Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 9. April 2021

Lesedauer: 8 Minuten

Multikulti geht anders

8. April: „Die meisten Corona-Fälle in ärmeren Stadtteilen. Veddel, Jenfeld und Billstedt am stärksten betroffen. Die wenigsten Infektionen in Blankenese und Walddörfern

Endlich wird das Thema in die Öffentlichkeit gebracht. Ich empfinde es gegenüber den dort lebenden Menschen als diskriminierend, dass sie nicht schon eher gezielt durch Testen für die Gefahr sensibilisiert wurden. Hierzu gehört auch die Herkunft und die Kultur der dort lebenden Menschen zu berücksichtigen. Hier hat die Sozialbehörde total versagt. Multikulti bedeutet, sich auch mit den verschiedenen Kulturen auseinander zu setzen. Und was lernen wir noch aus der Tatsache, dass beengte Wohnverhältnisse gesundheitsgefährdend sind? Das Bauprogramm der Stadt, mit ständiger Nachverdichtung in den Stadtteilen, kann so nicht weitergehen.

Thomas Schendel

Alle Werte veröffentlichen

Überall, nur nicht in Hamburg, werden örtliche Inzidenzwerte veröffentlicht. Der Landkreis Harburg beispielsweise bricht die veröffentlichten Übersichten bis auf Gemeindeebene herunter. Hamburg veröffentlicht für die Bezirke nur die Zahl der Infizierten. Um die Inzidenz zu ermitteln, darf man selbst den Wert in Relation zur Anzahl der Bewohner des Bezirks setzen. Begründung ist, man könne ja nicht feststellen, wo die Person sich infiziert hat. Tatsächlich will man offensichtlich keine Transparenz, um Stadtteile nicht gegeneinander auszuspielen. Mit dieser Einstellung haben wir allerdings auch schon bei der Impfbeschaffung versagt. Klarheit über Fakten sollte nie behindert werden, sonst entstehen Gerüchte, die nur die Meute der Verschwörungstheoretiker und Ignoranten fördert.

Jürgen Schmidt

Im Impfzentrum abgewiesen

7. April: „Anruf um 12.30 Uhr, Impfung um 15.30 Uhr. Noch nie war es so einfach, im Zentrum in den Messehallen einen Termin zu erhalten“

Mit einem Impftermin und einem Attest meines Arztes über die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe nach der Impfverordnung in der Hand war ich gestern im Impfzentrum. Dort hatte man wohl Zweifel an dem ärztlichen Attest. Jedenfalls wurde ich nach meiner Erkrankung gefragt. Dazu gab ich natürlich Auskunft. Dann wurde mir gesagt, dass ich noch nicht dran sei. Auf meinen Einwand, dass ich doch einen Termin hätte und bei der Terminabklärung alle Angaben gemacht hätte, sagte man mir im Impfzentrum, dass sich die Mitarbeiter bei der Terminvergabe nicht auskennen würden. So musste ich ohne Impfung wieder gehen und frage mich jetzt, wie ich denn zu einem Impftermin kommen soll, wenn sich die Mitarbeiter der Terminvergabe nicht auskennen. Ich warte ja selbstverständlich, bis ich dran bin. Aber mich wieder wegzuschicken, obwohl ich Termine für eine Erst- und Zweitimpfung bekommen habe, finde ich wirklich schräg. Übrigens wurde mein Mann vier Tage vorher mit dem gleichen Attest von unserer Hausärztin im Impfzentrum ohne Probleme geimpft.

Isabell Lohse

Wertzuwachs einkalkulieren

8. April: „Immobilien-Studie: Mieten ist in Hamburg attraktiver als Kaufen. Nach einem Rechenbeispiel des Portals Immowelt spart eine Familie 440 Euro im Monat“

Diese Aussage kann zutreffen, ist aber grundsätzlich falsch, wie auch an dem Beispiel für eine familientaugliche Wohnung zu erkennen sein dürfte: Die Miete ist zwar um 440 Euro günstiger als der Kauf, das heißt nach 30 Jahren kostet der Kauf etwa 150.000 Euro mehr als die Miete, dafür ist aber die Wohnung in der Regel abgezahlt und kann danach mietfrei genutzt werden. Hinzu kommt gerade in Hamburg: Wer vor 30 Jahren eine Wohnung oder ein Haus gekauft hat, kann sich über einen Wertzuwachs der Immobilie von mindestens 50 bis 100 Prozent freuen. Der wichtigste Punkt scheint bei einem Kauf immer noch zu sein, dass später nicht ein Großteil der Pension oder Rente weiterhin für den Vermieter draufgeht, sondern die Altersvorsorge gefördert wurde. Eigentümer können darüber hinaus noch einen weiteren Joker aus dem Ärmel ziehen: Wer die eingangs zitierte „familientaugliche Wohnung“ mit 65 Jahren auf Rentenbasis verkauft, bleibt bis zum Tod wohnberechtigt, bekommt vom Käufer etwa 150.000 Euro steuerfrei ausbezahlt und zusätzlich lebenslang eine monatliche „Rente“ von etwa 800 bis 1000 Euro. So sehen Sieger aus... Kaufen ist somit immer attraktiver als mieten.

