Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 7. April 2021

Lesedauer: 8 Minuten

Woher Gelassenheit nehmen?

3./4./5. April: „German Angst. Nicht nur in Zeiten von Corona – warum sind wir Deutschen so fürchterlich furchtsam?

Sich ausgerechnet die Corona-Krise auszusuchen, um dem von Thomas Wolfe vor knapp 100 Jahren kreierten Begriff der „German Angst“ eine aktuelle Plattform zu geben, erscheint mir gänzlich abwegig. Woher sollen denn die Menschen ihre Gelassenheit nehmen angesichts der erschreckenden Bilder aus den Intensivstationen und der zunehmenden Unfähigkeit unserer verantwortlichen Politiker, der Pandemie Herr zu werden. Bei einer zunehmend realen (!) Angst, ob nicht das Virus doch „gewinnt“, sind spöttische Vergleiche mit eher abstrakten Begriffen wie Klimaangst und der Angst vor Digitalisierung und Globalisierung unangebracht. Immerhin sind bisher auch in Deutschland Zigtausende unter zum Teil schrecklichen Bedingungen gestorben, und da darf man schon konkret „Angst“ haben, zudem einem dieses Thema täglich medial ins Haus gebracht wird.

Eike Meier-Windhorst

Angst hilft beim Überleben

Ist Angst eine Krankheit? Wenn unbegründet, ja. Wenn begründet, ist sie hilfreich zum Überleben. Sie lähmt dann nicht, sondern weist Wege aus der Gefahr, motiviert zur rettenden Aktion, zu verantwortungsvollem Handeln. Fehlt Ihnen der Mut zur Angst, wenn Sie sich beharrlich weigern, in Ihrem Blatt eine kontroverse Diskussion zur (selbstmörderischen?!) Sicherheitspolitik, zum Risiko eines Nuklearkrieges zuzulassen? Wir kennen inzwischen die Planungen der US-Strategen in den 60er-Jahren. Wir wissen, dass „ganz normale“ menschliche Hirne 500 Millionen Tote einkalkulieren können. Wenige machen sich klar, dass das Risiko eines Nuklearkrieges mit dem Ende des kalten Krieges nicht verschwand, in den letzten Jahren sogar wieder steigt. Wir wissen, dass im kalten Krieg bei vielen Gelegenheiten die Katastrophe nur durch Glück vermieden wurde. Die Frage sei deshalb gestattet: Ist es klug, weiter auf „Glück“ zu vertrauen? Wie sehen die heutigen Planungen der USA und der Nato aus? Über 90 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger sind gegen Atomwaffen? Aber Deutschland tritt dem Atomwaffen-Verbotsvertrag nicht bei, legt Wert auf die „atomare Teilhabe“, billigt die Lagerung der US-Atombomben in Büchel… Garantieren sie unsere Sicherheit oder gefährden sie diese massiv? Aufmerksamkeit für dieses Thema zu erbitten, diese Fragen zu stellen – ist das „German Angst“? Neben dem Klimawandel die zweite, die Menschheit existenziell bedrohende Gefahr ist ein Tabu, über das „man“ nicht redet. Und das vor Bundestagswahlen?

Jochen Wörmer

Keine Zeit für Polemik

Ein kluger, nachdenkender und seriöser Präsident des Bundesverfassungsgerichts liest in einem hervorragenden Interview den Herren Iken und Kubicki in der gleichen Ausgabe die Leviten: Es geht nicht um „German Angst“ und „lebensfremd“, sondern „Die getroffenen Maßnahmen greifen nicht nur tief in Grundrechte ein, sie dienen zugleich dem Schutz sehr gewichtiger Grundrechte, nämlich der Grundrechte auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“ und „Ich halte von alarmistischen Abgesängen auf den Rechtsstaat nichts.“ Es ist eben keine Zeit für Polemik und intellektuelle Allgemeinplätze. Es ist Ernst - auch in Hamburg.

