Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 8. Januar 2021

Lesedauer: 9 Minuten

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7. Januar: "Tschentscher mahnt Hamburger: Am besten niemanden treffen"

Meine Frau arbeitet als angestellte Augenoptikerin in einem Hamburger Optikergeschäft. Diese werden wie Apotheken, Hörgeräteakustiker, Drogerien und Lebensmittelgeschäfte als systemrelevant angesehen und sind geöffnet. Sehleistungen kann man nicht im Homeoffice messen und auch keine Brillen anpassen. Körperliche Nähe bei der Sehprüfung und Brillenanpassung direkt am Patienten sind beim Optiker systemimmanent. Trotz Masken und Spukschutz an der Kasse besteht ein hohes Infektionsrisiko. Was also ist zu halten von den Ver- und Geboten der Politik, den Kontaktbeschränkungen und den Abstandsregelungen? Es sind hilflose Eingeständnisse der politisch entscheidenden Klasse dieser Gesellschaft, die zuließ, dass lebensnotwendige Medikamente in Indien und China produziert wurden, die nicht genügend Masken und Infektionsschutzmaterial für Praxen und Kliniken vorhielt und jetzt zu wenig Impfstoff bis weit ins zweiten Quartal 2021 hinein bereithält. Ich würde mir Demut vor einer so nie dagewesenen Pandemie, mehr Empathie und ein größeres Eingeständnis der gemachten Fehler wünschen und bei der Priorisierung der Impfung die Berücksichtigung wirklich aller systemrelevanten Berufe.

Dr. med. Sönke Greggersen

​ Bürger müssen planen können

7. Januar: "Hamburg geht in den verschärften Lockdown"

Anfang Dezember beschließen Bund und Länder Regelungen mit Gültigkeit vom 13. Dezember 2020 bis 10. Januar 2021. Drei Tage vor Ablauf dieses Datums beschließt man neue strengere Regeln mit Gültigkeit ab dem 08. Januar 2021. Geehrte verantwortliche Politiker, nicht nur Politiker, auch Bürgerinnen und Bürger müssen planen können.

Wolfgang Behn

Impfung in Arztpraxen?

7. Januar: "Ärztekammer: Heimbewohner schnell impfen"

Die vollmundige Forderung der Ärztekammer Hamburg läuft offene Türen ein. Denn wer wollte das nicht? Stattdessen sollten die Standesvertreter der Ärzteschaft sich selbst und ihre Kollegen beim Wort nehmen: Sobald mehr und weniger temperaturempfindliche Impfstoffe auf dem Markt sind, seit gestern zum Beispiel "Moderna", könnten sie allesamt entscheidend dazu beitragen, die Durchimpfung der Bevölkerung voranzutreiben. Leider ist da die Bereitschaft eher gering, weil der praxisbetriebliche Aufwand als groß erachtet wird, der finanzielle Ertrag aber klein: So lehnten die Verbandsvertreter der Kassenärzte bereits im Dezember 2020 die Einbeziehung der Praxen in die Impfkampagne ab und empfahlen wenige "zentrale Impfzentren" einzurichten.

Ulrich Reppenhagen

Blinder Aktionismus

6. Januar: "Lockdown länger und schärfer - Jeder Haushalt darf nur eine Person treffen"

Und wieder einmal gaukelt blinder Aktionismus planvolles Handeln vor: Die Polizei hat schon klargemacht, dass die angekündigten Bewegungseinschränkungen gar nicht zu kontrollieren sein werden. In Deutschland besteht keine Pflicht zum Mitführen des Personalausweises. Somit ist eine verlässliche Feststellung des Wohnsitzes kaum möglich. Zwar kann die Polizei Personen zur Identitätsfeststellung mit auf die Wache nehmen, doch dürfte das in der Praxis kaum von Bedeutung sein. Fazit: Wenn sich der Einzelne auf die Einschränkungen nicht einlassen will, wird ihm das kaum nachzuweisen sein - auch wenn Herr Laschet mit markigen Sprüchen neuerdings Herrn Söder nacheifert und ankündigt, die Bewegungseinschränkungen würden ausnahmslos durchgesetzt.

Dr. Thomas Koch

Kläglicher Auftritt

Die Pressekonferenz hat deutlich gemacht, wo die Gründe liegen, warum unsere Regierung in der Pandemie anfangs beispielhaft positiv und heute beispielhaft negativ zu beurteilen ist. Während unsere Kanzlerin, sachlich kurz, die - aufgrund der Unvernunft Einzelner - notwendigen Maßnahmen erläuterte, verloren sich die Herren Müller und Söder mit Selbstdarstellungen in schier endlosen Erklärungsversuchen, was man alles richtig gemacht habe, nicht anders hätte machen können und was man jetzt gezwungen wäre zu tun. Ein kläglicher Versuch und ein kläglicher Auftritt. Und dann musste im Anschluss natürlich auch noch Herr Laschet im Fernsehen erläutern, was wir alle ohnehin schon wussten. Wird denn diesen Ministerpräsidenten und in ihrem Gefolge, den Kultusministern niemals klar, dass sie es waren, die uns diese Suppe eingebrockt haben? Dass sie es jedem, sich schon im Wahlkampf befindend, Recht machen wollten und es ihnen zuallererst um sich selbst ging? Man könnte die Liste fortsetzen. Konsequent zu entscheiden wäre das Gebot der Stunde gewesen. Frau Merkel war dazu bereit. Unsere „Landesfürsten“ nicht. Hier werden die Nachteile des föderalen Systems überdeutlich. Statt bundeseinheitlicher Zwänge, in Anbetracht der gesundheitlichen Herausforderung und der bildungsrelevanten Notwendigkeiten zu akzeptieren, pochen diese "Gernegroße" auf ihre Entscheidungshoheit. Gott bewahre uns vor diesen „Führungspersönlichkeiten“.

