Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 27. November 2020

Viel Gerede um nichts?

26. November: „Der große Lockdown-Poker. Merkel und die Ministerpräsidenten feilschen um neue Corona-Regeln“

Vernünftige Regeln müssen sein. Wenn aber nach stundenlangen Diskussionen u. a. als Ergebnis herauskommt, dass der Supermarkt-Parkplatz zum Hotspot erklärt wird und in den Märkten mit Durchschnittsgröße sich nicht mehr 50, sondern nur noch 47 Kunden aufhalten dürfen, fühle ich mich vera...

Willi Krumbacher

Wegducken hilft nicht

26. November: „Stadt verbietet Feuerwerk teilweise. Tschentscher ruft zu Disziplin und Verzicht auf Raketen auf

Das kann doch wohl nicht wahr sein! Ich halte diese Sowohl-als-auch-Entscheidung für völlig weltfremd. Die Bürger sollen freiwillig verzichten. Was soll das denn? Alles Mögliche wird verboten, aber Feuerwerk an jeder Straßenecke bleibt erlaubt. Das ist für mich Politikversagen und wird bittere Folgen haben. Konflikte löst man nicht durch Wegducken, sondern durch klare, begründete Entscheidungen.

Gerda Fellberg

Arbeiten für’s „Karmakonto“?

25. November: „Infizierte Pfleger arbeiten weiter. Minister Spahn: Ohne Ausnahmeregelung wäre Klinikbetrieb nicht möglich“

Dieser Artikel macht deutlich, wie Pflegekräfte gesehen werden: Sogar wenn sie selbst symptomlos mit Corona infiziert sind, wird davon ausgegangen, dass sie trotzdem gerne weiter arbeiten, um die Patienten, Pflegebedürftigen und Kollegen nicht im Stich zu lassen, der Berufsethos sei so groß. Aber Pflegekräfte arbeiten nicht für ihr „Karmakonto“! Und wenn sie infiziert sind, gehören sie in Quarantäne, und zwar genauso lange wie alle anderen auch. Mal ganz abgesehen davon, wie so eine infizierte Krankenschwester (die kein Auto besitzt) zur Arbeit kommen soll, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder einem Taxi wird das ja wohl kaum möglich sein. Oder wird sie dann persönlich vom Isolierkrankenwagen abgeholt und wieder nach Hause gebracht? Und wo darf diese Pflegekraft ihr Essen und Trinken zu sich nehmen? Dazu muss auch eine Pflegekraft ihre Maske abnehmen. Und welche Toilette benutzen? Oder soll sie dann, da sie ja bevorzugt nur infizierte Patienten betreuen soll, sich zu diesem an die Bettkante setzen und dort ihre Essenspause machen und auch auf die Patiententoilette gehen? Für die Handvoll Pflegekräfte, die gerne ihr „Karmakonto“ auffüllen möchte, müsste man sich darüber dann noch mal Gedanken machen.

Birgit Angela Mittag

Ein bedrückendes Gefühl

25. November: „Wenn die Angst regiert. Die dauerhafte Katastrophenrhetorik zermürbt die Menschen“

Wieder deutliche Worte von Herrn Iken, die er mit nachprüfbaren Fakten untermauert. Das „Dauerfeuer an Katastrophenmeldungen und Horrorvergleichen“, wie Herr Iken es treffend formuliert, ist kaum noch zu ertragen. Jedoch: Auch das Abendblatt wählt häufig Formulierungen in Überschriften und Berichten, die zuallererst Angst erzeugen. Und dieses bedrückende Gefühl setzt sich beim anschließenden Lesen fort. Außerdem ist auch in Ihren Berichten zum Thema „Corona“ oft deutlich die persönliche Meinungstendenz des Autors zu erkennen. Eine neutrale Berichterstattung ist leider nicht immer gegeben. Und noch eine Anmerkung zu den Kontrollen durch die Polizei, denen nun bereits auch Schulkinder ausgesetzt sind: Soll mit solchen Aktionen das Vertrauen der Kinder in unsere „Sicherheitskräfte“ wachsen?

Inga-L. Faber-Schütt, Hamburg

Denkt mal positiv!

