Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 2. März 2021

Lesedauer: 8 Minuten

Liberales Hamburg?

1. März: „Ohne Maß und Mitte. Der rot-grüne Senat setzt in Corona-Zeiten auf einen immer strengeren Sonderweg

Dass ausgerechnet im liberalen Hamburg derzeit ohne Not ein erheblicher Beitrag zum coronabedingten Drift unserer offenen Gesellschaft ins Autoritäre geleistet wird, ist beschämend. Ein Teil der Erklärung dafür liegt sicher in dem auch ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie noch immer zu beklagenden Ausfall jeder wirkungsvollen parlamentarischen Kontrolle der vom Senat im stillen Kämmerlein ersonnen Corona-Bestimmungen. Oder hätte wohl die Mehrheit der Abgeordneten in der Hamburgischen Bürgerschaft einen Beschluss gefasst, der Homeoffice und -schooling geplagte Eltern bei einem der Erholung dienenden Besuche des Kinderspielplatzes unter freiem Himmel zu jeder Tageszeit eine Maske aufzwingt?

Dr. Detlef Gottschalck

Die Mahner nicht vergessen

Schon seit geraumer Zeit gehört Matthias Iken zu den beständigen Mahnern, die vor einer starren und festgefressenen Lockdown-Politik warnen. Vielleicht finden jetzt ja endlich deren Rufe Gehör, denn anders als bisher, wird trotz leicht steigender Inzidenz über Lockerungen nachgedacht bzw. vorgenommen. Unter Umständen gibt es ja ab Sommer wieder eine Post-Corona-Normalität. Aber diese dann vergangenen Rufe sollten auch in der Zukunft eine große Bedeutung haben, denn die große Zeit des Katzenjammers wird uns alle treffen, in Form von hohen Schuldenbergen, Arbeitsplatzverlusten, Verödung unserer Städte und – am schlimmsten – tiefem Misstrauen in staatliches und administratives Handeln weiter Teile der Bevölkerung, insbesondere auch bei jungen Menschen. Gerade dann müssen wir uns an die Worte der Mahner von gestern erinnern und resolut der Schar von smarten und eloquenten Politikern widersprechen, die in Talkrunden über die damalige Alternativlosigkeit predigen werden. Soll keiner sagen, er habe es nicht gewusst.

Michael Wiedemann

Kein Unrechtsbewusstsein?

1. März: „Kontrolliert die Polizei die Corona-Regeln zu streng? Strafanzeige nach Verfolgung von Jugendlichen im Jenischpark“

Seltsam, dass Ihr Artikel sich ausschließlich mit den „Fehlverhalten“ der Polizei befasst und das deutliche Fehlverhalten der Jugendlichen offenbar toleriert. Dem jungen Mann, der von der Polizei im Peterwagen verfolgt wurde, ist doch nichts geschehen. Der Park sah allerdings nach dem „fröhlichen“ Treiben der Jugendlichen entsetzlich aus. Wie kann es nur sein, dass das Fehlverhalten der Jugendlichen hingenommen wird, die Polizei sich aber wieder einmal rechtfertigen muss. Das Unrechtsbewusstsein scheint gegen null zu tendieren.

Janne Kerner

Ich bin fassungslos!

Was war das denn bitte? Da brettert ein Streifenwagen in Rambo-Manier durch den Jenischpark, bringt seine fußläufigen Kollegen und Spaziergänger in Gefahr und fährt den Dienstwagen auch noch kaputt. Und das alles nur, um einen Jugendlichen zu jagen, der sich nicht coronakonform verhält! Das ist mehr als unverhältnismäßig. Ich bin fassungslos. Was ist in diesem Land eigentlich mittlerweile los?

Maike Müller

Die Kinder werden gegängelt

27./28. März: „Jeden zweiten Tag zur Schule – so geht es nach den Märzferien weiter“

