Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 2. Juli 2020

Fehler machen, ist menschlich

1. Juli: Tschentscher hält zu Grote – für die CDU ein ,Persilschein‘

Okay, Grote hat einen Fehler gemacht, aber er hat sich dafür entschuldigt. Können wir es jetzt bitte mal gut sein lassen? Fehler machen, ist menschlich. Dazu kommt, dass in dem Wirrwarr der Coronaregeln wohl niemand sicher sein kann, dass er sich immer regelkonform verhält.

Kerstin Ohlsen, Buchholz

Wer ohne Sünde ...

Andy Grote hat einen Fehler gemacht, zumindest war es ungeschickt bis unpassend, in Corona-Zeiten zum Umtrunk zu laden. Er hat sich entschuldigt und er hat seine Lektion bestimmt gelernt. Aus dieser Maus einen Elefanten zu machen, ist aber recht provinziell und der Weltstadt Hamburg wenig angemessen. Diese Weltstadt drückte auch häufig beide Augen zu, wenn sich Helmut Schmidt eine Menthol-Zigarette anzündete. Wir alle machen Fehler, wenn wir aber wegen jeden Fehlers unseren Job verlieren würden, wäre das Geschrei groß. Hamburg sollte sich freuen, dass sich Männer wie Andy Grote um schwierige Aufgaben in turbulenten Zeiten kümmern. Andy Grote könnte – in gleicher Höhe wie die Rechnung für den Umtrunk – für eine karitative Einrichtung spenden, und die Gäste könnten allesamt ordentlich was drauflegen und gut ist. Ansonsten gilt: „Wer ohne Sünde ...“.

Walter R. Wiebold, Elmshorn

Ein Wink des Schicksals?

30. Juni: Naturkundemuseum an der Mönckebergstraße? Ausstellungshaus könnte dort stehen, wo durch Schließung von Karstadt Sports und Kaufhof ein Leerstand zu befürchten ist

Das alte Naturkundemuseum befand sich bis zur Zerstörung 1943 auf dem Gelände des heutigen Saturn-Kaufhauses am Kopf der Mönckebergstraße. Vielleicht ist es ja ein Wink des Schicksals, dass jetzt Galeria Kaufhof schließen soll. Die Mönckebergstraße verliert zwei große Kaufhäuser und braucht einen neuen Publikumsmagneten. Das Galeria-Haus bietet für ein neues Museum alles: ein attraktives Gebäude in sehr zentraler Lage, sehr große Ausstellungsflächen, behindertengerechte Zugänge durch Rolltreppen und Fahrstühle und fast den historischen Standort des ehemaligen Museums. Was will man mehr? Die Stadt sollte hier dringend zugreifen und ein Zeichen zur Neubelebung der Mönckebergstraße setzen. Und wenn das Haus zu groß ist, wäre dort sicher auch ein guter Platz für eine zentrale Touristeninformation. So eine Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder.

Richard Lutz

Der Dank der Kaufmannschaft

29. Juni: Was wird aus Hamburgs Bismarck? Kritiker fordern Sanierungsstopp des Denkmals

Für mich ist es irritierend zu lesen, dass offenbar das Hamburger Bismarck-Denkmal mit dem damals beginnenden Kolonialismus in Verbindung gebracht wird. Historisch ist belegt, dass gerade Bismarck Bedenken hatte, nach Kolonien zu streben. Das Denkmal ist vielmehr dem Dank der Hamburger Kaufmannschaft für Bismarcks Unterstützung bei der Lösung des Zoll-Streits bei der Gründung des neuen Deutschen Reiches geschuldet: die Einrichtung des Freihafens in Hamburg. Nur mit dieser zollfreien Zone im Hamburger Hafen konnte auch Hamburg sich dem neuen, einheitlichen Zollgebiet in Deutschland anschließen.

Joachim Finn, Hamburg-Eppendorf

Kritische Mitarbeiter stören

30. Juni: ,Neue Dimension‘ von Rechtsextremismus. Das KSK, die Elitetruppe der Soldaten, ist zur Skandalzone der Bundeswehr geworden