Wolfgang Rose

Ereignisse nicht dramatisieren

Ich bin Jahrgang 1950 und war zur Zeit der Hongkong-Grippe 18. Die damalige Grippeepidemie mit 50.000 Toten war in der Berichterstattung der Medien kaum eine Nachricht wert und für die Politik überhaupt kein Anlass, über Einschränkungen der Grundrechte nachzudenken. Leute wurden krank und manche starben, das gehörte zum allgemeinen Lebensrisiko. Als ich 1970 meinen Führerschein machte, war der graue Lappen die Eintrittskarte in die Mobilität und die Freiheit, überall hinzufahren. Das Risiko zu sterben (auch unverschuldet) oder mit bleibenden Schäden einen Unfall zu überleben, war erheblich größer als heute an Corona zu versterben. Aber keiner hat angesichts des Risikos auch nur im Entferntesten daran gedacht, nicht als Autofahrer am Straßenverkehr teilzunehmen. Im Laufe der Zeit hat sich aber die Einstellung der Gesellschaft in Richtung einer allumfassenden Vollkasko-Mentalität gewandelt, nicht zuletzt auch durch die Medien, die mit zunehmender Geschwindigkeit des Datenverkehrs in der Lage waren, weltweit Katastrophen oder Kriege in Echtzeit zu melden und dabei immer mehr dazu übergegangen sind, diese Ereignisse zu dramatisieren. Die Berichterstattung über Corona zeigt dies eindrucksvoll. Natürlich erzeugt dieses mediale Dauerfeuer Angst. Der Politik, oder zumindest einzelnen Vertretern, kommt diese Angst sehr entgegen, um von dem eigenen Versagen abzulenken. Seit einem Jahr gibt es diese Pandemie, und immer noch wird mit vorsintflutlichen Mitteln versucht, eine Infektionsnachverfolgung zu machen, die nur digital erfolgversprechend wäre. Ebenso peinlich ist die Impfsituation, angefangen von der Beschaffung über die Verteilung und die Terminvergabe. Der Staat ist ein Dienstleister für seine Bürger und sollte versuchen, seine Aufgaben effizient zu erfüllen. Im Moment geriert er sich aber wie ein Erziehungsberechtigter, der Zimmerarrest verhängt, weil sich die zu Erziehenden nicht ordnungsgemäß verhalten. Ich würde mir wünschen, dass über das ganze Thema weniger dramatisch berichtet würde und auch eine breitere Diskussion geführt werden würde. Es muss darüber diskutiert werden, wie wir in Zukunft mit dem Corona-Virus umgehen. Es wird bleiben, mutieren und jährlich wiederkommen und es werden weiterhin Menschen erkranken und sterben, trotz Impfung. Ab welcher Todeszahl wird dann wieder nach einem Lockdown gerufen?

Dr. Jürgen Willrodt

Mehr Selbstbewusstsein

Warum glauben Sie, dass bei uns Deutschen alles schlechter ist als bei anderen? Ich stehe mir selbst und meinen Landsleuten oft kritisch gegenüber, aber ich glorifiziere auch nicht andere Länder und mache mich ständig klein. Die Deutschen sind genauso verschieden wie alle Menschen in allen Ländern. Aber ich kenne kein Land, das sich in den Medien selbst so schlecht macht wie Deutschland. Warum nur? Leiden die Deutschen an Minderwertigkeitskomplexen? Ich bin nicht „überversichert“ und leide nicht an der „German Angst“, habe aber trotzdem Respekt vor Corona und verhalte mich sinnvoll. Also: Ein wenig mehr Selbstbewusstsein und Überparteilichkeit!

Erika Kokott

Ein bisschen Angst ist gut

Wenn es so wäre, wie es Herr Iken beschrieben hat, dann müsste es eigentlich „deutsche Ausgangssperre“ heißen. Heißt es aber nicht, man nennt das „Lockdown“, das ist ein englisches Wort und im Übrigen sehr gebräuchlich, auch bei uns deutschen Angsthasen. Mich wundert auch, dass ein richtiger Lockdown, wie in anderen Ländern um uns herum, bei uns noch gar nicht stattgefunden hat. Warum aber in China, England, Frankreich, Portugal, um nur einige Länder zu nennen? Haben die das aus Spaß gemacht? Und „Le Waldsterben“ ist keine deutsche Erfindung. Denn der Wald stirbt immer noch und diesmal richtig. Ich halte die Angst um unsere Natur und unser Klima nicht für pathologisch, sondern für absolut angebracht. Warum sonst ist das Corona-Virus auf den Menschen übergesprungen? Das hat doch damit zu tun, dass wir die Umwelt vernichten und damit auf Dauer auch uns. Deswegen finde ich ein bisschen Angst gar nicht schlecht. Könnte sogar noch mehr sein. Übrigens: Wer gar keine Angst hat, ist dumm.

Michael Daleki

Negatives verkauft sich gut!

Vielen Dank für Ihre Analyse von der Angst der Deutschen. Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Presse, beziehungsweise die Medien, ein gerütteltes Maß Schuld an dieser Angst haben. Sie schüren diese Angst, indem sie die Menschen ständig mit irgendwelchen, teils nicht erwiesenen Nachrichten füttern. Immer nach dem Motto: Negatives verkauft sich gut!

Ingrid Kallbach