Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 27. Oktober 2020

Hervorragendes Interview

24./25. Oktober: „,Wir brauchen eine Doppelstrategie gegen Corona‘. Der Infektiologe Ansgar Lohse schlägt vor, nicht allein auf einen Impfstoff zu setzen. Bei jüngeren Menschen könne man Infektionen zulassen – auch um die gesellschaftlichen Nebenwirkungen zu minimieren“ und diverse Leserbriefe“

Seit langer Zeit mal wieder ein ziemlich ausführlicher Bericht für eine oder die bessere Strategie gegen Covid-19. Hervorragend! In diesem Zusammenhang stellen sich folgende Fragen: Warum wird über 5 von 10.000 Leben, die das Corona-Virus genommen hat, berichtet, ohne diese Zahl ins Verhältnis zu anderen Todesfällen durch Krebs, Erkältungen, Grippe, Lungenentzündungen oder anderen Erkrankungen in dem gleichen Zeitraum (in einer Woche durchschnittlich um die 25.000 Menschen) zu setzen? Warum keine Berichterstattung über die Art und Schwere der Infektionen bei den neu festgestellten infektiösen Menschen? Warum kein Hinweis darauf, wie viele Menschen davon andere anstecken können? Warum kein Bericht über die Veränderungen im Leben der nicht privilegierten Menschen unserer Gesellschaft? Wie sollen wir so eine Akzeptanz unserer Bürger erreichen? Offensichtlich helfen die Verbote, Ermahnungen und laufenden Hinweise auf die Gefährlichkeit von Covid-19 nicht, die Akzeptanz in der Bevölkerung zu verbessern!

Berth-Michael Seitz

Auf dem richtigen Weg

Im Gegensatz zu den doch etwas überzogenen und abwertenden Leserbriefen zum Interview mit dem erfahrenen Infektiologen Professor Dr. Lohse ist festzustellen, dass er mit seinem Kompromiss zwischen den beiden Extremen, einmal Zulassung ungebremster Herdenimmunität, andererseits totaler Verhinderung von Neuinfektionen, auf dem richtigen Weg ist. Nebenbei: Wären wir seinen Empfehlungen im April 2020, Kitas und Schulen geöffnet zu lassen, gefolgt, ständen wir heute besser da.

Dr. med. Dietger Heitele

Stolz auf Meinungsvielfalt

24./25. Oktober: „Von der Heldin zur Rassistin. Bisher war Hamburg stolz auf Emily Ruete, die Prinzessin von Sansibar. Nun passt sie manchen nicht mehr in ihr Weltbild“

Ein großes und herzliches Dankeschön für Ihren sehr deutlichen Beitrag, der „Kultur des Auslöschens“ Einhalt zu gebieten. Ich kann nur stark hoffen, dass Sie und das Hamburger Abendblatt solchen „digitalen Blogwarten“ (herrlich!) keinesfalls nachgeben. Es kann doch nicht sein, dass einige wenige, aber dafür überlaute Dauerrechthaber bestimmen können, was wir zu denken haben und was wir sagen dürfen. Ich war bisher immer sehr stolz darauf, dass wir in Deutschland Meinungsvielfalt haben (dürfen). Möge es so bleiben.

Franz-Christian Semrau

Keule gegen „Cancel-Culture“

In der aktuellen Ausgabe widmet sich Herr Iken der sansibarischen Prinzessin Emily Ruete, und warum die Namensgebung eines Platzes in Uhlenhorst wieder rückgängig gemacht wurde. Was war passiert? Die Bezirksversammlung hat, einem Vorschlag folgend und im Glauben, dass der Vorschlag durch das Staatsarchiv eingehend geprüft wurde, zugestimmt, dass der bisher namenlose Platz nach Emily Ruete benannt werden sollte. Die Geschichtswerkstatt Barmbek stellte fest: Wurde aber offensichtlich nicht. Denn Emily Ruete hat in ihren Memoiren nicht nur das N-Wort benutzt, sondern wohl auch Sklavenhaltung verteidigt. Die Bezirksversammlung hat die Namensgebung dieses Platzes als Fehler erkannt und diesen rückgängig gemacht. Der Versuch, aus dieser Lokalpetitesse einen handfesten Skandal zumachen, um den ein Streit in der Hansestadt „tobt“, wirkt doch sehr bemüht. Richtig ärgerlich wird es allerdings, wenn Herr Iken den Anhängern der sogenannten „Cancel Culture“ die Lektüre des Romans „1984“ empfiehlt. Ein Meisterwerk, in dem die Auswirkungen eines totalitären Überwachungsstaates (!) auf eine einzelne Persönlichkeit herausgearbeitet werden. Diesen Roman nun auf die „Cancel-Culture“-Bewegung anzuwenden (unter der Annahme, dass es eine solche überhaupt gibt), lässt darauf schließen, dass Herr Iken selbst das Buch nicht so ganz verstanden hat. Denn wo sich „1984“ an Staaten abarbeitet, kritisiert Iken eine Bewegung, die nur in einem freiheitlichorientierten Staat überhaupt erst existieren kann. Eine „Cancel Culture“ in China oder Russland? Undenkbar. Auch inhaltlich stößt Herr Iken immer wieder ins selbe ärgerliche Horn: Man kann die Äußerungen einer Person im 19. Jahrhundert nicht an den Maßstäben des 21. Jahrhunderts messen. Doch, kann man. Wo man vielleicht für das N-Wort noch Gnade walten lassen möchte (es war damals schon rassistisch, aber Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs), ist das im Hinblick auf die Sklavenhaltung schlicht nicht möglich. Denn schon zu Zeiten Emily Ruetes hat Abraham Lincoln in den USA das Ende der Sklaverei verkündet. Mit dem Zeitgeist ist diese Haltung also wohl kaum zu erklären. Meines Erachtens holt Herr Iken hier zum wiederholten Male die „Cancel-Culture“-Keule raus, um historischen Persönlichkeiten einen Schutz angedeihen zu lassen, den sie durch ihr Lebenswirken nicht mehr verdient haben. Das ist ärgerlich und steht der Aufarbeitung des kolonialen Erbes dieser Stadt diametral gegenüber.