Dietmar Johnen-Kluge

Der Staat sind wir alle

7. April: Leserbrief „Ereignisse nicht dramatisieren“ und 3./4./5. April: „German Angst. Nicht nur in Zeiten von Corona – warum sind wir Deutschen so fürchterlich furchtsam?“

Auch ich bin der Meinung, dass sich eine „allumfassende Vollkasko-Mentalität“ entwickelt hat, die leider von vielen Politikern bis ins Detail unterstützt wird. Daher sind mittlerweile viele Erwachsene nicht fähig oder zumindest nicht gewohnt, selbst nachzudenken, selbst Entscheidungen zu treffen, ihre eigenen Wünsche zugunsten der Allgemeinheit einzuschränken oder negative Erlebnisse beziehungsweise Verluste zu verarbeiten. Entstanden ist dadurch eine Mentalität, die folgender Satz in dem Leserbrief wiedergibt: „Der Staat ist ein Dienstleister für seine Bürger und sollte versuchen, seine Aufgaben effizient zu erfüllen.“ Aber erstens besteht der Staat aus allen (!) Bürgern. Zweitens wäre bestenfalls die Regierung – und nicht der Staat – Dienstleister der Bürger. Und drittens ist die Regierung eben kein Dienstleister, sondern er ist der Lobbyist der Bürger, versucht deren Wünsche durchzusetzen. Wer nicht wählt oder sich in Corona-Zeiten nicht an die AHA-Regeln halten will, weil das ja seine Freiheit einschränkt, sondern bestenfalls an allen möglichen und unmöglichen Entscheidungen herummeckert, ist offenbar nicht willig, selbst Verantwortung und Mitarbeit für seinen Staat zu übernehmen.

Annegret Krol

Keine bequeme Hängematte!

6. April: „Es kommt auf jeden Einzelnen an. Pandemie, Klimawandel – das eigene Verhalten entscheidet“

Herr Haider spricht einen wichtigen Punkt an: Die Verantwortung des Einzelnen. Doch ich würde dem eine andere Wertigkeit geben. Nicht aus Frust, weil die da oben es sowieso nicht hinkriegen, sondern völlig selbstverständlich sollte in einer Demokratie jeder sich mit allen seinen Kräften zum Wohle der Gesellschaft einbringen, die Regierung sollte erst eingreifen, wenn die Bürger überfordert sind. Das ist ein Sozialstaat und keine bequeme Hängematte! „Frage nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!“ (John F. Kennedy)

Dr. Ursula Augener

Einseitiger Dank

Ostern, 3./4./5. April: „Es wird Zeit, unseren Kindern Danke zu sagen. Geduldig, cool und digital: Unser Nachwuchs war das Verlässlichste, was Deutschland in dieser Pandemie zu bieten hatte“

Ich begrüße es ausdrücklich, im Abendblatt nicht nur Negatives, sondern auch Positives zu lesen und ich schätze die Kommentare und Glossen von HaJo Schumacher sehr – meistens. Dieser Artikel ist allerdings meines Erachtens sehr einseitig. Wie viele Alters- und Berufsgruppen haben sich in dieser schwierigen Zeit als zuverlässig und einsichtig gezeigt! Wie viele Menschen, groß und klein, haben trotz außergewöhnlicher Belastungen das Beste aus der Situation und überwiegend im Interesse der Allgemeinheit gemacht! Aber waren und sind es nicht in besonderem Maße Jugendliche und junge Erwachsene, die nicht bereit waren und sind, die AHA-Regeln einzuhalten, die ohne Masken und ohne Abstand demonstrieren und die nicht auf Partys verzichten wollen? Zum Glück gibt es in der Mehrzahl äußerst zuverlässige Kinder und junge Leute, die sich an die einschränkenden Maßnahmen gehalten haben und es – trotz der Coronamüdigkeit – immer noch tun, die sich damit solidarisch verhalten. Sie alle haben dafür ein solches Dankeschön verdient, auch in der Zeit nach Corona.

Hannelore Keßler