Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 8. April 2021

Lesedauer: 7 Minuten

Bürokratischer Irrweg

7. April: „Heute impfen erste Hausärzte – was Hamburger jetzt wissen müssen

Die Hausärzte beginnen die Impfung gegen Corona. Eine gute Nachricht, für manche eine schlechte: Unsere impfbereite Hausärztin hatte vergangene Woche von ihrer Apotheke für diese Woche 36 Dosen Impfstoff angeboten bekommen. Zwei Stunden später musste die Apotheke dieses Angebot zurückziehen. Sie hatte eine Anordnung bekommen, dass es ihr unter Bußgeldandrohung bis 25.000 Euro vom Gesundheitsministerium untersagt sei, Impfstoffe an nicht der Kassenärztlichen Vereinigung angeschlossene Vertragsärzte der gesetzlichen Krankenversicherung zu liefern. Unsere Ärztin, wie 600 andere Ärzte in Hamburg und ebenso Betriebsärzte, schütteln den Kopf. Und die, die wie wir einen Impftermin zum Greifen hatten, sind einmal mehr von den bürokratischen Irrwegen in dieser Pandemie enttäuscht. Gerecht ist anderes, aber da ist bei der ständig durcheinander gewirbelten Impfreihenfolge ohnehin inzwischen ein Chaos. Aber aus dem besteht bekanntlich wieder Ordnung.

Dr. Andreas Reuß

Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Seit Wochen versuchen mein Mann und ich vergeblich, einen Impftermin in einem Impfzentrum zu bekommen. Nun lag unsere ganze Hoffnung auf unserer langjährigen und mit der Krankheit meines Mannes bestens vertrauten Hausärztin. Da es sich hierbei allerdings um eine Privatarztpraxis handelt, musste sie den Impfstoff wieder zurückgeben, da der Hamburger Senat nach kontroverser Diskussion ihr und allen anderen Privatpraxen in Hamburg das Impfen nicht erlaubt hat. Wo bleibt da die Impfgerechtigkeit, das rasche Durchimpfen und vor allen Dingen, welcher Sinn bzw. Unsinn steckt dahinter? Dies ist ein Skandal, hier wird weiter mit Menschenleben, vor allen Dingen mit dem der Risikopatienten, gespielt.

Herbert und Jutta Konzok

Partei ohne Eigenschaften

7. April: „Der gefesselte Söder. Hier ein bayerischer Machtprotz, da ein rheinisches Weichei namens Laschet – die Rollen scheinen verteilt. Zu Recht?“

Armin Laschet und Markus Söder sollten, werden beide verzichten. Es geht bei der Bundestagswahl ja nicht nur um einen möglichen Kanzler. Weder der in derzeitigen Umfragen tief stehende Armin Laschet noch der außerhalb Bayerns nur bedingt akzeptierte Markus Söder können den Einbruch von CDU/CSU auffangen. Die Wählerinnen und Wähler werden sich erinnern, bzw. durch die anderen Parteien erinnert werden: Bereicherung in der Masken-Affäre, Bestechlichkeit von Parlamentariern, fehlende inhaltliche, konservative Substanz, Abkehr von der sozialen Marktwirtschaft hin zu linkem Gedankengut. Und auch die Riege der Minister und Ministerinnen lässt nicht erwarten, dass mit ihnen der notwendige Wandel von derzeit kaum erkennbaren Eigenschaften zu mehr konservativer Substanz mit Inhalten und Leistung zu füllen und durchzusetzen ist. Damit wird sich kein Wahlergebnis weit oberhalb des Ergebnisses der SPD erzielen lassen. Das sollten und werden die beiden Kanzlerkandidaten auch so einschätzen und vorziehen, weiterhin respektierte Ministerpräsidenten in ihrem Bundesland bleiben. Und wer regiert dann?

Udo Bauer

Die Angst in unseren Genen

Ostern, 3./4./5. April: „German Angst. Nicht nur in Zeiten von Corona – warum sind wir Deutschen so fürchterlich furchtsam?“

