Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 4. August 2021

Lesedauer: 8 Minuten

Zeit für Strategiewechsel

3. August: „Bund und Länder einigen sich: Mädchen und Jungen ab 12 impfen. Minister setzen sich über die Ständige Impfkommission hinweg

Was erwarte ich als Bürgerin eines glücklicherweise demokratischen Staatswesens von meinen politischen Repräsentanten? Sie sollen transparent, so konsistent wie möglich und an inhaltlich nachvollziehbaren Kriterien orientiert agieren. Das ist erfüllbar und nicht übertrieben. Was ich nicht brauche, ist Panikmache, Aktionismus, Willkür bei Entscheidungen. Genauso agiert die Politik aber gerade hinsichtlich der Impfung von Kindern. Die etablierte, wissenschaftlich orientierte Stiko wird demontiert und als Orientierungshilfe im Wirrwarr der Positionen außer Kraft gesetzt. Resultat: Zunahme an Orientierungslosigkeit. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, aufgrund derer eine Kehrtwende begründet wäre, werden nicht offengelegt – es gibt sie auch nicht. Resultat: Weiterer Vertrauensverlust, da die Motive der Handelnden in ihrer Unberechenbarkeit intransparent bleiben. Eltern und Kinder werden weiter verunsichert. Es ist erkennbar, dass es in Deutschland vor dem Herbst die sog. Herdenimmunität nicht geben wird. Ob sie überhaupt erreichbar sein wird in einem demokratischen Land ohne Impfpflicht, halte ich für fraglich. Es ist von daher Zeit für einen Paradigmenwechsel: Mit dem Virus leben, heißt die Devise, realistisch erkennen, dass es in Herbst und Winter deutlich erhöhte Infektionszahlen geben wird – und die Schulen und Kitas dennoch offen bleiben müssen. Das Personal ist überwiegend geimpft, die Kinder und Jugendlichen bewältigen die Infektion so gut wie andere Grippewellen. Vor dem ganz individuellen Schicksal einer schweren Erkrankung kann niemand schützen, genauso wenig wie vor den selten auftretenden Komplikationen im Kontext von Impfungen. Verantwortliche Eltern werden zusammen mit verantwortlich handelnden Kinderärzt*innen individuelle Lösungen für vulnerable Kinder und Jugendliche finden. Die Aktion „Kinderimpfung“ ist aus meiner Sicht ein fehlgeleiteter Versuch der Politik, kraftvolle Handlungsfähigkeit vorzugeben und mit dem alten Denken fortzufahren, obwohl ein Nachdenken über einen Strategiewechsel schon längst angesagt wäre.

Maja Dammann

Aus dem Ruder gelaufen

Die Diskussion um die Impfung der Kinder ist meiner Meinung nach völlig aus dem Ruder gelaufen. Es geht doch um eine freiwillige Impfung. Niemand wird gezwungen. Die Erwachsenen nicht, und die Kinder auch nicht. Wenn es aber einen von der Europäischen Zulassungsbehörde zugelassenen Impfstoff für Kinder ab 12 Jahren gibt, dann ist es auch folgerichtig, diesen anzubieten. Es kann nicht sein, dass wir als Familie vor den Sommerferien in Hamburg bei fünf Ärzten versucht haben für unseren Sohn (13 Jahre) einen Impftermin zu bekommen und alle haben abgelehnt. Drei Kinderärzte waren dabei. Ich habe den Eindruck, dass es bei der aktuellen Diskussion mehr um die geht, die sich nicht impfen lassen wollen, als um die, die bereit für eine Impfung sind. Deshalb finde ich es gut, dass endlich auch für Kinder Impftermine angeboten werden sollen. Wer diese Termine nicht annehmen will, bleibt einfach zu Hause.

Jörg Schmidt, Hamburg

Freiflächenangebot verbessern

3. August: „Neue Regeln verhindern Kita-Bau. Trotz Anfragen von Eltern erhält Träger aus Winterhude keine Genehmigung. Grund ist ein folgenreiches Urteil“