Wer einen Fehler wiederholt, trifft eine Entscheidung! Trotz anderslautender Beteuerungen im letzten Jahr, die Schulen nicht wieder wegen hoher Infektionszahlen zu schließen, hat man es dennoch getan! Kinder und Jugendliche sowie das Thema Bildung haben bei diesem Senat offensichtlich keine Priorität! Die jungen Leute werden nur als Objekte von der Politik wahrgenommen, die aus „Solidarität“ ihre Kontakte reduzieren und ihr Recht auf Bildung nach Art. 7 GG gefälligst zurückstellen sollen. Kollateralschäden? Langzeitfolgen? Für den Hamburger Senat bedeutungslos! Kinder und Jugendliche werden seit einem Jahr drangsaliert und sogar von der Polizei bei Corona-Verstößen wie Schwerverbrecher mit Streifenwagen verfolgt. Dabei hat selbst das RKI inzwischen festgestellt, dass die Gruppe der Schüler/innen eher keine größere Rolle bei Infektionen spielt. Ganz abgesehen davon, dass das Virus für diese Altersgruppe ohnehin harmlos ist. Nun dürfen in Hamburg als letztes Bundesland gnädigerweise die ersten Jahrgänge von Schüler/innen wieder tageweise in die Schule. Dabei sollen auch Grundschüler die ganze Zeit während des Unterrichts eine Maske tragen, obwohl durch Halbierung der Klasse genug Abstand möglich ist, und der Schutz mit zunehmender Tragedauer bekanntlich abhanden kommt. Damit gelten in Schulen strengere Regeln als in Unternehmen, wo Arbeitnehmer an ihrem Arbeitsplatz die Masken abnehmen dürfen. Warum werden ausgerechnet die Minderjährigen – unsere Zukunft – in der Pandemie derart gegängelt und gefügig gemacht? Gustav Heinemann sagte einst: „Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den schwächsten ihrer Glieder verfährt.“ Dazu zählen aber auch die Kinder und Jugendlichen, die sich noch in der Entwicklung befinden und andere Bedürfnisse haben als Erwachsene! Doch was der Hamburger Senat seit einem Jahr betreibt, ist staatlich organisierte Kindeswohlgefährdung.

Frank Tischlinger, Hamburg

Die Sportler haben es verdient

27./28. März: „Warum Olympia stattfinden muss. Es gibt Gründe dafür, die Sommerspiele in Tokio abzuhalten“

In dieser für alle Menschen schwer zu ertragenden Corona-Pandemie, ist es nicht leicht, weittragende Entscheidungen zu treffen. Vor diesem Dilemma steht auch Japan als Veranstalter der Olympischen Spiele in Tokio. Einerseits ist die Mehrheit der Japaner gegen eine Durchführung dieser bereits verschobenen Spiele, andererseits wäre es ein unglaublicher Gesichtsverlust der Veranstalter vor der Völkergemeinschaft und der Sportler in aller Welt. Viel wichtiger ist jedoch die Meinung der Spitzensportler aus aller Welt und hier gibt es eine klare Meinung: Alle wollen die Spiele, auch und natürlich unter den strengen Hygienevorschriften, wenn es nicht anders möglich ist, sonst wäre die jahrelange Schinderei umsonst gewesen. Ein Beispiel und exemplarisch für alle Einzel- und Mannschaftssportler ist der Deutschlandachter, der seit drei Jahren fast in gleicher Formation zusammen trainiert und als dreifacher Weltmeister Favorit für die Olympischen Spiele ist. Durch die Verschiebung der Spiele im vergangenen Jahr konnte der Achter 2020 nur einen einzigen Wettkampf bestreiten. Die Europameisterschaft wurde eindrucksvoll gewonnen. Diese Amateursportler trainieren täglich zwei Mal in Dortmund seit nunmehr vier Jahren nur für dieses eine Ziel. Alle Sportler dieser Welt haben es verdient, dass diese Olympiade stattfindet, mögen die Zeiten noch so merkwürdig sein.

Gert-Rüdiger Wüstney, Hamburg

Wir zerstören die Gesellschaft

25. Februar: Leserbrief: „Ich kann es nicht fassen!!“ und 24. Februar: „Maske tragen auch beim Joggen: Hamburg verschärft Regeln drastisch“

Auch ich bin fassungslos über das, was die Pandemie mit uns ach so „intelligenten“ Menschen macht und mache mir große Sorgen über die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in diesem zweiten Pandemiejahr. Nun sind die Jogger plötzlich Feinbild Nummer eins, an denen man sich wunderbar abarbeiten kann, um sich selbst besser zu fühlen und seinen angestauten Frust abzulassen. Fast niemand aus meinem Bekanntenkreis traut sich, mal etwas genauer hinzusehen, dass wir diese Pandemie selbst verschuldet haben durch die Zerstörung des Ökosystems, Vergiftung und Verschmutzung der Umwelt, weil wir den Wildtieren den Lebensraum nehmen. Nun haben wir das Schlamassel. Wir zerstören uns und unsere Gesellschaft von innen heraus und wollen es einfach nicht wahrhaben und erkennen. Es ist ja so leicht, immer nur „draufzuhauen“ und Schuldige zu suchen. Was machen wir eigentlich, wenn schon im nächsten Jahr das nächste Virus kommt? Tut mir leid, dass ich hier einmal zynisch werden muss, aber verdient hätten wir’s.

Stephanie Haddenga