Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 2. Juni 2022

| Lesedauer: 8 Minuten

Für „Dörfler“ nicht geeignet

1. Juni: Leitartikel: „9-Euro-Ticket? Mitmachen! Der Umstieg in Bus und Bahn hilft, den Klimawandel zu bekämpfen“

Die Euphorie des Autors greift kurz. Wer nutzt denn den ÖPNV außer der Städter? Statt eine Stunde im Auto zu sitzen, soll man sich die doppelte Zeit in unsauberen und unpünktlichen Verkehrsmitteln mit Mitmenschen teilen, die – vor allem abends – gerade Frauen ohne Begleitung erfreuen dürften. Die Dörfler werden auch zukünftig ihr Auto streicheln, denn um Besorgungen zu machen, den Arzt aufzusuchen oder bummeln zu gehen muss man schon ganz früh aufstehen, um den ersten Bus zu erwischen. Und wenn man jetzt von der Qualität des Nahverkehrs nicht überzeugt wird, wird auch der Fernverkehr nicht erfolgreich. Die 9 Euro werden nicht einmal ansatzweise kostendeckend sein, der Verwaltungsaufwand ist immens. Es wird also weder günstiger noch einfacher sein, sondern gnadenlos die Schwachstellen aufdecken.

Norbert Herzberg

Abends nur noch ICE

Das 9-Euro-Ticket wird zur Farce, wenn es gerade am Wochenende ausgehebelt wird. Beispiel: Von Lüneburg nach Hamburg gibt es am Wochenende nach 20 Uhr fast nur noch ICE-Verbindungen, einmal stündlich. Der Grund, warum da kein Metronom mehr fährt wie sonst an Wochentagen, ist mir nicht bekannt. Da bleibt einem gar nichts anderes übrig, als aufs Auto auszuweichen.

Annette Bopp

Zu viel Wind in der HafenCity

1. Juni: „Eine neue Oper für Hamburg – nun äußert sich Klaus-Michael Kühne. Umstrittener Vorstoß des Milliardärs ging von Initiative von Generalmusikdirektor Kent Nagano aus“

Wir Hamburger lieben die Oper. Gut zu erreichen mit Bus und Bahn. Vielseitige Gastronomie in allen Preisklassen in der Nähe. Und die Akustik: im ersten Rang und ab Reihe 13 wunderbar. Aber vielleicht sitzt Herr Kühne immer in der ersten Reihe? Bitte keinen Umzug in die kühle HafenCity. Da fliegt man oft auf dem Weg in die Elphi bei Wind und Wetter weg.

Ulrike Singelmann

Eine brillante Idee

Die Staatsoper abzureißen, ist eine brillante Idee. Wer das Residenz- und das National-Theater in München oder die Wiener Staatsoper gesehen hat, der weiß, wie schöne und akustisch gelungene Häuser auszusehen haben. Ein der Stadt Hamburg genügendes Opernhaus an den Elbbrücken zu errichten, ist auch deswegen vernünftig, weil dort eine geeignete Infrastruktur (Feuerwehrzufahrten, Parkplätze usw.) vorhanden ist. Das jetzige Haus der Hamburger Staatsoper ist einfach schnöde und fast hässlich. Daran ändert auch der Denkmalschutz nichts. Im Übrigen wäre der aufwändige Kulissentransport mit Tiefladern und schweren Lkw von der Werkstatt in Barmbek zur Dammtorstraße überflüssig.

Dieter Wiedemann

Vermögen sinnvoll ausgeben

Schon Erich Kästner dichtete:

„Wenn so ein Kerl Vermögen hätte,

er ließe selbst die Streichquartette,

soweit sie seinem Ohr gefielen,

von hundert Mann Orchester spielen“.

Herr Kühne hat Vermögen, sollte aber trotzdem überlegen, wofür er es sinnvoll ausgibt.

