Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 2. September 2020

| Lesedauer: 8 Minuten

Hamburg bleibt Provinz

1. September: „Wohnungen auf dem Messegelände? Corona setzt der Veranstalterbranche massiv zu. Nun wird über neue Konzepte und Alternativen diskutiert“

Ein derartig großes Messegelände mitten in der Stadt ist völlig überholt und ein weiterer Beweis für die Unfähigkeit einer sinnvollen und ganzheitlichen Stadtplanung. Man hätte, wie z.B. in München, den Flughafen außerhalb der City neu bauen und die Messe nach Fuhlsbüttel verlegen können. Ein Autobahnring zur Vermeidung von unnötigem Durchgangsverkehr fehlt bis heute. Die strukturellen Defizite eines kümmerlichen ÖPNV mit einem in der ganzen Stadt fehlenden leistungsfähigen Straßenbahnsystem sind für eine perspektivische Zwei-Millionen-Stadt unwürdig. Die dauerhafte und einseitige Bevorzugung eines kaum reglementierten Individualverkehrs ist ein „Verkehrskonzept“ der 50er-Jahre. Hamburg bleibt Provinz, denn weder ein paar neue Fahrradwege noch fragwürdige und absurd teure U-Bahn-Ideen ändern daran nichts.

Jens Ode

Auch die Radfahrer schulen

1. September: „Radler überholen? Nur mit Abstand. Mindestens 1,5 Meter müssen es sein. Neuauflage der „8samkeits“-Kampagne“

Alles schön und gut: 1,5 Meter Abstand, aber ist das auch den Radfahrern bekannt? Ich erlebe immer wieder, dass ich korrekt den Radfahrer überhole und dieser sich dann an der nächsten Ampel „stramm“ rechts neben meinem Außenspiegel hinstellt. Vielleicht sollten auch die Radfahrer „geschult“ werden?

Annemarie Mehr

Radler haben nicht nur Rechte

Der Artikel ist richtig und wichtig, nur leider einseitig: Die Herren Tjarks und Grote fordern mal wieder ein Umdenken und -handeln der Autofahrer bezüglich des seitlichen Abstandes bei Überholmanövern bzw. Geduld, falls die 1,5 Meter nicht eingehalten werden können. Gut, ich bin auch Radfahrer. Aber: Wer moniert das Verhalten von Radfahrern, die gern nebeneinander und damit oft über die Markierungen hinaus fahren oder sogar im stockenden Verkehr Autos links überholen? Alle Verkehrsteilnehmer haben Rechte und Pflichten.

Joachim Klopsch

Starre Maskenpflicht aufheben

31. August: „,Angriff auf das Herz unserer Demokratie‘. Entsetzen in Berlin: Rechtsex­treme versuchen, Bundestag zu stürmen“

Die Politiker üben sich in Empörungsrhetorik gegen Reichsbürger, die versucht haben, den Reichstag zu stürmen. Klar, das war widerlich und peinlich. Aber damit müssen sich die Ordnungskräfte auseinandersetzen. Diese kleine Demo von Durchgeknallten am Rande der großen Anti-Corona-Demo war angekündigt und hätte rechtzeitig von der Polizei eingegrenzt werden müssen. Eine Bedrohung der Demokratie kann ich in dieser Aktion nicht erkennen. Eine Bedrohung der Demokratie kann sich aber ergeben, wenn nach wie vor die friedlichen Demonstranten der großen Demo mit den Reichsbürgern in einen Topf geworfen und politisch nur auf sie eingedroschen wird. Ja, in dieser Demonstration haben sich einige politisch Verwirrte getummelt. Vereinzelt sah man Reichsbürger-Flaggen. Der Anteil an Impfgegnern und Anthroposophen war vermutlich hoch. Wer aber den Live-stream der Demonstration länger aufmerksam verfolgt hat, musste zu dem Schluss kommen, dass die überwiegende Zahl von Demonstranten einfach friedlich für ihr Anliegen demonstrieren wollte. Ich stimme mit diesen Demonstranten in manchem nicht überein und bin kein Impfgegner. Jedoch muss ich sagen, dass die Bewegung Querdenker 711 in einem Punkt Recht hat: Das Infektionsgeschehen ist heute ein völlig anderes als im März oder April. Die Infektionszahlen sind wieder gestiegen, aber es gibt wenig schwere Verläufe, kaum Tote. Die massenhaft geschaffenen Intensivbetten bleiben leer. Klar: Jeder Tote ist einer zuviel, aber bei derart geringen Zahlen muss man die Verhältnismäßigkeit des politischen Gesamtkonzepts hinterfragen. Ziel der Politik sollte es weiterhin sein, Zustände wie im März und April, und eine Überlastung der medizinischen Kapazitäten, zu verhindern. Davon sind wir aber weit entfernt. In dieser Situation sollte man fragen, ob die Politik der maximalen Vorsicht, auch rhetorisch, so aufrechterhalten werden sollte. Wäre es jetzt nicht Zeit, rhetorisch und politisch auf die Anliegen der Querdenker 711 zuzugehen? Und zu fragen, ob man durch eine deutliche Empfehlung zum Tragen der Maske, überall dort, wo die Abstände nicht eingehalten werden können, nicht ungefähr zum selben Ergebnis kommen würde wie durch die starre Maskenpflicht?