Ignorieren, Aussitzen und Totschweigen statt Aufklärung ist kein Alleinstellungsmerkmal der Bundeswehr. Es ist ein Strukturproblem aller lernunwilligen Großorganisationen. Kritisch differenzierte Mitarbeiter stören die Routine und den Frieden. Für das Aufzeigen von internen Mängeln und Problemen gilt hier offensichtlich unverändert die Feststellung von Kurt Tucholsky: „In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.“ Gelangen dann auch noch Informationen in die Öffentlichkeit, hat das für den Mitarbeiter ein Ende der Karriere zur Folge. Allein der Verdacht illoyal und „Nestbeschmutzer“ zu sein, ist ausreichend, um unter intensive Beobachtung gestellt und in der Gerüchteküche zermürbt zu werden. Der Bundestagsabgeordnete Heinrich Graf von Einsiedel stellte dazu im Untersuchungsausschuss am 11.02.98 treffend fest: „ … man weiß ja nicht so genau, ob es ein Glück oder ein Unglück ist, ob man politisch aufgeklärter ist als die Armee, in der man gerade dient, oder als ein Teil der Kameraden, mit denen man dient …“ Und da beginnt dann der fatale Teufelskreis: Welcher junge aufgeklärte Mensch hat denn dann Lust auf eine solche Firma?

Jörg Barandat

Das Ziel: Neuaufbau

30. Juni: Der HSV schafft sie alle

Der HSV und sein Umfeld müssten ehrlich zu sich selbst sein. Es wird immer so getan, als sei der HSV ein gefühlter Bundesligaverein. Er ist aber nur ein pomadiger Zweitligaclub. Was hätte der Club in der Relegation oder gar in der ersten Liga mit dieser uninspirierten Zum-Torwart-Rückspiel-Weise zu suchen gehabt und bewegen wollen? Die Verantwortlichen sollten nicht den Aufstieg, sondern einen systematischen Neuaufbau zum Ziel haben.

Hans-G. Heide, Meldorf

Identifikationsfigur Hecking

30. Juni: Der HSV setzt auf den Anti-HSV-Weg. Nachdem die Spieler am Montag verabschiedet wurden, betonte Sportchef Boldt, trotz des Debakels mit Trainer Hecking weitermachen zu wollen

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Mannschaft des HSV in der abgelaufenen Saison fast vollständig neu zusammengestellt und mit diversen, nur bis zum Saisonende, ausgeliehenen Spielern bestückt war. Zunächst hat das funktioniert, der HSV hat die Hinrunde ganz gut absolviert. Allerdings war die Saison lang und ungewöhnlich holperig. Coronaunterbrechung und Geisterspiele sind ja nicht normal und wenn dann, um es mit Hecking zu sagen, auch noch „Fortune“ fehlt … Es ist keine neue Fußballerkenntnis, dass eine erfolgreiche Mannschaft gewachsene Strukturen und Hierarchien braucht. Erst dann entsteht die notwendige Sicherheit, um an Krisen nicht zu scheitern. Um dahin zu kommen, war die Spielzeit zu kurz. Jedenfalls scheint mir die unglückliche Entwicklung absolut erklär- und nachvollziehbar, ohne dass man dem Trainer die Schuld geben muss. Ich finde, dass es Dieter Hecking unter den gegebenen Umständen schon ziemlich gut gemacht hat, dass er zu einer Identifikationsfigur des HSV geworden ist, wie lange kein Trainer vor ihm und würde es sehr begrüßen, wenn er zumindest ein weiteres Jahr bliebe.

Ulrich Kolitschus, Hamburg-Sülldorf

Betriebsstrom ist nicht „grün“

27./28. Juni: Eine neue Vision für Hamburg. Die Wasserstoffwirtschaft soll die Hansestadt in die Zukunft tragen. Senator Michael Westhagemann plant die Ökonomie von morgen

Immer öfter liest man den Begriff „grüner Wasserstoff“ und glaubt bereitwillig, er würde aus reinem Windstrom erzeugt. Windstrom fällt aber unplanbar und sehr unregelmäßig an. Elektrolysatoren benötigen aber gleichmäßig starken und unterbrechungsfreien Strom. Deshalb wird der Betriebsstrom aus dem allgemeinen Netz gezogen. Wie auch sonst? Da es kein separates Netz für Windstrom/PV-Strom gibt, wird auch dieser ins allgemeine Netz eingespeist. Nur separat kann er nicht wieder herausgefiltert werden. Heraus kommt immer Strom mit dem allgemeinen Strommix. Dem Begriff „grün“ kommt man am nächsten, wenn im Jahressaldo genauso viel Strom für die Elektrolyse entnommen wird, wie Windstrom eingespeist wurde. Nur echt „grün“ ist er deswegen nicht. Er wird deswegen auch „rechnerisch grün“ genannt. Das genügt den meisten und enthebt, einmal ins Physikbuch zu schauen.

Dr. Ing. Friedrich Weinhold