Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 7. Juni 2022

| Lesedauer: 8 Minuten

Alles ist besser als Eskalation

4./5./6. Juni: Hamburger KRITIken: „Ich verstehe die Welt nicht mehr. Die berechtigte Empörung über Putins blutige Invasion trübt unseren Weitblick. Wer denkt vom Ende her?“

Natürlich macht die Rücksichtslosigkeit wütend, mit der Putin ein freies Land wie die Ukraine überfällt und sich über alles, was wir nach zwei Weltkriegen als überwunden gedacht haben, hinwegsetzt. Und selbstverständlich hat die Ukraine und die restliche freie Welt das Recht, sich dagegen angemessen zu wehren. Allerdings stellt sich die Frage, wann es an der Zeit ist, inne zu halten und zu überlegen, wie weit man an der Eskalationsschraube drehen sollte. Irgendwann ist der Krieg zu Ende und der wird von der Ukraine nicht zu gewinnen sein. Da helfen auch keine weiteren Waffenlieferungen. Sollte Putin zu irgendeinem Zeitpunkt der Meinung sein, er müsse Atomwaffen einsetzen, um seine Ziele – welche auch immer – zu erreichen, wird er es vermutlich tun. Dann wird es ungleich mehr Opfer geben, vielleicht sogar einen dritten Weltkrieg. Eine sogenannte „Niederlage“ wäre für Putin sicher nicht akzeptabel, sondern vermutlich das Ende seiner Regentschaft. Wir brauchen jetzt Politiker, die, wie Herr Iken schon richtig sagte, in der Lage sind, diesen Konflikt von seinem Ende her zu denken. Das erfordert viel Weitsicht, kluge Diplomatie und die Fähigkeit, sich in die Gedankenwelt Putins hineinzuversetzen. Uns und den Politikern der Ukraine bleibt nichts anderes übrig, denn alles ist besser als eine weitere Eskalation dieses schrecklichen Krieges, der jeden weiteren Tag mehr Opfer auf beiden Seiten fordert, von den wirtschaftlichen Folgen für die westliche Welt und den afrikanischen Völkern, denen eine Hungersnot droht, wenn sie kein Getreide mehr aus der Ukraine erhalten, einmal abgesehen.

Dieter Ringsdorf

Zu viel Geltungssucht

Auch ich verstehe die Welt nicht mehr. Bleibt zu hoffen, dass möglichst viele diesen Artikel lesen und verstehen. Ich fürchte jedoch, der Wandel von einer Gesinnungsethik zur Verantwortungsethik bleibt ein Wunschtraum. Selbst in dieser hoch brisanten und zutiefst deprimierenden Situation gibt es – sowohl in der Politik, als auch in der Gesellschaft – wie immer zu viele Menschen, die von ihrer Geltungssucht getrieben, unreflektiert Dinge hinausposaunen.

Babette Teichmann

Zur Diplomatie gehören zwei

Wenn Matthias Iken meint, nur Diplomatie könne den Krieg beenden, vergisst er, dass zur Diplomatie immer zwei gehören. Für das neo-faschistische Russland von Wladimir Putin kommen Verhandlungen aber gar nicht in Frage, zumindest jetzt noch nicht. Putin will weiter nach Westen, und die neue Wehrhaftigkeit Europas ist deshalb auch kein Gerechtigkeitswahn, wie Matthias Iken es darstellt, sondern Notwehr in letzter Minute. Wenn Putin Odessa einnimmt, wird er als nächstes Moldawien und Rumänien bedrohen. Das ist kein militärisches Geheimnis, sondern wird in Moskau genauso deutlich ausgesprochen wie die Ansprüche auf Polen und die baltischen Staaten. Selbstverständlich bleibt es dabei richtig, sich auch gegen die pauschale Verurteilung aller Russen zu wehren. Nicht das Volk, das autoritäre Regime muss bekämpft werden. Aber gerade deshalb sind Panzer jetzt so wichtig.

