Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 14. Dezember 2020

| Lesedauer: 6 Minuten

Worauf wartet ihr noch?

12./13. Dezember: „Harter Lockdown schon am Montag? Streit um Schulen und Geschäfte. Daniel Günther warnt vor ,Run‘ auf Weihnachtsgeschenke. Schleswig-Holstein hebt Präsenzpflicht auf, Hamburg nicht“

Rund 30.000 Infizierte und mehr als 500 Tote innerhalb eines Tages. Krankenhäuser schließen ihre Türen, und einige Politiker lassen sich noch immer von Emotionen leiten. Die Analyse der letzten Tage ist eindeutig: Ohne einen harten Lockdown wird es nicht gehen! Die Bundeskanzlerin hat jüngst gesagt, sie sei Physikerin geworden, weil selbst die DDR nicht in der Lage war, naturwissenschaftliche Fakten außer Kraft zu setzen. Und so muss man sich fragen, warum Angela Merkel und die Ministerpräsidenten im Kampf gegen Corona mit den Fakten so umgehen, als wären sie Interpretationssache? Die Fakten sagen, dass sich stündlich mehr Menschen infizieren und versterben. Die Wissenschaftler sagen, ohne einen harten Lockdown wird sich die Lage in Deutschland nicht verbessern! Die Mediziner sagen seit Tagen, dass die Krankenhäuser bereits an ihre Grenzen stoßen! Viele Bürgerinnen und Bürger sagen, dass sie sich einen Lockdown noch vor Weihnachten wünschen! Ich sage: Deutschland – worauf wartest du noch?

Sebastian Conrad

Aus dem Herzen gesprochen

12./13. Dezember: „Disziplin und Geduld. In der Diskussion um einen harten Lockdown lohnt sich ein Blick nach Ostasien“

Der Leitartikel spricht mir so aus dem Herzen. Seit Mitte März verlassen wir das Haus nur noch für Einkäufe und Spaziergänge. Alle Kontakte zu Freunden, die wir sehr vermissen, finden telefonisch oder online statt. Urlaub ist gestrichen, wir haben stattdessen in unser Zuhause investiert. Mich persönlich ärgert nicht nur der Zick-Zack-Kurs der Politik, sondern auch der Presse.

Auch im Abendblatt habe ich immer wieder Artikel gelesen, in denen alle noch möglichen Urlaubsziele und der Schrei nach Lockerungen Thema waren. Also das genaue Gegenteil von Verzicht. Der ist aber notwendig, damit wir alle möglichst unbeschadet durch diese Krise kommen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern durften wir jederzeit das Haus verlassen. Ich frage mich jeden Tag, warum es vielen Menschen so schwerfällt, mal für eine Weile auf Urlaub oder Ausflüge zu verzichten, um sich so solidarisch zu zeigen. Jetzt sind Vernunft und Zusammenhalt mehr denn je gefragt.

Birgit Peters

Ein Rücktritt wäre angemessen

12./13. Dezember: „Hummer bringt Kummer“ und „Eine politisch-moralische Gratwanderung“

Es muss Frau Gallina nicht leidtun, dass ein negativer Eindruck durch das Hummer-Essen entstanden ist, sondern dass es stattgefunden und sie daran teilgenommen hat. Eine Entschuldigung (Entlastung) für diese Peinlichkeit zu erwarten, ist lächerlich. Sie ist für den Job nicht geeignet, ein Rücktritt angemessen.

Doris Wolff

Widerlegt, aber ein Aufklärer?

11. Dezember: „,Uns droht dramatischer Wohlstandsverlust‘. Fritz Vahrenholt war Vordenker der Ökobewegung – heute zweifelt er an der deutschen Klimaschutzpolitik“

Es gibt einen einfachen Grund, warum Herr Vahrenholt in der Klimadebatte keine Rolle mehr spielt: Er hat das Klimasystem nachweislich nicht verstanden. In seinem Buch „Die kalte Sonne“ behauptete er ohne jede wissenschaftlich abgesicherte Modellgrundlage, dass die globalen Temperaturen in den letzten Jahren massiv hätten sinken sollen. Er diffamierte Wissenschaftler als diejenigen, die keine Ahnung hätten und zur Übertreibung neigen, beschwor den wirtschaftlichen Weltuntergang und Wohlstandsverluste herauf.

Er hat aber einen großen Nachteil gegenüber der Klimaforschung: Er liegt falsch. Denn anstelle des von ihm sicher geglaubten Temperaturrückganges sind die Temperaturen exakt in dem Korridor gestiegen, welchen die von ihm kritisierten Wissenschaftler erwartet haben. Die Zahl der schweren Hurrikane hat – innerhalb einer gleichbleibenden Anzahl von Ereignissen – übrigens sehr wohl zugenommen. Es lohnt sich immer, das Ganze zu betrachten. Das hätte sich auch bei der Behauptung gelohnt, dass die Sahara vor 8000 Jahren grün gewesen sei. Einige Regionen waren grüner, aber eben nicht „die Sahara“. „Die kalte Sonne“ zeigte eine Grafik mit dramatisch anmutenden Klimaszenarien, die es im IPCC-Report nie gegeben hat. Wundert er sich ernsthaft, dass er keine Bedeutung in der Sachdiskussion mehr hat?

Der Wissenschaft Übertreibung zu unterstellen, zeigt eine leider viel zu stark verbreitete Bereitschaft, die Glaubwürdigkeit der Forscher gegen jede Faktenlage für eigene Ziele zu opfern. Aufklärung sieht anders aus. Nach der „kalten Sonne“ will Herr Vahrenholt nun andere Ursachen für den Klimawandel ausfindig gemacht haben. Sein Ziel nennt er selbst: Kohle soll bleiben, Atomkraft zurückkommen. Das wäre natürlich nicht der von ihm gewünschte technische Fortschritt. Aber darum geht es gar nicht. Es geht um Zukunftsängste, die er zum Ausdruck bringt. Ängste, die jeder von uns ab und zu – mal berechtigt, mal unberechtigt – hat. Das Wesen der Zukunft aber ist, dass sie unbekannt ist.

Allerdings können wir dank der Klimaforschung und aufgrund der belegbaren Erfahrungen sagen, dass zumindest ein Teil der möglichen Zukunft gut verstanden und prognostiziert ist. Die Forschung hat ihr Verständnis der Zukunft belegt, Herr Vahrenholt ist widerlegt. Wer dem Land wirklich Wohlstand und Sicherheit bringen möchte, sollte die Erkenntnisse nutzen und sie nicht in den Wind schlagen.

Die Zukunft wird uns eine viel dezentralere Erzeugung und Nutzung von Energie bieten. Die Speicher- und Transportfragen werden gelöst werden. Die Luft wird sauberer, die Risiken geringer, und der Wohlstand wird bleiben. Transformation bedeutet, Dinge besser zu machen. Wer bewahren möchte, muss bereit sein zur Veränderung.

Frank Böttcher, Medienbeauftragter Deutsche Meteorologische Gesellschaft

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Leserbriefe