Matthias Iken schimpft über Angstmache, verharmlost die Pandemie, verharrt in den Plattitüden wie „Schutz der Risiko-Gruppe“. Wie soll das gehen? Allein die über 65-jährigen zählen 18 Millionen, dazu kommen die Jüngeren mit entsprechenden Vorerkrankungen. Bei über 400 Corona-Toten an einem Tag ist ein Vergleich mit den Nachkriegsjahren einfach nur zynisch. Was mich herunterzieht, ist das ständige Genöle, wie schlecht es uns geht und wie ungerecht die Politik uns behandelt, und nicht die angebliche „Panikmache“ von Frau Merkel, die mit ihren Prognosen ja mehr als recht hatte. Liebes Abendblatt, wie wäre es mit einer positiven Sicht, wie vergleichsweise gut wir durch die Pandemie bisher gekommen sind, obwohl wir viel weniger Einschränkungen hatten als zum Beispiel Frankreich oder Spanien, und dass wir schon in Kürze Impfstoffe haben, mit denen viele Experten nicht vor 2022 gerechnet haben. Ja, wir haben sogar schon einen Starttermin. Aber auch da wieder Genöle, dass es noch keinen genauen Plan gibt. Bitte denkt (schreibt) mal positiv. Das Ende ist in Sicht, noch ein paar Monate konsequent vorsichtig durchhalten, und wir haben es geschafft.

Werner Kaiser

Radikaler, dafür kürzer

Nicht die „dauerhafte Katastrophenrhetorik“ zermürbt mich, sondern das Dauerfeuer der Relativierer und Verharmloser. Wir haben aktuell eine Stagnation der Fälle, wie viel diese Stagnation angesichts der geänderten Teststrategie wert ist, wird die Zeit zeigen, aber bei rund 200.000 Tests weniger pro Woche, liegt der Verdacht nahe, dass die Zahlen schlechter sind, als sie aussehen. Aktuell steigen die Todesfälle mit über 20 Prozent die Woche, und wir haben jetzt schon über 1700 pro Woche. Das sind mindestens ca. 8000 weitere Todesfälle bis Jahresende, 12.000 überlebende Intensivpatienten. 36.000 weitere Hospitalisierte. Wollen wir wirklich warten, bis wir 1000 Tote pro Tag haben wie umgerechnet Österreich, Schweiz, Polen...? Je radikaler der Lockdown ist, desto kürzer kann er sein und umso freier kann man danach leben und arbeiten.

Ralph Einfeldt

Klare Haltung von Kirsten Boie

26. November: Leserbrief: „Ein Gespräch wurde abgelehnt “ und 24. November: „Autorin Kirsten Boie lehnt Sprachpreis ab. Ehrenbürgerin will den Elbschwanenorden wegen rechtspopulistischer Äußerungen nicht“

Wir sind begeistert von Kirsten Boies Entscheidung, den angebotenen Preis des Vereins Deutscher Sprache (VDS) mit der Begründung der rechtspopulistischen Äußerungen des VDS-Bundesvorstands abzulehnen – Danke für diese klare Haltung! Nun erklärt der Hamburger Regionalleiter des VDS, Hans Kaufmann, gegenüber der Presse, dass in Hamburg nie solche Formulierungen verwendet wurden, wie sein Kollege und Bundesvorsitzender Walter Krämer sie getätigt hat. Wie darf man dann aber bitte den offenen Brief des VDS, Arbeitsgruppe „Gendersprache“ (der auch Kaufmann angehört) bezüglich des Hamburger Koalitionsvertrages verstehen? Einige Zitate aus obengenanntem Dokument: „…nach einem Vierteljahrhundert zunehmend aggressiverer Genderindoktrinierung seitens Medien und Politik […] bläuen Sie uns das Genderneusprech ein …“ und „Gendersprache ist eine sektiererische, ideologische Sondersprache, und der inflationäre Gebrauch von Wortzusammensetzungen mit „gerecht“ und „Vielfalt“ in Ihrem gesamten Dokument spiegelt Ihren unverhältnismäßigen Einsatz für bestimmte Interessen- und Lobbygruppen“. So sieht dann wohl die vornehme, hamburgische Art aus, polemische Überspitzungen zu vermeiden und den sachlichen Kern zu benennen. Finden Sie den Fehler!

Petra Ackmann, Christiane Klappert und Annika Huisinga

Vorstandsvorsitzende des Landesfrauenrates Hamburg e.V.

Spaltung durch Gleichmacherei

Danke für den Abdruck der Klarstellung von Herrn Kaufmann vom Verein Deutscher Sprache. Mit Sachlichkeit und ohne jede Polemik wird auf Zusammenhänge hingewiesen, die zur Gesamtdarstellung des interessierten Lesers von Bedeutung sind. Irgendwie erinnert es doch auch an die Causa Lisa Eckardt, wo vernebelte Einflussnahme zu obskuren Handlungen führten. Ewige rechthaberische Gleichmacherei macht nicht gleich, sondern trägt gerade zur beklagten Spaltung bei. Dabei lernen wir bei Problemen diese zu lösen und entwickeln Problemlösungsstrategien und nicht umgekehrt.

Andreas Scholz