Ihr Essay streift die Frage nach der Ursache der Angst leider nur leicht mit dem Hinweis „sie läge wohl tief in der deutschen Seele begründet“ und gemäß Autorin Sabine Bode in Kriegs-Nachwirkungen. Ja, so ist es! Hier hätte ich mir weiter Erhellendes von Ihnen gewünscht. Nämlich, dass sich in Folge von Untersuchungen in den letzten 1000 Jahren auf einem erweiterten Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland eine tiefgreifende Traumatisierung schon weit vor den vielen Kriegen im Heiligen Römischen Reich sowie durch Verfolgung und Vertreibung und Hungersnöten und Armut in den Genen unserer Vorfahren festgesetzt hat. Besonders die Folgen der beiden letzten Weltkriege, aber auch der vielen blutigen und tödlichen Scharmützel der unzähligen Fürstentümer und Königreiche auf dem deutschen Gebiet Mitte des 19. Jahrhunderts sind vorherrschende Bestandteile, tief in unserer DNA verwurzelt. Wenn man sich dessen bewusst ist, erscheint es unwirklich, in den letzten 75 Jahren hier keinem Krieg mehr ausgesetzt gewesen zu sein. Unser Volk fokussiert also deshalb seine Sorgen, Bedenken und Schwarzmalerei auf andere Geschehnisse, die uns gefährden könnten. Solange dies in unseren Genen ist, muss sich die „German Angst“ an irgendetwas abarbeiten.

Peter Meyer

Gärender Parteischmelztiegel

Ostern, 3./4./5. April: „20 Prozent, wir kommen. Die CDU durchlebt die tiefste Krise seit Jahrzehnten. Jetzt rächt sich die Ära Merkel für die ganze Partei“

Man könnte die Analyse von Matthias Iken auch kurz auf eine einfache physikalische Gesetzmäßigkeit reduzieren: Eine Parteistruktur, die infolge der Beliebigkeit in ihren Positionen nach jeder Richtung offen ist, kann – im doppelten Wortsinn – nicht ganz dicht sein und wird leer laufen. Diese Partei wurde über viele Jahre hinweg ihrer konservativen Grundhaltung und Inhalte beraubt, ja quasi durch eine absolutistische Führerin in den Grundfesten entkernt. Dank eines solchen Prinzipienvakuums kann man schnell groß werden, da fast alles in diesem Schmelztiegel untergebracht wird, alleine irgendwann aber, wird das Unwohlsein zu groß und es kommt zu einem gärigen Haufen. Die nicht geführten Diskussionen der letzten Jahre stoßen jetzt in dem alten Schmelztiegel mit großer Heftigkeit auf – es geht nicht nur um die Götterdämmerung des Rufs der Kanzlerin, nein, die ganze bisherige Volkspartei steht zur Disposition und damit ein tragender Pfeiler unserer Demokratie.

Michael Wiedemann

Egoismus hilft nicht weiter

7. April: „Der globale Impf-Kollaps. Europa kann sich nicht allein retten: Erst wenn auch die ärmeren Länder geschützt sind, ist die Pandemie besiegt“

Bei den allgegenwärtigen Diskussionen über Europas kränkelnde Impfdosen-Bestellung vermisse ich folgenden Gedanken: Wenn wir in Europa zurzeit viele, viele Impfdosen mehr hätten, würden genau diese woanders auf der Welt, in Afrika oder Lateinamerika, fehlen. Eine national-egoistische Bestellpolitik beflügelt doch eher den globalen Impf-Kollaps.

Thorsten Schima

Pflege in staatliche Hand!

Ostern, 3./4./5. April: „Brisante Pflege-Doku von Joko & Klaas. Viel Lob für Sieben-Stunden-Sendung auf ProSieben“

Egal, ob im Gesundheitswesen oder in anderen Bereichen, unsere Politiker sind Weltmeister im Ankündigen, wir können, müssen, sollen, werden – nur umgesetzt wird nichts. Was hat Herr Spahn schon alles versprochen für den Gesundheitsbereich? Tausende neuer Pflegerinnen und Pfleger, bessere Bezahlung... Passiert ist nichts. Der Empfehlung der Bertelsmann-Stiftung 2019 folgend, würden wir diverse Krankenhäuser schließen und stünden bei der nächsten Pandemie im Regen. Schon bei den letzten Wahlen wurde die Situation der Pflegerinnen und Pfleger thematisiert. Das Gesundheitswesen, wie übrigens auch die Energieversorgung, sind hoheitliche Bereiche und gehören wieder in staatliche Hand. Natürlich unterliegen diese Unternehmen einer Standort und Effizienzkontrolle, allerdings ist überhaupt nicht einzusehen, dass Krankenhäuser Erträge erwirtschaften müssen. Wenn ein für die Allgemeinversorgung notwendiges, modernes Krankenhaus negative Zahlen erwirtschaftet, dann ist es die Aufgabe des Staates Verluste aus Steuermitteln auszugleichen. Solange wir das Gesundheitswesen in die Hand profitorientierter Unternehmen legen, wird sich an der Situation der Beschäftigten nichts ändern.

Ulrich Gesolowitz