Marc Rommel

Autonom Fahren bleibt Utopie

24./25. Oktober: „Hamburger können selbstfahrenden Bus testen“

In Hamburg wurde dieser Tage nun also der Testbetrieb mit einem als „selbst fahrend“ bzw. „autonom“ fahrend apostrophierten Kleinbus mit einzelnen Fahrgästen auf einer Versuchsstrecke in der HafenCity aufgenommen. Der Verkehrssenator schwärmte anlässlich dessen von einer „neuen Dimension“ des Verkehrs und betonte, dass Hamburg bis zum „ITS-Weltkongress beim autonomen Fahren weltweit ganz vorne mit dabei sein“ will. Dazu folgende Anmerkungen: Bei dem betreffenden Fahrzeug handelt es sich durchaus nicht um ein „autonom“ oder „selbst fahrendes“ Automobil (Level 5 in der Fachsprache), sondern um eines, das „hoch automatisiert“ (Level 3) – ggf. auch annähernd „voll automatisiert“ (Level 4) – betrieben wird, wie das tatsächlich in ähnlicher Form bereits seit Jahren an vielen Orten der Welt im alltäglichen Passagier-Regelbetrieb der Fall ist, z.B. im oberbayerischen Bad Birnbach als Bahnhofs-Zubringer. Hinsichtlich der Zukunft des „autonomen Fahrens“ generell hat sich die Euphorie der vergangenen Jahre inzwischen nachhaltig gelegt. Selbst führende Hersteller und Betreiber räumen öffentlich ein, dass tatsächliches „autonomes Fahren“ im Straßenverkehr unter allen realistischen Umfeld- und Wetterbedingungen auf Dauer nicht möglich sein wird. Die „Neue Dimension“ des Fahrens wird also jedenfalls nicht der künftige Alltag sein, sondern eher die Ausnahme. Es wäre wünschenswert, dass sich die Hamburger Verkehrspolitik und das Auftreten der Stadt anlässlich des ITS-Kongresses an solchen Wirklichkeiten orientieren würde.

Dr.-Ing. Andreas Kossak , Hamburg

Kein Elbmonster für Hamburg

22. Oktober: „Neue Planungen für den Elbtower“

Dieses Elbmonster dominiert die ganze Stadt und dient lediglich dem Ego des Investors. Unglaublich, dass Besucher auch noch für Besichtigungen zahlen sollen. Wollen wir Hamburger dieses Monster? Wir wollen, dass darüber eine Volksabstimmung eingesetzt wird.

Christian Fischer

Unvergessene Zeiten

22. Oktober: „Uwe Seelers ewiger HSV-Kapitän. Zu Besuch bei Jochen Meinke, der 1960 mit den Hamburgern die deutsche Meisterschaft errang und am Freitag seinen 90. Geburtstag feiert“

Mit großer Freude habe ich Ihren Beitrag zum Geburtstag von Jochen Meinke gelesen. Sofort war ich in Gedanken wieder am Rothenbaum, in der ersten Reihe der Stehplatztribüne (überdacht!) am Turmweg, um „meine“ Mannschaft zu sehen. Da war dann der heutige Jubilar, organisierte ruhig, sachlich und erfolgreich seine Abwehr. Unvergessene Zeiten. Danke, dass Sie an diesen Geburtstag gedacht haben!

Uwe Carstens, Weilrod