Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 28. April 2021

Lesedauer: 7 Minuten

Viel Effektivität für wenig Geld

27. April: „Impfen beim Hausarzt: Bitte nicht anrufen! Niedergelassene Mediziner bereiten sich auf Ansturm vor und beklagen die Bürokratie. KV-Chef Plassmann fordert ein Ende der Priorisierung

Wer es geschafft hat, durch das bürokratische Internetgestrüpp zu einem Impftermin zu kommen, weiß um das Spalier von Helfern im Impfzentrum und die Masse an noch freiem Platz. In der Hausarztpraxis ist alles anders, es gibt wenig Platz wegen der hohen Mietkosten und wenig Helfer. Mit anderen Worten: Bei sehr gutem Preis-Leistungs-Verhältnis viel Effektivität, die noch höher liegen könnte, ließe die Politik die Ärzteschaft in Ruhe arbeiten, anstatt ihnen auch noch die für Arztpraxen unsinnige Priorisierung aufzuzwingen und damit nur ein zusätzliches organisatorisches Monster zu schaffen.

Dr. med. Dietger Heitele

Die Politik braucht zu viel Zeit

27. April: „Erleichterungen für Geimpfte – aber nicht sofort. Die Bundesregierung will Immunisierten Rechte zurückgeben. Die Impfpriorisierung soll im Juni enden“

Es ist bemerkenswert, aber nicht verwunderlich: Für die Entscheidung über erhebliche Grundrechtseinschränkungen brauchen Bundesregierung, Bundestag, Bundesrat und Bundespräsident wenige Tage, für die Entscheidung über die Beendigung von Grundrechtseinschränkungen, die Menschen betrifft, die nach Auffassung des Robert-Koch-Instituts keine relevante Gefahr mehr darstellen, nimmt man sich hingegen einen Monat Zeit. Das hat, wie so vieles, mit Rechtsstaat nichts zu tun.

Martin Weise

Angst vor Strafe

26. April: „Mitarbeiterin tauschte Impfstoff durch Kochsalzlösung aus“

Einer Mitarbeiterin passiert ein Arbeitsfehler. Wie jedem von uns fast jeden Tag. Sie versucht diesen zu vertuschen, indem sie Kochsalzlösungen in die Spritzen zieht. Menschen werden damit geimpft und erhalten nicht den erhofften Schutz. Das DRK kündigt der Mitarbeiterin. Eine anachronistische Reaktion des Arbeitgebers auf einen Fehler seiner Mitarbeiterin. Werden auch die Verantwortlichen des DRK gekündigt? Deren Versäumnis ist es, keine Fehlerkultur beim DRK eingeführt zu haben, die es Mitarbeitenden erlaubt, ohne Angst vor Strafe, ihre Fehler offen zu melden.

Jan Marquardt, Bendestorf

Falsches Mittel gewählt

24./25. April: Leitartikel: „Verblüffend empathielos. Die Schauspieler-Aktion #allesdichtmachen trägt ein enormes Spaltpotenzial in sich“

Danke, für Ihren sachlich und klar formulierten Leitartikel. Dass betroffene Kreise unter den Folgemaßnahmen der Pandemie leiden, ist unbestritten. Dem kann und sollte man Ausdruck verleihen – mit angemessenen Mitteln. Hier wurde jedoch ohne Augenmaß dem Populismus einer Coronaverleugnung das Wort geredet. Entsetzt bin ich darüber, dass dies einer Elite von Publikumslieblingen passiert, die wir für hoch gebildet und gut reflektiert halten. Sie sind ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht geworden.

Johannes Zink

Ein Neustart für die Kultur...

26. April: „,Zynismus ist nicht die richtige Haltung‘. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda über emotionale Belastungen, beißende Kritik und die fragile gesellschaftliche Lage“

