Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 1. April 2021

Lesedauer: 8 Minuten

Mein Traum ist geplatzt

31. März: „Astrazeneca nur noch für über 60-Jährige

Mit unvorstellbarem Erstaunen muss ich diese unmögliche Entscheidung der Kanzlerin, nur über 60-Jährige mit dem Impfstoff von Astrazeneca zu impfen, hinnehmen. Was hat man sich nur dabei gedacht? Ich habe gehofft, nicht mit diesem Impfstoff geimpft zu werden, wenn ich je einmal dran sein sollte. Ich bin 68 Jahre alt und muss jetzt mit ansehen, wie mein Traum von einer baldigen Befreiung der Fessel „Corona“ in weite Ferne gerückt ist. Diesen Impfstoff möchte ich und wollte ich nie verimpft bekommen! Dieses ist eine Entscheidung, die der Politik schwer auf die Füße fallen wird. Das wird sich die Bevölkerung, also die Wähler, hoffentlich nicht gefallen lassen. Mir ist bewusst, wie schwer diese Pandemie bekämpft werden kann. Aber immer nur hü und hott, und das ganze von vorn, sorgt nicht für Vertrauen in die Entscheidungsträger.

Rainer Herrmann

Zu Lasten der Schwächeren

31. März: „Stegner fordert Impfen ohne Priorisierung. SPD-Fraktionschef will das Tempo beschleunigen. Jeder, ,der Beine hat‘, soll den Stoff bekommen“

Wenn Herr Stegner meint, das Impftempo beschleunigen zu können, indem die Priorisierung aufgehoben wird, berücksichtigt er nicht die eigentliche Ursache für die dahinschleichende Impfkampagne: Nämlich die zu geringe Menge an Impfdosen als Folge verantwortungsloser Beschaffungspolitik in der EU. Selbstverständlich sollte man die völlig überbürokratisierte deutsche Impfstrategie entschlacken, aber prinzipiell an der Priorisierung festhalten. Stegners Forderung läuft darauf hinaus, dass der Schnellste mit den robustesten Ellenbogen sich seine Impfung zu Lasten der Schwächeren und Rücksichtsvolleren in unserer Gesellschaft ergattern dürfte. Schon heute ist es so, dass immer mehr Ausnahmen bei der Priorisierung gemacht werden, mit der Folge, dass z.B. ein gesunder dreißigjähriger Feuerwehrmann, nicht aber ein 79-jähriger Bürger ohne Vorerkrankung derzeit eine Impfung erhält. So war das jedenfalls ursprünglich zu recht nicht vorgesehen.

Ulrich Reppenhagen

Weniger Ängste, mehr Klarheit

30. März: „Der Todesstoß für den Mittelstand. Jurist Gerhard Strate fordert in der Corona-Krise ein Einschwenken auf den schwedischen Weg“

Herrn Strate kann ich nur zustimmen. Statistische Spielchen ohne Hintergrundinformationen sind wertlos und verunsichern nur. Und die unqualifiziert erscheinenden Informationen des RKI, die Herr Strate erwähnt, entlarven einen Mangel. Es werden uns meiner Meinung nach sowieso zu viele Zahlen um die Ohren gehauen, die für den Normalbürger nicht nachprüfbar sind. Steigen die Infektionszahlen von Tag zu Tag einmal nicht, „bleiben sie auf hohem Niveau“, aber (erhobener Zeigefinger) „sie sind um XY-Prozent höher als am gleichen Tag der Vorwoche“. Leider bin ich mir sicher, man wird Herrn Strate „in der Luft zerreißen“, weil er schreibt, dass wir über eine Krankheit sprechen, die in den meisten Fällen mit schwachen oder grippeähnlichen Symptomen einhergeht. Auch hier fehlen detaillierte Informationen, die vielleicht Ängste verringern und zu mehr Klarheit beitragen könnten. Bestimmt liegt Herrn Strate eine Verharmlosung der gesamten Situation fern, aber ich finde, er rückt hier Perspektiven zurecht und lenkt den Blick einmal auf andere Aspekte des gesamten Problems. Sein Beitrag macht nachdenklich.

