Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 10. Februar 2021

Lesedauer: 7 Minuten

Medien haben Filterfunktion

6./7. Februar: „Gefangen in Angst. Seit einem Jahr dominiert das Thema Corona die Berichterstattung im Fernsehen, Radio und den Zeitungen. Zeit für eine Selbstkritik“

In seiner Analyse spart Matthias Iken die „sozialen“ Medien aus. Deren Spezifikum ist das Schüren von immer neuen Hysterien, und sie sind gefährlich, weil der „Dreck“ völlig ungefiltert auf den Markt und in die Gehirne der Nutzer gelangt. Diese Filterfunktion wiederum, also nicht nur das Beschaffen, sondern das Bewerten und Einordnen der Informationen, ist für mich die wichtigste Aufgabe der klassischen Medien, sprich der darin tätigen Journalisten. Sie erfüllen also die eigentliche, weil für den Bestand demokratischer Systeme unverzichtbare, soziale Funktion. Unter diesem Aspekt, Sie mögen widersprechen, darf man den vorletzten Satz Ihres Artikels ergänzen. Neben Arte und „Bild“ (La belle et la bête?) würde ich durchaus das Abendblatt einordnen.

Jan Hensmann

Seltener Zwischenruf

Matthias Iken beleuchtet die grundlegenden Mechanismen, die uns in die aktuelle Lage geführt haben aus einer ausgewogenen Adlerperspektive. Ein bisschen ist man versucht vom „Rufer in der Wüste“ zu sprechen. So homogen und politisch korrekt die überwältigende Mehrheit der Leitmedien berichtet, so selten sind Zwischenrufe in dieser journalistischen Monokultur geworden. Wer dieser medialen Einbahnstraße nicht folgt, wird von Politik und Kollegen fast unweigerlich ausgegrenzt. Erhalten Sie sich unbedingt diese Vielfalt in Ihrer Redaktion...

Dr. Philip Düwel, Hamburg-Duvenstedt

Panikmache verklärt den Blick

Der Beitrag ist gelungen und für mich eine Bestätigung. Mit Vergnügen las ich Ausdrücke wie „Häppchenjournalismus“ und „Quasselrunden“, „Overkill“, „Nanny-Journalismus“. Der Rückblick auf vergangene Grippe-Epidemien, vor allem im Jahr 1969, erfolgt sachlich und folgerichtig. Natürlich gab es noch keine neunmalkluge und skurrile Nachrichten von Twitter, Facebook etc. Die Panikmache verklärt den Blick auf die Wirklichkeit.

Dr. Ursula Rohde, Buchholz

Gegen die Angst

Meine Frau und ich haben Matthias Ikens Artikel quasi aufgesogen, so bedürftig nach derlei Ausführungen sind wir! Hinter uns liegt fast ein Jahr Politik- und Medienkultur mit verheerenden Folgen für unzählige Menschen – kaum zu ertragen. Wir möchten Ihnen in Gänze zustimmen und Sie damit ermutigen, diese Sicht auf die Corona-Maßnahmen weiter zu vertreten und die von Ihnen so notwendig gestellten Fragen weiterzuverfolgen. Nur so kann der überall geschürten Angst etwas entgegengestellt werden.

Maria und John Hufert

Dringend nötige Reflexion

Das war wirklich dringend nötig, selbstkritisch zu reflektieren, inwiefern die Medien vielfach durch die Art ihrer Berichterstattung Panik mit verursachen, einseitig Meinungen wiedergeben, abweichende Meinungen lächerlich machen oder diese einfach ignorieren. Diese meine Kritik bezieht sich nicht auf das Abendblatt allein, gerne nenne ich in dem Zusammenhang auch den „Spiegel“ u. a. Daher: danke für diesen kritischen Artikel. Hoffentlich folgen daraus Konsequenzen. Die Medien sind in einer Demokratie die vierte Gewalt und in Zeiten wie diesen nicht dazu da, Dramen zu inszenieren, um diese zu verkaufen. Unsere Demokratie steht auch mit auf dem Spiel!

Godje Jeannot

Ein Artikel, der Mut macht

Ich habe mich sehr gefreut, nach all den immerzu negativen, deprimierenden, Angst machenden und kurzsilbigen Berichterstattungen einen so selbstkritischen Artikel zu lesen, der Mut macht und Zuversicht ausstrahlt. Das ist großartig und zeugt von sehr viel Verständnis und Respekt. Vielen Dank für die wirklich tollen Worte, die Herr Iken gefunden hat – alles andere als Aufmerksamkeitsökonomie !

