Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 16. Dezember 2020

| Lesedauer: 8 Minuten

Wir brauchen die App

15. Dezember: „Datenschutz gegen Infektionsschutz. Kritiker der Corona-Warn-App fordern geringe Ansprüche an die Datensicherheit

Allen, die unseren Datenschutz über das Grundrecht der gesundheitlichen Unversehrtheit und über den Schutz unserer Ökonomie stellen, werden sich schon sehr bald und auch im historischen Rückblick auf die Pandemie rechtfertigen müssen und sollten sich schon jetzt ihre Argumentation angesichts der Kranken und Toten und angesichts der psychologischen, bildungspolitischen und wirtschaftlichen Langzeitschäden gut zurechtlegen. Es ist Zeit, diese „Heilige Kuh“ zeitweilig in den Stall zu verbannen und ihren Einfluss auf uns mehrdimensional zu beleuchten. Tatsache ist, dass uns unsere vernebelte Haltung dazu international ins Abseits manövriert, sicherheitspolitisch höchst riskant ist und unsere Wettbewerbsfähigkeit kastriert. In der Pandemie kommt hinzu, dass wir dafür nun sogar Menschenleben, den Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems in die Waagschale werfen. Die Frage, ob unsere Daten heilsamer bei uns selbst, in der Hand der Wirtschaft oder bei einer demokratisch kontrollierten Regierung aufgehoben sind, muss trotz unserer Erfahrungen mit SD, Gestapo und Stasi wieder ohne Denkverbote erlaubt werden. Datenschutz darf unsere Existenz und unser Gemeinwesen nicht so nachhaltig beschädigen und er darf auch nicht zum Tatenschutz mutieren. Wir brauchen die optimal wirksame App, die das Infektionsgeschehen konkret offenlegt. Es gibt sie schon und es gibt Erfahrungen damit. Verschiedene Länder haben uns das vorgemacht.

Uwe-Carsten Edeler

App technisch verbessern

Sicherlich ist es richtig von der Politik auf die Nutzung und richtige Anwendung der Corona-Warn-App hinzuweisen. Ich selber würde sie auch gerne nutzen, nur müssten dafür endlich mal die Voraussetzungen erfüllt werden, dass diese App auch auf älteren Handys funktioniert. Denn sehr viele Menschen besitzen Handys, die die Systemvoraussetzungen für die Warn-App nicht erfüllen und verfügen gerade auch in Zeiten von Kurzarbeit nicht über die finanziellen Möglichkeiten ein neues Handy anzuschaffen. Zumal der Einzelhandel eh wieder geschlossen ist. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten sollte es doch wohl ein leichtes sein, die App so zu verbessern, dass auch Menschen mit älteren Handys sich die Corona-Warn-App herunterladen und nutzen können. Dann würde sich diese App vielleicht auch noch mehr rentieren.

Martina Poche

Regeln werden missachtet

15. Dezember: „Ärmere leiden stärker unter Corona. Das legen neue Daten aus Kliniken und Schulen nahe“

Was zumeist nicht beachtet wird, ist das Verhalten der genannten Bevölkerungsteile. Ich lebe seit 30 Jahren in den genannten Stadtteilen und stelle permanent fest, dass selbst einfachste Regeln ignoriert bzw. missachtet werden. Von sehr frisch Migrierten als auch von denen, die schon in der dritten Generation hier leben. Ob im Alltag oder auch in den Schulen, wo Bildungs- und Integrationsunwille oft deutlich werden. In der Coronazeit hat sich diese Haltung auch sehr deutlich gezeigt. Immer nur auf die angeblich „Armen und Hilflosen“ herabzuschauen, ist nicht förderlich. Vielmehr gilt es statt zu bedauern, gesellschaftsadäquates Verhalten einzufordern.

Matthias Mittag

Gefahr durch Lockdown

14. Dezember: Leitartikel: „Die Frage der Verhältnismäßigkeit. Die Corona-Lage ist dramatisch – ein neuerlicher Lockdown aber ist es auch“

Herr Iken beweist mit diesem grandiosen Artikel mal wieder seine Weitsichtigkeit und seinen gesunden Menschenverstand. Corona ist eine große Gefahr, aber diese extremen Maßnahmen noch viel mehr. Große Teile der Bevölkerung sind mittlerweile durch täglich erscheinende Meldungen über Tote und Infizierte derartig weichgespült, dass sie nicht mehr klar und wahr denken können. Ich gehöre zu den sogenannten Risikogruppen, protestiere aber zutiefst gegen diesen erneuten Lockdown.

Antje Netz

Probleme mit dem Impfstoff?