Ulrike Limpach

Reden hilft nicht mehr

29. März: „Inzidenz steigt auf 148 –Tschentscher denkt über Ausgangssperren nach“

Es reicht. Mediziner, Politiker, Juristen und Journalisten bekämpfen verzweifelt die Pandemie. Auf unterschiedlichen Wegen. Das Virus kennt allerdings nur einen einzigen Überlebensweg: den Menschen. Um Infektionen zu vermeiden, gibt es daher für uns nur einen einzigen Weg: Vermeidung von Infektionen. Klingt komisch, stimmt aber. Wie macht man das? Durch Kontaktbeschränkungen. Durch Befolgen der AHA-Regel (Abstand-Hygiene-Alltagsmasken). Durch Desinfizieren. Durch Impfen. In dieser Reihenfolge. Tests sind leider nur Momentaufnahmen, wiegen uns Menschen in trügerischer Sicherheit. Zehn Minuten später können sich Testergebnisse durch eine zufällige Infektion unbemerkt ins Gegenteil verkehren. Und wir Menschen merken es erst später, zu spät. Die Entrüstung ist groß: Wir waren doch getestet. Ja, aber noch nicht geimpft. Politiker, die meinen, durch Tests einen sicheren Freiraum für Menschen zu schaffen, liegen komplett falsch. Epidemiologen und Virologen warnen immer wieder und bitten um schärfere Vorschriften. Journalisten berichten ausführlich und detailliert über alle Äußerungen, Meinungen, Maßnahmen, Todeszahlen und Krankengeschichten. Politiker versuchen sich vor anstehenden Wahlen zu profilieren. Juristen können endlich mit dem Zauberkasten der Gesetze bisher nicht benötigte Entscheidungen treffen. Und die Mediziner versuchen, jeder aus seinem Fachbereich, das Wichtigste und Richtigste zu veröffentlichen. Die Bevölkerung hat diese Debatten und Informationen satt. Reden hilft nicht mehr. Machen hilft. Schnelle und klare Entscheidungen sind jetzt gefragt. Denn nur diese Sprache versteht das Virus.

Hans-Heinrich Westphal

Weckruf für die Schiffsbranche

30. März: „Suez-Havarie dürfte zu höheren Preisen führen. Der Kanal ist wieder frei. Doch die Verzögerungen und neuen Planungen der Reedereien kosten Geld“

Auch wenn die Havarie des Containerschiffs „Ever Given“ aus der 20.000 TEU-Klasse im Suezkanal jetzt offenbar doch noch einigermaßen glimpflich beendet werden konnte, werden die wirtschaftlichen Schäden weltweit gigantisch sein. Der Vorfall sollte daher ein Weckruf sein für Reedereien, Verlader, Versicherungen und Banken. Sie sollten die Lehre daraus ziehen, dass das Bauen von immer größeren Schiffen auch überproportional steigende Risiken, nicht nur für die involvierten Unternehmen, sondern für den gesamten Welthandel und die Umwelt mit sich bringt. Das Streben nach immer weiter steigenden Skalenerträgen durch größere Ladekapazitäten führt sich am Ende selbst ad absurdum. Die von einigen Unternehmen angestrebten weiteren Steigerungen zu Malacca-Max Containerschiffen mit ca. 30.000 TEU kann man nur als Irrweg bezeichnen. Alle Marktteilnehmer sollten erkennen, dass kleinere Containerschiffe mit Ladekapazitäten, z.B. bis zu 12.000 TEU (das sind immer noch riesige Schiffe), einfacher im Handling sind, geringere Risiken beinhalten und flexibler zu betreiben sind. Wenn sie dann auch noch mit umweltschonenden Motoren nachhaltig angetrieben werden, umso besser. Die Häfen würde es freuen und auch Hamburg hätte dann einige Sorgen weniger. Einen ähnlichen Lernprozess gab es ja bereits in den 70er/80er-Jahren beim Bau von Rohöltankern. Auch bei den Kreuzfahrtschiffen sollte der Gigantismus endlich ein Ende haben. Am Beispiel Venedigs zeigt sich deutlich, dass viele Zielhäfen den großen Schiffseinheiten nicht mehr gewachsen sind. Man muss ja nicht immer erst durch Schaden klug werden, normaler Menschenverstand reicht schon aus, um Irrwege zu erkennen.

Gerhard Carlsson, Halstenbek

Die Ruhe wiederherstellen

30. März: „Unbekannte reißen Tor von Jan-Fedder-Grabstätte raus“

Wir gehen häufig auf dem Friedhof Ohlsdorf spazieren. Der Grund ist einfach, man hat dort seine Ruhe und ist unbelästigt. Doch seit Corona, aber auch seit der Diskussion darüber, was aus dem Parkfriedhof werden soll, lässt die Ruhe stark nach. Rennradfahrer, mit der ihnen eigenen Rücksichtslosigkeit, Skater und Jogger und auch Leute, die sich auf Wiesen niederlassen und ein kleines Picknick veranstalten. Nun noch die Entwicklung zum Freizeitpark mit Foodtruck, Kaffee und heißen Waffeln. Was kommt als nächstes? Heiße Würstchen und Pommes? Oder gleich Grillevents? Wir würden es begrüßen, wenn der größte Parkfriedhof der Welt nicht noch weiter verkommt, dann würde auch der Vandalismus nicht Gefahr laufen sich auszubreiten.

Ralf Hübner