Europa und der Welt behaupten. Der Schlendrian ist ein Phänomen des Unmuts in der Bevölkerung und das nicht erst seit gestern. Sie ist die Folge einer verheerenden Politik in der Vergangenheit.

Horst Rindfleisch, Halstenbek

Wunderbare Zusammenfassung

Eine wunderbare Zusammenfassung unseres komplexen Versagens in den letzten drei Jahrzehnten und eine Pflichtlektüre für alle gesellschaftlich Verantwortlichen.

Frank Schröder, Prisdorf

Fehlender Realitätsbezug

26. August: „Beamte gehen gegen ,staatlichen Lohnklau‘ auf die Straße“

Wieder einmal macht die Beamten-Lobby deutlich, dass ihr jeglicher Realitätsbezug abhanden gekommen ist. Für sie scheint z. B. noch immer selbstverständlich zu sein, dass sie – anders als die normalen Rentner – zusätzlich zu ihren Pensionszahlungen ein Weihnachtsgeld erhalten. Dass Argument vom GdP-Landesvorsitzenden Niens, dass Beamte dafür in ihrer Dienstzeit „alles geben“, kann man nicht wirklich ernst nehmen! Wie sähe es in der freien Wirtschaft wohl aus, wenn Arbeitnehmer in ihrer Arbeitszeit nicht alles geben würden? Anders als die Hamburger GEW-Vorsitzende behauptet, sind die Renten 2022 nicht wegen steigender Preise erhöht worden, sondern wegen der Entwicklung der Löhne in 2021. Wegen dieser Abhängigkeit von der Lohnentwicklung mussten die westdeutschen Rentner in 2021 übrigens eine Null-Runde hinnehmen. Die Beamtenpensionen stiegen dagegen unabhängig davon um 1,2 Prozent. Da sollten die Beamten den Ball ruhig einmal flacher halten!

Michael Pistorius

Kein kluges Management

26. Monat: „Erst Stellenabbau, jetzt Job-Offensive. Flugzeugbauer fährt Fertigung der A320-Familie hoch und arbeitet an Wasserstoffflieger“

Ist das etwa modernes Management? Erst wegen einer aufziehenden Krise 2000 qualifizierte Mitarbeiter mit einer Abfindung zu entlassen, dann vom Staat zur Verhinderung von Mitarbeiterabgängen und Insolvenz reichlich Hilfe einzufahren, um dann nach Abklingen der Krise wieder qualifizierte Mitarbeiter zum Hochfahren der Produktion zu suchen. Die entlassenen Mitarbeiter haben sich zwischenzeitlich neue Arbeitsplätze in Unternehmen, die von einer qualifizierten und klugen Geschäftsleitung geführt werden, gesucht und gefunden, ohne Angst haben zu müssen, dass sie bei der nächsten Krise wieder an die Luft gesetzt werden. Unternehmen mit klugem Management bilden in guten wirtschaftlichen Zeiten Rücklagen um Verluste auszugleichen und fachlich qualifizierte Mitarbeiter zu halten. Dieses gilt nicht nur allein für Airbus. Auch in vielen anderen Branchen ist das so. Also spare in der Zeit und mit der Zeit, dann hast Du gute Mitarbeiter in der Not!

Gotthard Kalkbrenner, Reinbek

Ökostrom spart kein CO2

25. August: „Personal und Heizung bei Klimalasten vorn. Als erstes Bezirksamt hat Nord eigene Energiebilanz erstellt“

Toll, dass sich das Bezirksamt Nord Gedanken zur CO2-Reduktion macht. In diesen Überlegungen sind jedoch zwei wichtige Punkte falsch gedacht: Erstens spart die Verwendung von Ökostrom kein Gramm CO2 ein, geschweige denn 1000 (!) Tonnen. Ich empfehle dazu dringend die Lektüre der Verbraucherzentrale: „Ist ein Tarif mit Ökostrom überhaupt sinnvoll?“ Antwort dort: Für das Klima jedenfalls nicht. Zweitens ist der schöne 23.000-qm-Neubau am Wiesendamm nachher im Betrieb bestimmt ökologisch erstklassig. Ein Großteil der gesamten CO2-Belastung geschieht jedoch während der Bauzeit. Der ökologische Fußabdruck des Bezirksamtes würde durch Weiterbenutzung der alten Räumlichkeiten mit Sicherheit bedeutend kleiner.

Thorsten Schima

Keine unnötigen Fahrten

25. August: „Abschaffung des Dienstwagenprivilegs überfällig“

Ein Dienstwagen ist kein Privileg, sondern ein betrieblich notwendiger Wagen, er ist ein Arbeitsgerät zur Rationalisierung der beruflichen Wege. Jeder, der einen Dienstwagen auch privat nutzen darf, muss dafür hohe Steuern zahlen. Viele Arbeitnehmer mit Dienstwagen, besonders im Handwerk und anderen Dienstleistungen, starten von ihrer Wohnung aus direkt zu ihren Kunden und verhindern unnötige Fahrten mit ihrem privaten Pkw zur Firma, um den dort stationierten Dienstwagen abzuholen. Im Dienstwagen werden Arbeitsgeräte oder auch umfangreiche Schriftstücke transportiert. Sinnlose Neiddebatten führen zu „Nichts“ und würden im Endeffekt die vielen Steuereinnahmen, die für die private Nutzung von Dienstwagen fällig sind verhindern! Besonders für Leute, die in ländlichen Gegenden wohnen, ist ein Dienstwagen ihr Arbeitsgerät! Das sieht der Finanzminister Herr Lindner sicher auch so.

Wielant J. Hoffmann

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