Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 16. Juli 2021

| Lesedauer: 7 Minuten

Bemerkenswerte Aktion

15. Juli: „Sommergärten erblühen in der Innenstadt. Alles so schön grün hier: Aktion rund um die Passagen soll Menschen in die City locken“

Die Sommergärten verwandeln weite Teile der Innenstadt in magische Flächen. Die Aktion der BID’s verdient die Titelgeschichte im Abendblatt. Was ist bemerkenswerter als eine Initiative die mehr Grün, Faszination und Begeisterung erzeugt als die dafür verantwortliche Politik, die viel redet aber eben doch funktionalen Beton bevorzugt?

Michael Pietz

Jahrzehntelang gut verdient

15. Juli: „Altmaier warnt vor Abwanderung von Unternehmen. Aus der Bundesregierung kommt Lob für die Brüsseler Klimapläne – aber nicht nur“

Wie lange sollen wir uns noch das Gejammer der Unternehmen anhören, die wieder einmal Deutschland und/oder Europa verlassen wollen, weil ihnen zu viel abverlangt wird? Wann unternimmt die Politik dagegen endlich mal was? Jahrzehnte haben sich die Unternehmen ein dickes Portemonnaie verdient mit einem hervorragenden Arbeitsmarkt, mit bestens ausgebildeten Arbeitskräften, einer hervorragenden Infrastruktur, besten Ansiedelungszuschüssen, Steuererleichterungen usw. Wann wollen die Unternehmen davon mal was zurückgeben? Schämt ihr euch nicht mit solchen Erpressungsversuchen? Wieso kontert die Politik nicht mit gesonderten Einfuhrsteuern o. ä. bei Produkten solcher Firmen? Wieso ist sich Herr Altmaier eigentlich nicht zu schade für die durchgereichte Kritik der Unternehmungen anstatt seine Behörde auf Ideen zu diesem Thema anzusetzen?

Manfred Stöckling

Was bedeutet Qualifikation?

15. Juli: „Berufseinsteiger verdienen in Hamburg mäßig“

Wieder wird Qualifikation mit einem akademischen Abschluss gleichgesetzt. Es gibt auch andere angesehene Berufsabschlüsse, für die das Abitur Voraussetzung ist, lange gelernt werden muss, gut verdient wird und sogar die Selbstständigkeit möglich ist. Ich erinnere an das Buch des ehemaligen Kulturstaatsministers Julian Nida-Rümelin mit dem Titel „Der Akademisierungswahn“. Mir tun die jungen Leute leid, die viele Jahre Philosophie studiert haben und dann enttäuscht feststellen müssen, dass der gesellschaftliche Bedarf an dieser Qualifikation nur sehr gering ist und entsprechend gering entlohnt wird.

Rainer Hüls

Wichtigtuer am Werk

14. Juli: „Großer Streit um Aus für ,Schwarzfahren‘“ und „Schluss mit ,Damen und Herren‘“

Die neuen Sprachfindungen werden immer absurder und sorgen für eine Verballhornung der so ausdrucksstarken deutschen Sprache! Da wird verlangt und umgesetzt, dass unsere Sprach- und Schreibgewohnheiten auf eine Minderheit von 394 Personen abgestellt wird, die sich als „divers“ haben eintragen lassen (und das bei einer Einwohnerzahl von über 60 Millionen Erwachsenen in Deutschland!). Da wird das Wort „schwarzfahren“ in einer völlig willkürlichen Verbindung mit einer Hautfarbe von Volksgruppen gebracht, die von diesen als diffamierend empfunden werden könnte. Doch die US-Vizepräsidentin, Kamala Harris, lässt sich als „Schwarze“ bezeichnen und findet das absolut nicht diffamierend. Da sind Wichtigtuer und Gerechtigkeitsfanatiker am Werk. Aber warum muss denen gefolgt werden?