Ludwig Paul, Hamburg

Verwaltung vor Kreativität

29./30. August: „Wird Karstadt Wandsbek zum Wohnhaus? Nach Schließung stehen 28.000 Quadratmeter leer. Eigentümer prüft auch eine Erweiterung des Einkaufszentrums Quarree. Dahinter könnte eine neue Markthalle entstehen“

Es geht um einen Kernstandort, um das Herz von Wandsbeks Kerngebiet, um das in Kürze leerstehende bisherige Kaufhaus Karstadt. Es geht um die Zukunft, Attraktivität und Lebensfähigkeit des Wandsbeker Quarree und hier vor allem der Einzelhändler. Es geht um Lebensqualität vor Ort und Arbeitsplätze vor allem für die bisherigen Mitarbeiter aus dem Kaufhaus, also Arbeitsplätze im Bereich Einzelhandel. Und was fordert die SPD? Ein Denkverbot. Und Verwaltung geht vor Kreativität. Es ist im Gegenteil sinnvoll, sich so viele Gedanken wie möglich zu machen, um letztlich das Beste für den Standort, die künftigen Mieter, die Bürger, die Geschäftsleute im Quarree und die Marktbeschicker auf dem Wochenmarkt zu erreichen und den Eigentümern Ideen zu vermitteln, wieviel Lebensqualität in dieses zentrale und vom Denkmalschutz betrachtete Gebäude gebracht werden könnte. Und dann bei einem attraktiven Ergebnis aus Bürger-Anregungen, das auch den Eigentümern gefällt, diese durch die Verwaltung mit notwendigen Maßnahmen zu unterstützen. Jedem Ende wohnt ein Anfang inne – und der ist jetzt. Auch ein Anfang für Perspektiven. Denkverbote und ein „Füße still halten“ sind das Letzte, was Standort und schon bald ehemalige Mitarbeiter jetzt brauchen.

Birgit Wolff

Brillant beschrieben

28. August: „Der Mann, der das Publikum zur Ekstase trieb Saxofonist Charlie Parker wäre an diesem Sonnabend 100 Jahre alt geworden. Eine Erinnerung an ein tragisches Genie“

Ich habe in meinem Leben selten – wenn überhaupt – einen so hervorragenden Artikel über das Wesen des Jazz unter Einbeziehung der Vita des Saxofonisten Charlie Parker lesen dürfen. In knappen Worten – und das ist schon eine Kunst für sich – werden Tiefe, Wärme und Ehrlichkeit dieser Musik brillant beschrieben. Danke an den Autor und ein großes Kompliment.

Claus Winkelmann

Stress und Versagensängste

31. August: „Die sensible Generation. Eine Studie ergab: Die Kinder von heute sind empfindsam wie nie. Aber: Sie sind auch solidarisch – und klug“

Datenerhebung ist das eine, deren Auswertung und Schlussfolgerungen das andere. Will man der vorgelegten Studie bzw. der Berichterstattung über sie Glauben schenken, ist es bestens um „die Kinder von heute“ bestellt. „Empfindsam wie nie“ sind sie, „solidarisch und klug“, können „ihr Befinden sehr genau einschätzen und artikulieren“ sowie „sich heutzutage bestens selbst reflektieren“. Es macht folglich mit ihnen „richtig Spaß“, denn es ist so, „als spricht man mit Erwachsenen“. Dass jedes achte Kind bereits Erfahrungen mit Mobbing hat, dass Empfindsamkeit und Selbstreflexion die Schwestern des Egoismus sind, dass es verbreitet Stress- und Versagensängste gibt und schon im Kindesalter die Furcht existiert, nicht den „Lebensstandard der Eltern halten“ zu können, wird dagegen eher beiläufig erwähnt, denn der grassierenden „Psychologisierung“ des Kinderalltags durch die ach so verständnisvollen Eltern und das Heer sonstiger „Experten“ wird absolute Priorität eingeräumt.

Ulrich Reppenhagen

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Leserbriefe