Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 20. Juli 2022

| Lesedauer: 8 Minuten

Es ging uns allen zu gut?

19. Juli: „Kann Deutschland Krise?“

Im Grunde wissen es alle: So kann es ganz und gar nicht weitergehen. Bahn, Flug- und Straßenverkehr, Bildung, Industrie, Energie, Versorgung, Infrastruktur, Sicherheit, Preisstabilität, sozialer Frieden, Kirchen, Sport und so weiter und so fort, fast alles läuft unterhalb der Möglichkeiten. Die großen Zahnräder unseres Staatsgetriebes funktionieren nicht mehr oder nur noch mit gebrochenen Zähnen. Nach dem Schwung der letzten Jahrzehnte laufen viele kleine Räder noch nach, zum Teil auch aus intrinsischem Antrieb, aber wie lang denn noch? Man hat den Eindruck, dass nach langer Blütezeit und einigen Krisen das Land zum Stillstand zu kommen droht. Die Ursachen sind mannigfaltig: es sind Gründe, die in der Politik der Vergangenheit und noch mehr der Gegenwart zu finden sind, in unserer Sattheit und Bequemlichkeit, im unterschwelligen allgemeinen Überdruss. Es ging uns allen gut, vielleicht zu gut, um es wirklich zu schätzen zu wissen, was wir hatten. Nun braucht es einen Wandel, jetzt und schnell. Es war zwar vieles gut, was unser Gemeinwesen einst ausgemacht hat. Aber nun liegt zu viel im Argen, als dass wir es weiter ignorieren können. Wir müssen uns endlich überlegen, was und wer wir sein wollen, mit unserem Gemeinwesen, als Nation, welche Aufgaben wir in der Weltgemeinschaft übernehmen wollen und welche Leistungen wir dafür aufzubringen bereit sind. Das alles wird nur richtig funktionieren, wenn wir uns einerseits auf unsere wertvollen alten Tugenden besinnen, wie Effizienz und Rationalität, Fleiß und Opferbereitschaft, persönlich und staatlich. Unsere Ziele werden wir nur erreichen, wenn unser Einsatz stimmt. In dieser neuen Zeit der Unsicherheiten reicht das aber lange nicht mehr aus. Wir müssen weitaus intensiver bereit sein, im Konzert der Nationen unseren Freunden zuzuhören, ja, auch Demut zu üben und uns aktiv, selbstbewusst, aber realistisch und angemessen einzubringen. Auf uns wartet niemand mehr, das haben die letzten Monate und Jahre gezeigt. Wir sind nur noch in ganz wenigen Bereichen die Besten, Schnellsten, Erfolgreichsten. Viele andere sind an uns vorbeigezogen. Aber wir können wieder aufholen und vielleicht auch in einigen Disziplinen wieder Weltspitze werden. Dazu braucht es eine Renovierung unseres Gemeinwesens, aber vor allem unseres Denkens. Jetzt gilt es, alte Fähigkeiten zu reaktivieren und gemeinsam innovativ die Herausforderungen der Zukunft anzugehen. Alle müssen anpacken, Jung und Alt, jeder nach seinen Fähigkeiten, koordiniert, ambitioniert. Entscheidend ist: wir müssen es wollen. Am Können wird es nicht scheitern. Gefragt ist ein echter Aufbruchsgeist.

Prof. Dr. Oliver Brüggemann

Nicht nur auf der Überholspur

18. Juli: „Europas Süden brennt. In Griechenland, Italien und auf der Iberischen Halbinsel bedroht die Hitzewelle auch Touristen“

Ein Hitzerekord nach dem anderen. Die Folgen unseres ungebremsten CO2-Ausstoßes werden mehr und mehr sichtbar. Waldbrände, Verlust der Biodiversität, Absinken der Grundwasserstände. Wir wissen genau, was geschieht, wenn wir so weitermachen. Was hindert uns daran, endlich etwas zu ändern? Warum passiert nichts? Tempolimits auf Autobahnen oder Landesstraßen und das Nutzen des ÖPNV wären ein kleiner Anfang. Das ist keine Absage an den Slogan „Freie Fahrt für freie Bürger!“ Wir kommen lediglich etwas später ans Ziel. Nur auf der Überholspur zu fahren, rächt sich irgendwann.

Achim Bothmann, Hannover

Nicht ständig Öl ins Feuer ...