Udo Bauer, Wedel

Einseitige Ausrichtung

14. Juli: „VW setzt voll auf autonomes Fahren“

Weiß VW-Chef Diess eigentlich, ob auch seine Kunden voll auf autonomes Fahren setzen? Ob sie sich trauen, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung mit 130 Sachen über die Autobahn zu brausen und dabei mit den Kindern Malefiz zu spielen? Was technisch geht, muss nicht unbedingt auch Liebhaber finden, die dafür zu zahlen bereit sind. Zudem scheint die ausschließliche Hinwendung zur E-Mobilität genau so in die Sackgasse zu führen wie das Festhalten am Diesel über zwei Jahrzehnte lang, obwohl sich dessen Probleme massiv abzeichneten. Wo bleibt der Verbrenner mit dem grünen Flüssigkraftstoff, an dem dessen Hersteller arbeiten? Wo bleibt der Wasserstoff mit Brennstoffzelle? Woher soll der viele Strom kommen, wenn wie die Energieexperten das nennen, eine tagelange „kalte Dunkelflaute“ herrscht? VW als zweitgrößter Autobauer der Welt sollte sich die offenbare Einseitigkeit seiner künftigen Ausrichtung noch einmal durch die Köpfe seiner Vorstandsmitglieder gehen lassen.

Dr. Gunter Alfke, Hamburg

Stautest in der Ferienzeit?

14. Juli: „Stautest: „So fährt es sich auf der Elbchaussee. Die Bauarbeiten auf der 8,6 Kilometer langen Achse laufen auf Hochtouren. Das Abendblatt ist die Strecke mit Auto und Rad abgefahren“

Was ist das denn für ein Unsinn, einen Stautest während der Ferienzeit zu machen, wo es gar keine Staus gibt. Und das auch noch außerhalb der Rushhour. Im echten Leben mit Staus wären alle schneller unterwegs, wenn sie Fahrrad fahren würden. Außerdem kommt beim Auto noch die Zeit dazu, die der Autofahrer braucht, um einen Parkplatz zu finden und dann von dort zum Ziel zu laufen.

Burkhard Arrenberg, Hamburg

Gesellschaftlicher Moralismus

14. Juli: „Merkel will keine Impfpflicht – vorerst. Kanzlerin dringt auf eine Impfquote von 85 Prozent. Erst dann seien höhere Corona-Inzidenzen beherrschbar“

Mittels offensiver Forderungen nach Moral – nein, nach der Anwendung von gesellschaftlichem Moralismus – lehnen sich viele von uns derzeit recht weit aus dem Fenster. Unsere überlegene „Lernkurve“ indes sollte meines Erachtens nach rund anderthalb Jahren Pandemie in eine andere Richtung zeigen. So ist die Solidarität in einer Gesellschaft gewiss ein überaus hohes, immaterielles Vermögensgut, das genauso gewahrt sein und bleiben sollte. Es geht um unser aller Gesundheit, mithin der Gesundheit einer und eines jeden. Das bedeutet freilich, dass dem Menschen immanent nichts näher ist als die eigene geistige, seelische und körperliche Gesundheit, inklusive der gedanklichen Auseinandersetzung mit ebendieser. Ich bin generell weder strikter Impfgegner noch Impfbefürworter, weil über diese womöglich äußerst tiefgreifende Entscheidung in die „persönliche Verfassung“ nur jeder Mensch höchstselbst nach eigenem besten Wissen und Gewissen entscheiden kann, darf und muss. Eine allgemeine Impfpflicht halte ich verfassungsrechtlich nicht als gerechtfertigt, eine berufsspezifische Impfpflicht, soweit Arbeitsverträge diese nicht ausdrücklich vorgeben, ebenfalls als nicht zulässig. Die somit „verbleibende“ Forderung nach (vermeintlicher) Moral und Solidarität, nach der (vermeintlich) gerechteren Gewichtung von Sicherheit und Freiheit, vermittelt mir einen nicht würdigen Beigeschmack zur derzeitigen Impfdebatte. Bedenken wir bitte stets, dass, nicht nur diese Pandemie betreffend, auch und besonders wissenschaftlich jeder (prozessualen) Annahme und/oder Aussage zumindest eine äquivalente Annahme und/oder Aussage entgegensteht, dass wir leider nicht selten glaubend zu wissen meinen, nicht selten abhängig von einer thematisch diffusen Schalldichte um uns herum (diese Aussage gilt freilich auch für und gegen den Verfasser dieses Leserbriefs). Jedes Leben hingegen ist ohne intellektuellen und moralischen Zweifel einzigartig und dabei sollte es bleiben. Dem trägt im Übrigen unsere freiheitlich demokratische Grundordnung – rechtlich und ethisch – durch den sogenannten Minderheitenschutz in bestmöglicher Weise Rechnung; und an diesem gesamtgesellschaftlichen Grundsatz sollten wir mitnichten rütteln.

Matthias Bartsch, Lichtenau

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