Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 2. August 2021

Lesedauer: 7 Minuten

Schlechte Koordination

31. Juli/1. August: „Senator: ,Ich wünsche mir mehr Tempo 30 in Hamburg‘. Anjes Tjarks (Grüne), Chef der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende, über die Stausituation, die marode Infrastruktur und den Ausbau der Radwege

Kein Mensch bestreitet den Nachholbedarf bei der Instandsetzung der Straßen und Brücken (wie konnte es dazu kommen?). Beanstandet wird aber, dass alle diese Maßnahmen gleichzeitig begonnen werden, ohne Rücksicht auf die Belange des Kfz- und des Wirtschaftsverkehrs und die Belange des ÖPNV. Denn solange der ÖPNV auf der Straße, anstatt auf der Schiene abgewickelt wird, ist der ÖPNV in gleicher Weise wie der Kfz-Verkehr von dem Chaos auf Hamburgs Straßen betroffen. Es ist die Aufgabe der Baustellen-Koordination und des Projekt-Controlling, dass nicht alle diese Maßnahmen zur gleichen Zeit begonnen, sondern in eine vertretbare Reihenfolge gebracht werden und dass mit Nachdruck auf die Fertigstellung der Maßnahmen bestanden wird. Von solcher Einflussnahme seitens der Regierung ist nichts zu spüren, ganz im Gegenteil. Es gibt unzählige Baustellen, auf denen nicht gearbeitet wird, die unangemessen lange dauern, weil soviel Tiefbaukapazität gar nicht mobilisiert werden kann. Wo bleibt da die Fachkunde? Herr Tschentscher sollte dies zur Chefsache machen.

Johannes Schneider, Verkehrsplaner

Wichtig ist die Arbeitsqualität

31. Juli/1. August: „Laschets Baerbock-Moment. Der Unionskanzlerkandidat räumt nach Plagiatsvorwürfen in seinem Buch ,Aufsteigerrepublik‘ Fehler ein“

Otto Normalbürger wie mich interessiert nicht, wer was geschrieben hat und irgendwann mal falsch gemacht hat. Es kommt auf die jetzige Arbeitsqualität an. Ich glaube, wir wollen alle nur eine vernünftige, mit Sachverstand gemachte Politik und dass wir alle vertretbar damit leben können. Liebe Politiker, jeder hat ein bisschen recht und auch unrecht, also packt es doch einfach mal zusammen an und macht die Bürger zufrieden. Und auch wir Bürger sollten mal unseren Egoismus abschalten. Oder geht es immer nur um Macht und recht haben?

Michael Grabellus

Jede Aussage ein Genuss

31. Juli/1. August: „Ein Schriftsteller flieht aus Deutschland. Matthias Politycki zählt zu den großen zeitgenössischen Schriftstellern – aus Protest gegen das Gendern und die Diskussionskultur hat er Hamburg verlassen“

In meinem noch nicht allzu lange zurückliegenden Berufsleben habe ich mein Geld mit Sprache verdient. Daher habe ich jede einzelne Aussage von Herrn Politycki zum krampfhaften Verändern der deutschen Sprache genossen. Herrn Iken herzlichen Dank für dieses wunderbare Interview. Ich bin, was das Gendern angeht, inzwischen so übersensibilisiert, dass ich schon zusammenzucke, wenn die neue Sprecherin der „heute“-Sendung, Jana Pareigis, nur das Wort „Bruttoinlandsprodukt“ ausspricht, bei dem natürlich vor dem „in“ eine kleine Sprechpause sein muss.

