Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 28. Oktober 2020

Das kostet Wählersympathie

27. Oktober: „Merz wittert Intrige von Laschet. Der in Umfragen führende Kandidat für den CDU-Vorsitz wirft dem NRW-Ministerpräsidenten vor, die Absage des Parteitages gezielt betrieben zu haben

Die Entscheidung, dieses Jahr nicht einmal eine Digitalwahl bzw. eine Briefwahl durchführen zu wollen, um endlich Klarheit über eine neue Parteiführung zu bekommen, endet nicht mit neuen Wählersympathien, sondern kostet Zustimmung und den Verlust der bisherigen über 35 Prozent liegenden Wählersympathie. Was soll im Januar denn anders sein als am vierten Dezember 2020? Es wird mit Corona eher noch dramatischer. Es steht ja nicht nur Friedrich Merz zur Wahl, sondern noch zwei weitere Kandidaten. Also Chancengleichheit. Die CDU ist bestens beraten, so schnell wie möglich für Klarheit in der Parteiführung zu sorgen und sich von den Grünen beraten zu lassen, wie ein Digitaler Parteitag organisiert werden kann. Sonst stellen sie, die Grünen, doch noch den nächsten Kanzler oder die nächste Kanzlerin.

Thomas Fetzberger, Bargteheide

Umweltschutz Ernst gemeint?

27. Oktober: „Wedel verfeuert weniger Kohle. Kraftwerk reduziert Verbrennung bis zur Abschaltung 2025 um 20 bis 30 Prozent. CO2-Ausstoß wird vermindert“

Wäre das Kraftwerk Moorburg an das Fernwärmenetz angeschlossen, hätte man schon in den letzten Jahren Millionen Tonnen CO2 einsparen und das Kraftwerk Wedel abschalten können. Das ist nach wie vor möglich und günstiger als eine Umrüstung des Kraftwerks Wedel. Aber die Dreckschleuder Wedel gehört der Stadt, Moorburg einem Konzern. Ich denke, Herr Kerstan meint es nicht wirklich Ernst mit dem Klimaschutz.

Wolfgang Holler

Kein Recht auf Aufenthalt

26. Oktober: „Staatsminister Annen gegen Abschiebungen nach Syrien“

Es mag zwar human klingen, wenn der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Niels Annen, die Abschiebung von kriminellen Syrern und „Gefährdern“ ablehnt... Aber tut er der Bundesrepublik damit einen Gefallen? Würde er genauso reden, wenn sein Bruder, seine Frau, sein Onkel Opfer dieser religiösen Fanatiker geworden wären? Ich denke eher nicht. Religiöse Fanatiker haben in der Bundesrepublik nichts zu suchen. Sie gehören ausgewiesen. Deutschland ist ein friedliebendes Land. Das soll und muss auch so bleiben. Erklärte Feinde unserer Demokratie und unseres Rechtsstaates haben ihre Rechte zu ihrem Aufenthalt verwirkt.

Axel Pabst

Den Wissenschaftlern zuhören

24./25. Oktober: „Es gibt Wichtigeres … … als die Beherbergungsverbote. Wir müssen jetzt alle das Richtige tun“ und „,Die psychologischen Folgen sind schwer abzusehen‘. Ingrid Unkelbach, Leiterin des Olympiastützpunktes, über fehlende Wettkämpfe und Burn-out-Gefahr für Sportler und Trainer“

In Krisenzeiten bewähren sich mutige Fachleute. Das wissen wir Hamburger seit der Sturmflut 1962. Doch die Corona-Virus-Pandemie stellt uns jetzt vor bislang unbekannte Aufgaben. Die dringend notwendigen Lösungen können daher nur Schritt für Schritt gefunden werden. Gefragt sind medizinische Fachleute wie Virologen, Immunologen und Epidemiologen. Deren Kommentare, Hinweise und Vorschläge waren bislang sehr hilfreich. Selbst Politiker konnten sich bei ihnen Rat holen, um notwendige, administrative und regulierende Entscheidungen zu treffen. Nach ersten Erfolgen in der Bekämpfung der Pandemie scheinen nun sowohl etliche Politiker als auch Vorstände diverser Vereinigungen in Interviews und Talkshows ihre eigene Sicht der Dinge zum Besten zu geben. Die Vielfalt der Meinungen und Forderungen ist unfassbar. Und jeder weiß es besser. Das gilt für viele deutsche Politiker ebenso wie für manche Staatspräsidenten dieser Welt. Einiges ist plausibel, anderes ist unverständlich und widerspricht sich sogar. Dass dadurch Verschwörungstheorien Nahrung bekommen, war abzusehen. Und auch, dass Gruppierungen jeglicher Art hierbei ein hervorragendes Revier finden. Leidtragende in dieser aktuellen Pandemie-Situation sind ausschließlich ältere und kranke Menschen sowie die junge Generation. Das beschreibt Frau Ingrid Unkelbach, Leiterin des Olympiastützpunktes HH/SH sehr deutlich. Und als Vater eines Leistungssportlers kann ich ihre Aussagen nur dick unterstreichen. Legen wir doch bitte endlich den Mantel der Bedenkenträger und Verharmloser ab, hören den Wissenschaftlern zu und lernen von ihnen. Das gilt für die gesamte Bevölkerung, also auch für Politiker. Denn nur so können wir fast alle diese Pandemie überstehen. Übrigens: Ist eigentlich bekannt, dass das Corona-Virus die (Bundes-) Landesgrenzen tatsächlich ignoriert?