Klaus Hofhansl

Vorsicht ist mir lieber

5. Januar: "Europas Impfdesaster. Die EU-Kommission muss sich jetzt einige kritische Fragen gefallen lassen" und 5. Januar: "Wer ist schuld am schlechten Impf-Management?"

Natürlich hat der Autor damit recht, dass sich die EU-Kommission kritische Fragen gefallen lassen muss, was schief gelaufen ist bei der Impfplanung. Seine Analyse, die EU hätte den Impfstoff von Biontech deutlich vor November bestellen sollen, denn dann liefe es besser mit dem Impfen, springt aber zu kurz. Denn das richtige Argument folgt im Artikel auf Seite drei: Das eigentliche Problem ist nicht die bestellte Zahl von Impfdosen, sondern die Produktionsknappheit. Auch bei früherer Bestellung hätten wir also aktuell nicht mehr Menschen impfen können. Man hätte - ggf. gegen alle Kritik - nur den Mut aufbringen müssen, trotz unsicherer Lage, viel Geld in zusätzliche Produktionskapazitäten zu stecken. Kritisch ist auch das Argument, die europäischen Zulassungsbehörden hätten genauso früh entscheiden müssen wie in einigen anderen Ländern. Denn dort gab es Notzulassungen, also verkürzte Prüfungen, bei denen spätere gesundheitliche Probleme durchs Impfen bewusst in Kauf genommen wurden. Mir ist die Vorsicht der Europäer lieber.

Harald Köster

Maßlose Überschrift

Ihr heutiger Titel hat mich doch etwas erstaunt. Ich dachte, Begriffe wie "Impfdesaster" gehörten eher in das Vokabular der "Bild"-Zeitung oder der Fußball-Reporter. Für einen ernsthaften Kommentar halte ich ihn für unangemessen. Einer der Satiriker sagte letztens: "Corona - einfach nur die Schnauze halten". Ich bin froh, in der jetzigen Zeit nicht in der politischen Verantwortung zu sein. Ich glaube, viele der medizinischen und
statistischen Zusammenhänge zu verstehen. Trotzdem äußere ich mich nicht öffentlich dazu, da die Probleme sehr komplex sind. Sie passen auch nicht in vier Spalten. Ich empfehle Ihnen das Buch "Der schmale Grat der Freiheit". Hier weist Alfred Grosser sehr klug nach, dass es in vielen politischen und gesellschaftlichen Bereichen kein schwarz oder weiß gibt. Es sind immer Abwägungen. So auch viele Entscheidungen in der
gegenwärtigen Krise. Diese lassen sich im nachhinein natürlich leicht kritisieren. Das aber ist unredlich. Deshalb ärgert es mich, wenn ich sehe, wer alles zu den Besserwissern gehört und seine Suppe darauf kocht. Die gegenwärtige politische Entwicklung - echtsradikalismus, Verschwörungstheoretiker, Medienkritiker, Establishment-Kritiker - macht mir große Sorge. Wie schnell sich Massen so mobilisieren lassen, hat nicht nur die Entwicklung in den USA gezeigt. Mit Ihrer Überschrift gießen Sie nur Wasser auf die Mühlen dieser Leute.

Werner Stolpe

Tal der Lächerlichkeit

7. Januar: "Joe Bidens zweiter Triumph"

Der Sturm auf das Kapitol ist nicht nur das Ergebnis der rednerischen Brandstiftung eines Psychopathen, sondern einer jahrzehntelang verfehlten Politik, in der nicht der Mensch im Fokus der politischen Interessen lag, sondern die Macht eines Staates, die mit Donald Trump nun ihren unrühmlichen Gipfel erreicht. Das "Make America great again" hat er ins Gegenteil verkehrt. Die USA befinden sich im Tal der Lächerlichkeit. Es freut sich der große Gegenspieler China. Eine gefährliche Entwicklung, die chinesischen Machthabern in die Hände spielt und sie ermutigen wird, ihren Machtkurs fortzusetzen. Diese spinnen seit langem mit der "Seidenstraße" und dem neuen asiatischen Handelspakt am Ausbau ihrer Interessen, ihrer Macht, die bald kein Gegengewicht mehr hat, weil die USA als Weltmacht nicht mehr ernst- und wahrgenommen werden.
Und unser Europa spielt überhaupt keine Rolle, weil die nationalistische "Kleinstaaterei" eine gemeinsame starke Haltung verhindert. Es wird Zeit, dass die Hörigkeit des alten Europas gegenüber dem "ewigen Partner USA" durch eine selbstbewusste Eigenständigkeit ersetzt wird.
Es wird Zeit, dass dem chinesischen Treiben Grenzen gesetzt werden. Also wird es Zeit, dass die politische Union Europas energisch vorangetrieben wird.

Detlef Lange, Hamburg