Irgendwie haben Sie alle recht: Das Gericht, weil es Außenspielraum bei Kindertagesstätten fordert, das Bezirksamt, weil es den Vorrang öffentlicher Nutzung auf den Spielplätzen betont und die Mitarbeiterin der Kita, die auf die Bedeutung der Kita-Plätze hinweist. Kein Ausweg? Wir könnten auch die Freiflächenangebote im Stadtteil verbessern. Neben der öffentlichen Hand haben dabei auch die Wohnungseigentümer Verantwortung. Der Hamburgischen Bauordnung zufolge sind Kinderspielflächen herzurichten und die müssen „vielfältig gestaltet sein, um die Entwicklung von Kindern in ganzheitlicher Hinsicht zu fördern“. Diese geforderte Qualität ist in den Wohnsiedlungen selten anzutreffen. Nicht nur in Billstedt häufen sich Mangel um Mangel, so dass gute Freiräume knapp sind, und die Konkurrenz darum entsteht. Sind öffentliches Grün und private Freiflächen aber so gestaltet, dass im Zusammenspiel ein für Kinder lebenswertes Wohnumfeld entsteht, dann darf eine Kita auch mal wenig Außenraum haben. Der Umkehrschluss gilt allerdings auch.

Berthold Eckebrecht,

Landschaftsarchitekt

Abgebügelt und plattgemacht

31. Juli/1. August: „Ein Schriftsteller flieht aus Deutschland. Matthias Politycki zählt zu den großen zeitgenössischen Schriftstellern – aus Protest gegen das Gendern und die Diskussionskultur hat er Hamburg verlassen“

Herr Politycki spricht mir aus der Seele. Ich kann seine Motivation, Deutschland zu verlassen, sehr gut verstehen. Auch ich sehe deutlich, dass viele Menschen der jüngeren Generation Widersprüche nur noch schlecht aushalten können. Ich bin immer gern in den Diskurs gegangen, habe mich über eine „ertragreiche“ Diskussion gefreut, auch, um meinen eigenen Horizont zu erweitern und dazuzulernen. Wie Herr Politycki mache ich leider immer wieder die Erfahrung, dass es heute nicht mehr ausreicht, „...uns im Recht zu wissen. Heute wollen wir den anderen als schlechten Menschen enttarnen. Beschimpfungen kenne ich auch von früher, aber dieses Besserwisserische, Überhebliche, Hochfahrende bei jeder Gelegenheit ist neu.“ Herr Politycki sagt auch sehr richtig: „Wir haben unsere Gesprächskultur verloren und verschrecken die sensiblen, die intellektuell differenzierten und damit wichtigsten Gesprächspartner.“ Gerade wenn es um sensible Themen geht wie z.B. die Pandemie und das Impfen, kennen die Diskussionspartner meist keine Gnade. Wenn man nicht die Meinung und Haltung des Mainstream vertritt, wird man sofort abgebügelt und „plattgemacht“ und auch gleich als Querdenker oder Coronaleugner tituliert, auch wenn man es eigentlich gar nicht ist. Der kritisch-denkende Gesprächspartner hat kaum noch eine Chance und kapituliert irgendwann. Aus all den vorgenannten Gründen beteilige ich mich in bestimmten Runden schon gar nicht mehr, weil ich da sowieso gleich von oben herab belehrt und in eine Schublade gesteckt werde und mein Gegenüber sowieso nicht an einer echten Auseinandersetzung interessiert ist. Sehr schade, das Ganze.

Stephanie Haddenga, Altona-Altstadt

Ist Zweifel nicht berechtigt?

31./1. August: „Wir alle müssen unsere Freunde davon überzeugen, dass sie sich impfen lassen“. Die Corona-Impfungen gehen nur schleppend voran – jetzt nimmt Olaf Scholz die Bürger in die Pflicht

„Wir alle hier am Tisch haben die Impfung gut vertragen und sind nicht zum Alien mutiert“. Es ist sehr schade, dass Herr Scholz diejenigen, die sich bislang noch nicht zu einer Impfung durchringen konnten, nicht ernst nimmt. Vermutlich die allerwenigsten der noch nicht Geimpften hat Angst zum Alien zu mutieren. Ist es so abwegig, die kurz- und langfristige Wirkung dieses neuartigen und noch nicht mal „richtig“ zugelassenen Impfstoffes zu hinterfragen und anzuzweifeln? Ich meine nicht.

Andrea Ehlers

Schritttempo statt Tempo 30

31. Juli/1. August: „Senator: ,Ich wünsche mir mehr Tempo 30 in Hamburg.‘ Anjes Tjarks (Grüne), Chef der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende, über die Stau­situation, die marode Infrastruktur und den Ausbau der Radwege“

Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich lachen: Der Verkehrssenator Herr Tjarks wünscht sich mehr Tempo 30? Haha, ich wäre froh, wenn man mal 30 fahren könnte! Bei all den Baustellen und Staus kommt man doch nur im Schritttempo voran!

Larissa Wengler

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