Manfred Thönicke

Neue Wege für Wohnungsbau

30. Juli: „Jährlich 10.000 neue Wohnungen – jetzt wackelt Hamburgs großes Ziel“

Die Aussage „es gibt inzwischen eine höfliche Distanz zu Neubauprojekten“ von Herrn Breitner sollte uns alle hellhörig machen und bietet die Chance, nach alternativen Lösungen für den dringend notwendigen Wohnungsbau zu suchen. Wir haben es hier mit einem Zielkonflikt zu tun. Auf der einen Seite brauchen wir, um des sozialen Friedens willen, einen Zuwachs an bezahlbarem Wohnraum. Auf der anderen Seite müssen wir, gerade nach der verheerenden Flutkatastrophe, um jeden Quadratzentimeter Grün in Hamburgs Stadtgrenzen kämpfen und weitere Versiegelung, wo es geht, verhindern. Warum beschreitet die Hamburger Behörde für Stadtentwicklung nicht endlich ganz andere Wege, als allerorten einfallslose monotone Wohnwürfel zu genehmigen? Wir sollten stattdessen generationenübergreifendes Wohnen stärker propagieren und Modelle wie „Wohnen gegen Hilfe“ fördern – das hätte noch einen gesellschaftlichen Mehrwert. Außerdem sollten Anreize für Wohnungstausch gesetzt werden, damit der ungleich verteilte Wohnraum insbesondere denjenigen zugute kommt, die ihn nötig haben. Zusätzlich sollten Bestandsbauten aufgestockt und umgebaut werden, wie dies in Wien bereits seit Jahrzehnten Usus ist. Baustoffe sollten vermehrt wiederaufbereitet und erneut verwendet und Renovierung statt Neubau gefördert werden. Und zum Schluss bietet die Pandemie die vermutlich einmalige Gelegenheit, die freiwerdenden Gewerbe- und Büroimmobilien in attraktiven Wohnraum umzuwandeln. Das würde gleichzeitig die Innenstadt charmant beleben und die Aufenthaltsqualität enorm steigern. Und es würde die Akzeptanz der Hamburgerinnen und Hamburger fördern, weil Hamburg hier innovativ mit neuen Konzepten voranginge und Ökologie und Soziales besser als bisher miteinander in Einklang brächte.

Myriam Christ, Rahlstedt

Protokolle gegen’s Vergessen

29. Juli: Kommentar: „Von wegen Gentleman-Gauner. Beim Cum-Ex-Skandal geht es um Bandenbetrug“

Jeder hat Verständnis dafür, dass man vergessen kann, was man vor Wochen, Monaten oder Jahren zu einem wichtigen Thema im Einzelnen gesagt hat. Aber genau aus diesem Grund gibt es Protokolle! Bei Konferenzen und sogar kleineren Teamsitzungen werden bei relevanten Themen Niederschriften angelegt. U. a. werden die Kernaussagen jeder namentlich genannten anwesenden Person sowie die Meinungsverschiedenheiten bzw. Beschlüsse genau dokumentiert, mit Datum. Auch nicht Anwesende, aber an einer Entscheidung Mitwirkende, werden namentlich aufgeführt und das Ganze wird allen Beteiligten zur Ansicht vorgelegt und unterschrieben. Keiner kann sich aus einer Verantwortung stehlen. Das ist der Sinn eines Protokolls. Bei Erinnerungslücken gibt es also die Möglichkeit in einen Ordner zu sehen, um sein Gedächtnis aufzufrischen. Mit Sicherheit kennen Untersuchungsausschüsse diese Vorgehensweise, auch Sekretariatsangestellte. Ob im Betrieb oder in der Politik ist das Prozedere doch noch üblich. Oder?

Andrea Augustin, Hamburg

Das hatten wir doch schon mal

29. Juli: „Schulleiter des Gymnasiums Blankenese wirft hin. Joachim Hagner tritt zum 1. August zurück. Behörde fordert ein Ende der ,heftigen Auseinandersetzungen‘“

Ältere Absolventen des Gymnasiums Blankenese werden sich erinnern: Das hatten wir doch schon mal. Im Frühjahr 1970, also in bewegten Zeiten, stolperte der damalige Schulleiter, Oberstudienrat Heinrich Wernicke (50), über eine aufmüpfige Schülerschaft. Kritisiert wurde u. a. sein autoritärer Stil, der nicht mehr in die Zeit passte. Auch teilte er unsere Vorstellungen von einer Schülerselbstverwaltung (SSV) im Gegensatz zu einer Schülermitverwaltung (SMV) nicht. Nach mehreren Flugblättern, z. B. überschrieben mit „Tausche Schulleiter gegen Sandsack“ nahm er seinen Hut oder musste ihn nehmen. Ihm folgte ein zweiköpfiges, von der Schulbehörde eingesetztes Schulleiterkollektiv, auch dies in der Hamburger Schulgeschichte ein vermutlich – nicht nur in der damaligen Zeit – einmaliger Vorgang.

Dr. Bernd Michael Granzow, Hamburg

Akzeptanz durch leise Motoren

30. Juli: „Motorrad-Demo: Polizei warnt vor Straßensperrungen“

Was ist gegen das Tiroler Modell zu sagen? In allen Bereichen bemüht man sich um Lärmminderung. Wenn Motorräder so leise sind wie normale Autos oder gar E-Autos, gäbe es das Problem doch gar nicht. Aber einige meinen mit ihrem Lieblingsmotorengeheul auch den Rest der Bevölkerung beglücken zu müssen. Und diese „einige“ sind verdammt viele. Martin Kleinert

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Leserbriefe