Karsten Seifart

Die Macht der Medien

Vielen Dank für die ausführliche und fundierte Analyse der Berichterstattung zum Thema Corona. Sie müsste nur eigentlich auf der Titelseite erscheinen. So musste man diesen kontroversen Essay etwas suchen… Es ist dem Abendblatt hoch anzurechnen, dass der andere Blick auf dieses Thema im gesamten letzten Jahr immer wieder Raum fand. Wer wollte, konnte sich durchaus mit einer anderen Sichtweise als dem „Mainstream-Blick“ beschäftigen. Die Publikation „Verengung der Welt“ war und ist für jedermann frei zugänglich – und muss jedem die Augen öffnen, der bis dahin noch nicht verstanden hat, wie Fernsehreportagen uns beeinflussen mit dem „grotesken Übersoll an Berichterstattung“. Wenn die Medien eine derartige Macht entfalten, dass Regierungen nur noch reagieren können, ist das mehr als besorgniserregend für unsere Gesellschaft – und fatal für all die Menschen, deren Existenz im letzten Jahr zerstört worden ist, während in den warmen Redaktionsstuben längst die nächste Welle geritten wird.

Dr. Detmar Kücken

Argumentative Luftblase

Leider werden in dem Beitrag Äpfel mit Birnen verglichen, wenn der Autor die Phänomene von 1969 und 1957 mit der Berichterstattung in Corona-Zeiten vergleicht. Zwar wird mit einem Satz erwähnt, dass sich die Medienlandschaft verändert hat, aber der große Umbruch durch das Aufkommen des Internets und den damit verbundenen neuen Möglichkeiten findet nur geringen Niederschlag. Damals gab es nicht nur kein Internet, sondern natürlich auch weder Twitter noch andere Social-Media-Kanäle. Die Kommunikationswelt bestand aus Telefon mit Wählscheibe, Schreibmaschine und später dann dem Faxgerät. Auch Fernsehen gab es damals nicht in jedem Haushalt. Insofern konnte es einen solchen Hype also per se gar nicht geben. So entpuppt sich der Beitrag letztendlich als argumentative Luftblase.

Siegmar Claasen

Überfällige Debatte

Die historische Einordnung des momentanen Pandemiegeschehens finde ich sehr interessant. Demnach forderte die Hongkong-Grippe ebenso viele Tote wie bisher Covid-19, wenn man die Zahl in Beziehung zur damaligen Weltbevölkerung setzt. Dennoch erinnere ich mich kaum daran. Und auch die kritische Auseinandersetzung mit den Medien ist längst überfällig. Manche Nachrichtensendung im Fernsehen, von der man Informationen über Ereignisse in Deutschland und der Welt erwartet, besteht zum überwiegenden Teil aus Beiträgen über Probleme mit der Pandemie. Ausführliche Berichte über die Lage in Krankenhäusern, Impfstationen, Kitas und Familien gehören doch in Magazinsendungen und nicht in die Hauptnachrichten.

Regina Heurich

Mehr Mut für das Positive

In Zeiten der „Aufmerksamkeitsökonomie“ haben wenigstens die öffentlich-rechtlichen Medien neben einer pluralistischen Berichterstattung auch die Verpflichtung, in außergewöhnlichen gesellschaftlichen Krisensituationen nicht zusätzlich Öl in das Feuer der Verunsicherung zu kippen, sondern mit ihren Schlagzeilen und Berichten beruhigend auf die Bevölkerung einzuwirken! Überwiegend negative Überschriften tragen nicht dazu bei, mit kritischer Distanz und Zuversicht diese Krise zu bewältigen. Die fast ausschließliche Betonung des Negativen in den Medien und die unerträglich sich inhaltlich wiederholenden „Quasselrunden“ verunsichern die Bevölkerung und befördern damit den Zulauf zu den Verschwörungstheoretikern und den Rechtsradikalen, die dankbar sind, neben dem Flüchtlingsdrama ein weiteres Szenario gefunden zu haben, dass ihnen endlich die erhoffte Aufmerksamkeit zukommen lässt! Mein Resümee: Bei aller kritischen Distanz mehr Mut für das langweilige Positive in dieser existenziellen Krise und den lohnenswerten Versuch wagen, eine Balance herzustellen zwischen kritischem Hinterfragen und beruhigender Leistungsbilanz!

Claus Gotha