Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 13. Oktober 2020

| Lesedauer: 8 Minuten

Wunsch oder Realität

12. Oktober: Leitartikel: „Mut zur Strenge. Die Politik muss gegen Corona-Verstöße durchgreifen – im Sinne der Allgemeinheit“

Verhaltensregulierung durch Einsicht ist der beste Weg und funktioniert bei dem größeren Teil der Bevölkerung auch. Wer aber meint, mit Appellen erreiche man jeden, verwechselt Wunsch mit Realität. Wer sich angesichts von Gedankenlosigkeit und bewussten Verstößen erstaunt die Augen reibt, ist gefährlich naiv. Ist man auf flächendeckendes Einhalten demokratisch gefasster Beschlüsse angewiesen, wie bei Verordnungen und Gesetzen zum Schutz der Allgemeinheit und vor allem von Minderheiten, braucht unsere Gesellschaft darüber hinaus (leider) immer Kontrolle und Sanktionsmechanismen. Weil das bekannt ist, sollte darüber bei Verabschiedung automatisch zeitgleich mitentschieden werden, um nicht kostbare Zeit und Energie zu verschwenden und Schäden vorzubeugen. Das schränkt das Recht auf Meinungsfreiheit, Demonstration und Protest im Vorfeld oder im Nachhinein nicht ein. Appelle sind wichtig, aber eine konsequente Durchsetzung von Entscheidungen parallel dazu demokratische Notwendigkeit.

Uwe-Carsten Edeler, Hamburg

Politik macht es kompliziert

Japan zeigt, dass es ein wirksames Mittel gegen Covid-19 gibt: Maske tragen. Es ist unverständlich, dass die Politik erst jetzt die Maske in den Vordergrund stellt. Warum wird nicht schon seit Monaten ganz eindeutig gefordert, dass eine Maske Pflicht ist, wenn ein Abstand von 1,5 Metern nicht einzuhalten ist. (Kiez, Schanze etc., Demonstrationen) Diese Vorgabe sollte sowohl im Freien als auch in geschlossenen Räumen gelten. Dann könnten so unsinnige Vorschriften wie eine Begrenzung im Stadion auf 1000 Zuschauer und die Besetzung jeder zweiten Reihe und drei Plätze Abstand im Theater und Kino entfallen und auf einen Platz Abstand reduziert werden. Überall könnte die Auslastung verbessert werden, nur der Besucher muss auch auf seinem Platz eine Maske tragen. Einzig im Restaurant und nur während der Nahrungsaufnahme sollte die Masken-pflicht aufgehoben werden. Leider macht die Politik es gern kompliziert, stellt unsinnig Zahlenrelationen als Kriterium auf, anstatt Corona mit einer Maskenpflicht keine Chance zu geben.

Helmut Koppermann, Wedel

Einhalten der Regeln schützt

12. Oktober: ,Wir kommen in eine kritische Phase‘. Bürgermeister warnt und verkündet Maskenpflicht von heute an auf belebten Straßen und Plätzen

Mir fehlt bei den vielen Zahlen über Corona-Infektionen ein Vergleich zwischen der Zunahme der Corona-Tests und der Zunahme der erkannten Infektionsfälle im Laufe der Pandemie. Sollte sich dabei herausstellen, dass beide sich nahekommen, gewännen wir die erfreuliche Erkenntnis, dass Deutschland die erste Welle Anfang des Jahres verhältnismäßig glimpflich überstanden hat. Wäre die Zahl der Todesfälle zusätzlich noch gesunken, beweist dieses unser hervorragendes Gesundheitssystem. Dann kann der Bevölkerung auch klar gemacht werden, dass wir all dieses dem verantwortungsbewussten Handeln unserer Politiker zu verdanken haben und dass das Einhalten der Regeln zur Eindämmung der Pandemie uns wirklich schützt. Gute Nachrichten und Lob sind die besten Erziehungsmethoden. Wiederholt geäußerte Schreckensszenarien verlieren irgendwann ihre Wirkung.

Christiane Mielck-Retzdorff

Das ist Tüdelkram

Wenn Fachleute beschließen, dass das Tragen einer Maske hilfreich für mich und andere ist, dann Bitteschön. Aber mit einer Verordnung, die nur zu bestimmten Tagen, zu bestimmten Zeiten und zwischen bestimmten Hausnummern gilt, eine Pandemie einzugrenzen und vor allem, Akzeptanz in der Bevölkerung zu schaffen – herzlichen Glückwunsch denen, die sich diesen Tüdelkram aus- und erdacht haben. Man darf Äpfel mit Birnen nicht vergleichen, aber die Durchfahrtsbeschränkung für Dieselfahrzeuge in einigen Straßenabschnitten war auch schon fragwürdig, und jetzt nehme ich mir nicht nur einen Stadtplan zur Hand, wenn ich in die große Stadt möchte, sondern auch noch einen Beipackzettel des Senats, damit ich dann ja ab Hausnummer 21 wieder die Maske aufsetze. Mir tun nur die leid, die diese Regeln überwachen bzw. durchsetzen müssen.