Dr. Matthias Soyka, Hamburg-Bergdorf

Lasst Kinder zu Wort kommen

4./5./6. Juni: Der Podcast. „Wissenschaft trifft Wirklichkeit: Wie redet man mit Kindern über den Krieg?“

Gut, dass Herr Lenzen und Herr Haider das Thema aufgegriffen haben. Ich stimme beiden zu, dass es wichtig ist, mit Kindern über das Thema Krieg zu sprechen und dabei möglichst zu versuchen, Ängste nicht noch zu vergrößern, sondern Ruhe, Sicherheit und Zuversicht zu vermitteln. Beim ehrenamtlichen Einsatz im Kidspark Sternschanze erlebe ich, wie ukrainische Kinder Krieg nachspielen und dabei ihre Erlebnisse verarbeiten. Es ist richtig, dass es für Kinder die keinen Krieg erlebt haben, eine Chance ist, durch den Kontakt zu den ukrainischen Kindern nachzuvollziehen, was diese erlebt haben. Allerdings müssen solche Begegnungen unbedingt sensibel pädagogisch begleitet werden. Ich wünsche mir viele Fortbildungen für Eltern, Erzieherinnen und Lehrerinnen. Ich wünsche mir aber auch Kindertalkrunden, in denen Kinder über dieses Thema diskutieren und Erwachsene nur mal zuhören. Erwachsene diskutieren oft über die Probleme von Kindern. Lasst sie doch öfter selbst zu Wort kommen.

Regina Grabbet

Chance und Herausforderung

4./5./6. Juni: Leitartikel: „Ja zur Leistung, aber ... stupides Lernen von Klassenarbeit zu Klassenarbeit ist nicht zeitgemäß“

Klassenarbeiten gerade in der Oberstufe sind eine Chance und eine Herausforderung, sich allein eine oder zwei Stunden lang mit einem Thema, meist auf der Grundlage eines Textes, auseinander zu setzen, ohne Störung oder Hilfe durch einen Lehrer oder Mitschüler auf der Grundlage von fachlichem Orientierungswissen und erlernten Arbeitstechniken. Dabei werden zuerst die Textaussagen sprachlich angemessen (das ist nicht leicht!) zusammengefasst, je nach Fragestellung werden dann, darauf bezogen, zum Beispiel bekannte ähnliche oder gegensätzliche Positionen dargestellt (Methodenkompetenz, Transferleistungen), zuletzt können eigene Konzepte begründet entwickelt werden (Urteilkompetenz). An einer Oberstufenklausur kann die Lehrkraft schon bis zu einer Stunde korrigieren und durch seine Kommentare einen fachlichen Dialog mit dem Schreiber führen. Meine Schüler haben für Geschichts- oder Politikarbeiten immer die Kopie meines Bewertungsschemas für die Besprechung erhalten, die meist eine Doppelstunde dauerte, dabei wurden auch die Benotungskriterien gerechtfertigt. Eine Klassenarbeit ist ein gewichtiges Training für in unserer Wissensgesellschaft erwartete Leistungen. Wir brauchen sie und ihr hohes Gewicht – und wir alle wissen, dass es für die Bewertung der laufenden Kursarbeit (das „Mündliche“) deutlich weniger vergleichbare Maßstäbe gibt.

Dr. Reinhard Behrens

Eine Meisterleistung!

4./5./6. Juni: „70 Jahre. Hamburg feiert sein Grundgesetz. Die Landesverfassung der Hansestadt hat am Montag Geburtstag. Ein Magazin würdigt es“

Historisch betrachtet ist es missverständlich, den Begriff Grundgesetz auf eine Länderverfassung anzuwenden. Max Brauer, Bürgermeister auf der Grundlage der „vorläufigen Verfassung der Hansestadt Hamburg“ (1946), schlug ihn als eine pragmatisch-kreative Kompromissformel im Juli 1948 vor. Sie entsprach zugleich dem Drängen der West-Alliierten auf Ausarbeitung einer Länder übergreifenden Rechtsordnung und dem Bedenken der Länderchefs, mit einer Verfassung die drohende Spaltung Deutschland voranzutreiben. Zwischen August 1948 und Mai 1949 wurde daher das Grundgesetz zunächst als vorläufiger Verfassungstext auf Herrenchiemsee vorbereitet und dann im Parlamentarischen Rat, der aus 65 von elf Länderparlamenten gewählten Abgeordneten bestand, ausgearbeitet und verabschiedet. Eine Meisterleistung! Das Grundgesetz erschien schon bald den Deutschen nicht mehr als Provisorium, sondern als ausformulierter Inbegriff ihrer gemeinsamen Identität, auch nach der Wiedervereinigung. Aus Hamburg waren Paul de Chapeaurouge (CDU) und der Bürgerschaftspräsident Adolf Schönfelder (SPD), Alters- und Vizepräsident im Rat, beteiligt. Nehmen diese Vorgänge und die verantwortlichen Akteure in der Hamburger Erinnerungskultur den ihnen gebührenden Platz ein? Nein! Ein „Platz des Grundgesetzes“ in der City könnte diese Lücke schließen.

Prof. Dr. Christiane Bender, Hamburg

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