Hannes Westphal

Feierabend für Shakespeare

24./25. Oktober: „Von der Heldin zur Rassistin. Bisher war Hamburg stolz auf Emily Ruete, die Prinzessin von Sansibar. Nun passt sie manchen nicht mehr in ihr Weltbild“

Großartig, dass Sie so klare Worte zu diesen neuen Ausgeburten der „political correctness“ gefunden haben. Wenn diese Entwicklung andauert, werden wir bald das Buch und den Film „Vom Winde verweht“ auf dem Index finden. Und mit Shakespeare ist dann auch demnächst Feierabend. Ein Dichter, der eines seiner Dramen mit dem Titel „Die Tragödie von Othello – der Mohr von Venedig“ versieht, für den ist nur noch Platz in dem Schrank der verbotenen Bücher. Auch die Reden von Präsident Kennedy und Martin Luther King, in denen sie sich engagiert für die Rechte der Schwarzen einsetzen, werden bald im Originaltext nicht mehr zu haben sein. Mich ergreift ein Grauen vor diesen Wegbereitern des rechten Glaubens. „Cancel culture“ ist die Parole von Kulturfeinden. Den jetzt grassierenden Irrsinn hat der kürzlich verstorbene Nat Hentoff in seiner bösen Satire „The Day They Came to Arrest the Book“ bereits 1982 vorausgesehen. Das Buch, das verhaftet wurde, war „Huckleberry Finn“.

Dr. iur. h.c. Gerhard Strate

Mit Augenmaß bewerten

Man muss Emily Ruete, die ehemalige Prinzessin Salme von Sansibar, nicht zur Heldin stilisieren, um ein eher bescheidenes Straßenschild zu rechtfertigen. Es reicht die Erinnerung an eine ganz außergewöhnliche 1843 geborene Frau, deren Lebensweg von Sansibar über Hamburg bis Jena Stoff für spannenden und kritischen Unterricht über fremde Kultur und eigene Geschichte bietet. Am besten mit Besuch der Sonderausstellung im Auswandermuseum BallinStadt „Fluchtursache: Liebe“. In ihren Memoiren – wohl den ersten einer ehemals muslimischen Frau überhaupt – wird deutlich, dass sie als Tochter einer tscherkessischen Sklavin des Sultans nicht frei von rassistischen Anschauungen war. Betroffen sollten wir von ihrer Bemerkung sein, Sklaven in Sansibar würden besser behandelt und untergebracht als Arbeiter in Hamburg (Gängeviertel!). Das Staatsarchiv prüft nun den Vorgang noch einmal sorgfältig. Dabei gibt es kaum Neues zur Person zu erforschen als Altbekanntes mit Augenmaß und historischem Einfühlungsvermögen zu bewerten. Hoffentlich sehen wir danach bald wieder einen „Emily-Ruete-Weg“.

Gert Hinnerk Behlmer, Staatsrat a.D.

Die große Mehrheit schweigt

Erfreulich, dass es eine Presse gibt, die die „Blockwartmentalität“ der Cancel Culture in Hamburg diskutiert. Das betrifft ja auch viele weitere Tendenzen in der Genderdebatte bis hin zu vorgeschriebenen „richtigen“ Denkweisen in Kindergärten und Aussortierung von historischen Büchern, in denen einmal das N-Wort benutzt wurde. Bedauerlich, dass die Betreffenden nicht bemerken, dass mit solchen Aktionen Rassismus und Schwarz-Weiß-Denken eher noch befördert werden. Am bedauerlichsten aber ist, dass die große Mehrheit wieder einmal schweigt und sich solch einen Umgang mit der Geschichte offenbar gefallen lässt. Was man wohl in Afrika von der deutschen Cancel Culture hält? Großes Lachen, denn davon wird niemand satt!

Dr. Claus Deimel