Rüdiger Steffen, Hamburg

Aprilscherz?

Haben wir schon wieder den ersten April? Wenn nicht werde ich mir als brave Bürgerin die Karte unter das Kopfkissen legen, um mir die Hausnummern zu merken vor denen ich meine Maske ablegen kann!

Dr. Kristin Woywod, Prisdorf

Projekt kritisch überdenken

10./11. Oktober: „Schrankensystem am Friedhof startet mit Problemen. Anlage soll Durchgangsverkehr in Ohlsdorf verhindern.“

Die Fahrer/-innen von 5.000 bis 8.000 Autos pro Tag müssen sich nun also einen anderen Weg suchen, um von Bramfeld/Steilshoop nach Alsterdorf/ Fuhlsbüttel zu gelangen. Was bisher mit einer entspannten Fahrt bei fast gleichbleibendem Tempo über das weitläufige Gelände des Friedhofs möglich war, verlagert sich nun also auf die Nebenstraßen in reinen Wohngebieten. Dort mit Staus auf den teilweise stark beparkten Straßen, mit Abbremsen, Beschleunigen und die Sicherheit auf den Schulwegen massiv beeinträchtigend. Erhöhter Kraftstoffverbrauch, Abgaswerte und Feinstaubbelastung in diesen reinen Wohngebieten sind die Folge sowie eine starke Gefährdung der radfahrenden Schulkinder. Vielleicht sollten die Verantwortlichen dieses (nur) gut gemeintes Projekt kritisch überdenken.

Mathias Pregartbauer

Nicht die einzige Bedrohung

10./11. Oktober: „Merkels Appell an die Jugend. Kanzlerin sieht Deutschland an einem kritischen Punkt der Pandemie – und kündigt neue Schutzmaßnahmen für die Metropolen an“

Die Kanzlerin und alle Regierungschefs gehen mit ihren Appellen davon aus, dass unser Verhalten das Infektionsgeschehen wesentlich beeinflusst. Diese naive Selbstüberschätzung wurde gestützt durch die Einführung der Beschränkungen zu einem Zeitpunkt, als die Infektionszahlen bereits am Sinken waren. Und politisch ist es verständlich, dass man seinen Maßnahmen eine wesentliche Wirkung zuschreibt. Aber in den vergangenen Jahrzehnten ließen die Erkältungs- und Grippeerkrankungen immer im Frühjahr nach, ohne je ganz zu verschwinden und wurden im Herbst wieder mehr, um im Winter heftig zu werden. Genau diesen Effekt beobachten wir jetzt. Und vor Ende März werden die Infektionszahlen nicht sinken. Wenn jetzt die vereinbarten strengeren Beschränkungen wieder in Gang gesetzt werden, sobald festgelegte Grenzwerte überschritten werden, dürften wir hohe Kosten dafür tragen, die sich nicht nur in wirtschaftlichen Schäden und Schulden niederschlagen, sondern auch in Leid, Krankheit und Tod. Ich appelliere an die Kanzlerin und alle Minister und Entscheidungsträger, diese Effekte mit zu bedenken. SARS-Co-2 kann schwere Erkrankungen hervorrufen, aber es ist nicht die einzige Bedrohung.

Dr. Sybille Axt, Ärztin

Sorge vor erneutem Lockdown

Völlig zu Recht appelliert Frau Merkel an die Jugend. Ein wichtiges Argument hat sie allerdings übersehen, denn es scheint, dass es bei der Jugend keine besondere Einsicht in die Wirkungen ihrer Infektion auf andere Teile der Bevölkerung gibt. Aber sie sollte sich selbst schützen, nicht nur, weil sie auch gesundheitlich mit Langzeitfolgen betroffen sein kann. Viel wichtiger sollte der jungen Bevölkerung sein, dass sie ihre Arbeitsplätze erhält. Denn ein sehr wahrscheinlicher erneuter Lockdown bei weiter erhöhten Zahlen wird eben doch die Kitas, Schulen und den Handel und in Folge auch andere Wirtschaftsbereiche treffen. Diese Erfahrung haben wir gemacht, und die wirtschaftliche Beeinträchtigung kann nicht durch Kurzarbeitergeld aufgefangen werden.

Manfred Stöckling

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