18. Juli: „Kommentar: Großmäuligkeit kein gutes Rezept. Spirale der Sanktionen verkürzt den Krieg nicht“

Ganz sicher haben wir insbesondere hierzulande ein allerdings weitgehend selbst geschaffenes massives Energieversorgungsproblem und allen damit verbundenen aktuellen sowie gegebenenfalls kommenden einschneidenden Einschränkungen. Was sich aber nun schon seit Wochen von Seiten der Regierungskoalition, aus Berliner und Münchner Politikerkreisen, von Herrn Müller, Chef der Bundesnetzagentur, sowie in den Medien abspielt, halte ich inzwischen für überzogene Panikmache. Natürlich sind deutliche Warnungen zu möglichen Folgen ausbleibender Gaslieferungen notwendig. Es erscheint mir aber kontraproduktiv und hochgefährlich, ständig Ängste in der Bevölkerung durch immer neue, oft verwirrende, dazu widersprüchliche Verlautbarungen zu schüren. Die Bürger sind ohnehin durch die Pandemie, den unsäglichen russischen Angriffskrieg sowie anhaltende Preisexplosionen intensiv gestresst und vielfach schlicht überfordert mit der Gesamtlage. Nun kommt auch noch der sehr schätzenswerte Herr Prantl und erinnert in dieser aufgeheizten Situation an den Eis-/Hungerwinter nach Ende des zweiten Weltkriegs – sorry, was bitte soll dieser Unfug? Die Medien müssen doch nicht ständig Öl ins Feuer gießen! Und „zum Donnerwetter“, auch die Ampel muss endlich eine einheitliche, stringente Planung für nachhaltige Vorsorge präsentieren und bei Verlautbarungen mit einer überzeugenden Stimme sprechen!

Volker Deising

Nun ist das Gejammer groß

18. Juli: „Personalnot in der Gastronomie – die Folgen. Es gibt mehr vorgefertigte Speisen, Selbstbedienung wird nicht mehr ausgeschlossen, manche Lokale könnten schließen“

Die Personalnot in der Gastronomie, Hotels oder auf den Flughäfen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Schlecht bezahlt, viel zu viele Überstunden, vom Arbeitgeber erwartet und vielleicht sogar nicht immer bezahlt, null Anerkennung. Sobald der Rotstift angesetzt wird, sind sie die Ersten bei denen eingespart wird und werden arbeitslos. So geschehen in Zeiten des Corona-Lockdowns, bis auf einige wenige Ausnahmen. Sie wurden behandelt wie Gebrauchsgegenstände. Die Arbeitgeber behandelten sie genauso wie ihre Maschinen, nach dem Gebrauch einfach abschalten. In diesem Fall entlassen. Jetzt aber haben sich ihre ehemaligen Mitarbeiter emanzipiert. Sie fanden andere Arbeit, besser bezahlt und erleben vielleicht sogar Anerkennung. Nun ist das Gejammer groß, woher mit den Arbeitskräften? Fehlt nur noch der Ruf nach billigen Arbeitskräften aus Fernost.

Fred Bonkowski

Wo sollte man zuerst sparen?

18. Juli: „So können Schulen Energie sparen. Kalte Klassenzimmer und Turnhallen? Die Schulbehörde prüft Vorschläge, die Opposition hat eigene Ideen“

Besten Dank an Insa Gall für den ausführlichen Bericht. Nun wissen wir doch endlich, wie auch in der Energiekrise die Kinder wieder in erster Linie der Gesellschaft helfen können bzw. müssen. Schließlich war es in der Coronakrise ja auch so, dass die Kinder in der vordersten Linie standen, warum sollte es jetzt nicht auch wieder so sein? Mein Vorschlag wäre dagegen, zuerst über die Möglichkeiten zum Energiesparen in den Regierungszentralen, Rathäusern, Firmenzentralen nachzudenken, anschließend bei den Behörden/Ministerien und in allen Verwaltungsgebäuden, denn bei allen diesen wäre es ja sehr leicht möglich, durch Ausweitung der Arbeit ins Home-Office ganze Gebäudekomplexe lediglich frostfrei zu halten und erst an letzter Stelle über Schulen, Krankenhäuser, Haftanstalten, Produktionsstätten aller Art und Privatwohnungen herum zu spekulieren, denn in diesen ist die Präsenz der dort tätigen und lebenden Menschen ja unabdingbar.

Hellmut Abegg, Osterrönfeld

Abberufung ist folgerichtig

18. Juli : „Documenta: Die Chefin muss gehen. Aufsichtsrat zieht nach Antisemitismus-Skandal Konsequenzen“

Sabine Schormanns Abberufung ist nur folgerichtig, aber dass die viel zu lange abgetauchte Kulturstaatsministerin Claudia Roth ungeschoren davon kommen soll, ist kaum zu vermitteln.

Thomas Prohn

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