Vielen Dank für das feinfühlige Verständnis für die Kulturschaffenden, für die Einordnung der Ohnmachtserfahrungen, für den Aufruf zu Toleranz, Austausch, Solidarität und Kreativität. In diesem Geist werden wir den Neuanfang schaffen. Ich wünsche mir einen Neustart, der die Spielräume dafür stärkt, dass Kunst und Kultur tief ins Alltagsleben eingreifen können, aus diesem Alltagsleben heraus entstehen, dieses fortwährend lebendig neu interpretieren und so den Sinn einer Stadt und ihre sich wandelnden Identitäten und Benutzeroberflächen begreifbarer werden lässt. Mit einer weitaus stärkeren, Prozesse begleitenden und ergebnisoffeneren Kulturförderung in benachteiligten Stadtteilen und für junge Menschen kann der kulturelle Raum ein Raum der Selbstbestimmung und Würde werden, der Inspiration und Innovation, der Selbstheilung und Verortung. Ich wünsche mir einen mutigen und großzügigen Abenteuerfonds für ein mehrjähriges Fest der Kultur. Und ich wünsche mir eine Politik, die diese zusätzlichen Kulturmittel dafür gibt, dass getragen von Kooperationen mit anderen Behörden, die gesundheitsfördernden Wirkungen der Kultur, ihre bildende, stadtgestaltende und integrierende Kraft in Hamburg und im Bund in den Fokus rücken. Gestaltbarkeit von Kultur für alle und keinen nachwachsenden Zynismus bei den jungen Bürgern.

Nepomuk Derksen, Bunte Kuh e.V.

Neubau bis zum Bürgersteig

23. April: „Was wird aus Hamburg? Kämpferin gegen die Abrissbirne“

Vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht und die Vorstellung von Frau Sassenscheidt. Ihr Engagement ist bewundernswert. Es ist wirklich schade, dass in Hamburg Gebäude und Bauwerke so lange vernachlässig werden, bis ein Abriss nicht mehr zu vermeiden ist. Bedenklich ist es zumal, dass manche Gebäude der Stadt bzw. städtischen Betrieben gehören. Aber auch so wird viel altes (und schönes) zerstört. Als Beispiel sei ein Mietshaus aus den 1950er-Jahren in der Drosselstraße in Barmbek genannt. Das Haus mit einem zurzeit reichlich blühenden Baum im Vorgarten muss Platz machen für einen Neubau, dessen Mauern direkt bis an den Bürgersteig heranreichen. Auch wird der (Denkmal-) Schutz versagt, wenn in früheren Zeiten Veränderungen am Gebäude durchgeführt wurden, die nicht dem ursprünglichen Stil entsprachen. Genannt seien das Deutschlandhaus und das Commerzbank-Haus am Neß. Nur gut, dass viele historische Gebäude nicht in Hamburg stehen. Zum Beispiel „Die Wartburg“. Hier wurde viel herumgewerkelt, ein Stilmix der Epochen. Also nicht schutzwürdig? Aber zum Glück steht sie ja in Thüringen, in Hamburg würde an ihrer Stelle sicher schon ein „schicker“ Neubau stehen.

Thomas Rossol, Barmbek-Süd

Wer ist schon fehlerfrei?

23. April: „,Baerbock macht den anderen Parteien Angst‘. Die grüne Kanzlerkandidatin wird immer wieder für ihre fehlende Regierungserfahrung kritisiert. Wie viel braucht man davon fürs Kanzleramt?“

Warum werden uns bei allem und jedem Bedenken eingeredet? Auch die anderen Kanzlerkandidaten sind nicht fehlerfrei. Ein frischer Wind in den verkrusteten Strukturen ist doch wünschenswert. Es gibt genug Berater im Team von Frau Baerbock, die sie unterstützen können und Ministerposten innehatten. Schaut nach Dänemark oder Finnland: Dort gibt es junge Frauen, die Präsidentinnen sind, und ihre Länder gehen nicht unter. Zukünftig sollten alle Kanzlerschaften auf zwei Wahlperioden begrenzt werden, und die Legislaturperiode sollte auf fünf Jahre verlängert werden. Dann wäre nach der Wahl nicht gleich wieder vor der Wahl, und es könnten in einem längeren Zeitraum mehr Vorhaben verwirklicht werden. Bei einer langen Kanzlerschaft ist die Luft raus. Das war bei Kohl und jetzt auch bei Merkel so. Das soll nicht despektierlich klingen. Das Amt fordert die Person sehr, und es wäre wünschenswert, rechtzeitig einen Wechsel zu vollziehen.

Karen Weidmann-Henkel

Das Team ist entscheidend

Die Überschrift kann es nicht besser beschreiben. Die Nervosität bei den ehemaligen, sogenannten Volksparteien ist nicht zu übersehen. Da gehen die Grünen mit einer Kanzlerkandidatin ins Rennen, die einen vielversprechenden politischen Werdegang aufzeigt. Erfahrung hat Annalena Baerbock schon reichlich in verschiedenen Positionen gesammelt. Diese Erfahrungen sollten allemal ausreichend sein für das, was die jetzige Regierung zeigt. Als Bundeskanzlerin steht sie dann zwar an der Spitze, wichtig ist aber das gesamte Team dahinter.

Thomas Krieger