Annegret Müller

Arrogante Absage an Günther

31. Mai: Leitartikel: „Hürden für Schwarz-Grün. Beide wollen Koalition unbedingt – aber es gibt auch Konflikte im Norden“

Danke für diesen Leitartikel, der ausspricht, was bisher sonst nicht zu hören war. Dies waren seit der Wahl genau meine Bedenken, die von der CDU offensichtlich gering geschätzt wurden. In Hessen hat sich Schwarz-Grün bewährt, in NRW ist es derzeit alternativlos und in Baden Württemberg ist Grün-Schwarz eine Konstellation, die dank der Person Kretschmann gut zum Ländle passt. In Kiel jedoch treten die Grünen seit dem Wahlabend arrogant und selbstgerecht auf. Dann haben sie dreist die von Günther über alles hochgelobte Jamaika-Koalition schnöde abgewiesen und damit Günther und den Liberalen vor den Kopf gestoßen. Das war mindestens schlechter Stil, ungehörig und unwürdig. Frau Heinold ist gefühlt abgesetzt, die forschen Jungen haben das Ruder übernommen. Ja, die FDP wurde abgewählt – aber sie wäre der bewährte Partner für ein breites bürgerliches Bündnis geworden. Herr Günther will hip sein, er sieht den bundesweiten Zukunftstrend und genießt das Medienecho, das ihn zum Gegenmodell von Merz in der Bundesführung seiner Partei aufbaut. Auch ich habe eine der beiden Gewinner-Parteien gewählt – und würde es derzeit nicht wieder tun.

Johannes Zink

Abenteuerliche Argumentation

31. Mai: „Wer profitiert vom Tankrabatt?“

Was für eine abenteuerliche Argumentation der Ölkonzerne. Es kann also sein, dass der Tankrabatt am 1. Juni nicht an die Kunden weitergereicht wird, da die Tanks noch mit dem „alten“ (nicht steuerreduzierten) Kraftstoff gefüllt sind. Am Ende der „steuerreduzierten“ Periode Ende August werden sich die Tankstellenbetreiber dann noch schnell die Tanks mit dem verbilligten Treibstoff füllen, um diesen am Folgetag wieder zum erhöhten Preis zu verkaufen und sich damit schnell noch einen fetten Extraprofit zu sichern. So läuft nun mal die Freie und (Un-)soziale Marktwirtschaft.

Michael Brockhöft-Kahnert

Kein Ruhmesblatt für Lindner

Den Ölmultis in Deutschland lag schon immer das eigene Portemonnaie näher am Herzen, als das der Verbraucher. Nachvollziehbar, es sind Wirtschaftsunternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht. Und da wir spätestens seit Brecht wissen, was vor der Moral kommt, kann auch niemand überrascht sein, dass der staatliche „Tankrabatt“ zur Gewinnmaximierung genutzt wird, auch Finanzminister Lindner nicht. Bleibt also die Frage: Klientelpolitik oder Blauäugigkeit? Beides kein Ruhmesblatt für den Ressortchef…

Bernd A. Sutter

Theater-Abo abbestellt

28./29. Mai: „,Geht hin!‘. Der Autor und Musikproduzent Johann Scheerer weiß, wie leer derzeit die Reihen bei Kulturveranstaltungen bleiben. Ein sehr persönlicher Appell“

Ich gehe nicht mehr hin. Das Theater-Abo ist jetzt abbestellt. Die letzte Aufführung sah ich im Oktober 2020, damals noch ohne Maske und mit nach Chlor stinkenden Händen. Seither habe ich zehn Karten verfallen lassen. So geht es nicht weiter. Maske, gar FFP2-Maske? Dafür müsste mir live eine Sonnen- und eine Mondfinsternis in einer Veranstaltung geboten werden. Im Kino war ich im September 2021 das letzte Mal. Mit 2G-Nachweis, ohne Maske und nicht desinfizierten Händen. Das war in Ordnung. 2G-Nachweise würde ich mir noch gefallen lassen, aber dann ist mal gut. Tatsächlich weiß ich aber nicht, was dem Bundestag für die nächste Saison einfällt, was Hamburg kurzfristig daraus macht, und was die Richter davon übriglassen. Das ist mir zu unsicher. Und denen, die härteste Maßnahmen verlangen, weil sie Corona fürchten, geht es ja ähnlich. Dass dabei die Theater und Kinos zwischen den Fronten zerrieben werden, ist vorhersehbar. Da ein Ende dieses Hickhacks nicht abzusehen ist, wird die Kultur warten müssen, bis eine Generation nachwächst, die es nicht anders kennt und sich nicht daran stört. Dabei könnte es doch so schön sein. Denn im Saal wird seit Corona sicher seltener gehustet.

Frank Bokelmann

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