14. Dezember: „Jeder Zweite zögert beim Impfen. Corona-Schutz: Ausgerechnet unter Ärzten und Pflegekräften ist Impfskepsis weit verbreitet“

Alle sehnen sich nach Normalität, und die Impfung erscheint vielen wie der perfekte Schlüssel dazu. Da wird dann schon manchmal der Verstand ausgeschaltet. Gentechnisch veränderter Mais ist vom Teufel, aber eine künstliche mRNA in den Körper injiziert ist natürlich völlig unproblematisch... Ich möchte in der gegenwärtigen Situation nicht in der Rolle der Zulassungsbehörden stecken, der Druck von außen ist immens, aber die Datenlage erscheint mir äußerst dünn. Die völlig neuen Impfstoffe können die Medizin revolutionieren, ich bewundere die Forschungsergebnisse sehr, bin bereit, mich als Testperson zur Verfügung zu stellen und wünsche sehnlichst den Erfolg. Aber oft haben sich in der Vergangenheit eben erst nach einiger Beobachtungszeit ungeahnte Probleme ergeben. Den Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind, die dieses natürlich wissen „Impfmüdigkeit“, „Impfskepsis“ und niedere Beweggründe zu unterstellen, wenn sie nicht die unkritische Euphorie der Mehrheit teilen, das ist schon starker Tobak.

Dr. Martin Schwager

Beitrag schürt Ressentiments

14. Dezember: „,Bei jeder Tour erlebe ich Regelverstöße‘. Der 18-jährige William jobbt bei einem Sushi-Lieferservice. Mit den Corona-Auflagen nehmen es manche seiner Kunden nicht so genau“

Ja, es ist ärgerlich und rücksichtslos, wenn Menschen durch ihr Verhalten in Kauf nehmen, das Corona-Virus weiter zu verbreiten und andere zu gefährden. Dies anzuprangern, in dem die Informationen eines Schülers genutzt werden, der über seinen Job Zugang zur Privatsphäre anderer erhält, hat jedoch einen faden Beigeschmack. Es gibt auch ein Rechtsgut wie den Schutz der Privatsphäre. Und es gibt gesetzlich geregelte Wege zum Umgang mit Regelverstößen und zur Strafverfolgung. Der Einsatz von Jugendlichen als Denunzianten gehört nicht in unsere Vision eines achtsamen und demokratischen Miteinanders. In Deutschland West und Ost gibt es da überdies sehr ungute Traditionen, was die Bespitzelung von Mitbürgern und Mitbürgerinnen anbelangt. Bedenklich ist außerdem, wer besonders in der Darstellung in den Vordergrund gerückt wird: Ost-Europäer, eine Gruppe von geschminkten Männern sowie Menschen, die Shisha rauchen. Die Darstellung schürt Ressentiments gegen Schwule und „Ausländer“. Mit Sicherheit gab es auch andere Gruppen, die gern Sushi konsumieren und die man hätte herausheben können. Dies nicht zu tun, ist eine Entscheidung. Betätigen sich hier nicht ein weiteres mal journalistische Biedermänner und -frauen tendenziell als geistige Brandstifter?

Prof. Dr. Sabine Stövesand

Prof. Dr. Annita Kalpaka

Europa tut schon genug

11. Dezember: „,Uns droht dramatischer Wohlstandsverlust‘. Fritz Vahrenholt war Vordenker der Ökobewegung – heute zweifelt er an der deutschen Klimaschutzpolitik“

Wenn Fritz Vahrenholt für die Umstellung Deutschlands auf CO2-Neutralität eine Zeit von drei Generationen kalkuliert, dann dürfte das rhetorisch gemeint sein. Eine Generation (30-40 Jahre) muss reichen. Es ist aber falsch, Vahrenholt Panikmache vorzuwerfen. Im Gegenteil: Er will doch weg von jeglicher Panikmache und hin zu überlegtem Handeln. Er will doch einfach nur erreichen, dass unsere Volkswirtschaft und unser Gesellschaftssystem diese Umstellungen verkraften. Angesichts von um die 15 Prozent „Corona-Leugnern“ bei gleichzeitig ca. 150 Milliarden Euro jährlichen Bildungsausgaben sollten wir diese Warnungen ernst nehmen. Was Deutschland und Europa zurzeit an Klima-Initiativen planen, scheint mir angesichts unserer bloßen „Pilotbedeutung“ bei gleichzeitiger wirklich praktischer Fast-Bedeutungslosigkeit – im Vergleich mit China und den USA – für das Weltklima angemessen zu sein.

Bernd Wenzel, Buchholz

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