Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 6. Mai 2020

Sind alle mündige Bürger?

2./3. Mai: Das Corona-Wirrwarr: Was ist denn nun richtig? Die wissenschaftlichen und politischen Ableitungen aus den Zahlen der Krise ändern sich ständig. Folge: Die Verunsicherung steigt. Ein Debattenbeitrag

Breite Begeisterung der Leser für Lars Haiders erläuternden Artikel – und immer wieder die Feststellung, dass die mündigen Bürger sich bevormundet und gegängelt fühlen. Ein paar Seiten dahinter liest man dann im Hamburg-Teil vom Autofahrer, der die geschlossene Halbschranke vor der Kattwykbrücke umfährt und mit einem Güterzug kollidiert, sowie von drei Unbekannten, die die Tankstelle Stillhorn-West überfallen und Zigarettenschachteln erbeuten. Sind diese Mitbürger auch mündig? Wenn ja, gehen die mit Abstandsregeln, Maskentragepflicht und Husten-/Nieshygiene genauso mündig um wie bei den in den Artikeln beschriebenen intellektuellen Höchstleistungen?

Mario Sagasser

Mehr testen für Datenbasis

Längst war ein differenzierter Blick auf das Geschehen und die Zahlenakrobatik des Robert-Koch-Instituts überfällig. Sie schreiben: „Wahrscheinlich sind in unserem Land und in der ganzen Welt noch nie so weitreichende Entscheidungen für Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie auf einer derart schwachen Datenbasis getroffen worden.“ Vielleicht ist das naiv gedacht (wir sind keine Virologen), aber wir fragen uns: Warum sorgen wir dann nicht für eine aussagekräftige Datenbasis? Bevor wir weitere Milliarden in Hilfsprogramme und Impfstoffe investieren, wäre es nicht sinnvoller, eine repräsentative Anzahl an Hamburgern einfach mal zu testen? Vielleicht kommen wir so auf relativ kostengünstigem Weg zu der Erkenntnis, dass viele bereits gegen das Virus immun sind, da sie keine oder nur schwache Symptome hatten. Es gibt doch kaum jemanden, der in diesem Winter nicht mit einer Erkältung zu kämpfen hatte. Niemand mit leichtem Verlauf weiß, ob er schon mit dem Virus infiziert war oder nicht. Auch wenn dies nur eine geringe Chance sein mag: Bevor wir weiterhin zusehen müssen, wie wir täglich mehr Menschen unverschuldet ihrer Existenz und Lebensgrundlage berauben, wäre dies doch einen Versuch wert? Wir wüssten endlich, welche Maßnahmen angemessen sind, und das Verständnis und die Akzeptanz in der Bevölkerung würden exponentiell wachsen, da endlich auf einer soliden Datenbasis Entscheidungen getroffen werden können.

Anja Dejoks und Wolfgang Kobrow

Vollmacht in Krisenzeiten

Ein wesentliches Problem, das zur Verunsicherung der Bürger beiträgt, sind die uneinheitlichen Regelungen nicht nur in den einzelnen Bundesländern, sondern sogar in einzelnen Landkreisen. Es wäre an der Zeit, für den Fall einer solchen bundesweiten Katastrophe wie der Covid-19-Pandemie Gesetze zu schaffen, die der Bundesregierung alleinige Handlungsvollmachten geben, ohne auf Länderrechte Rücksicht nehmen zu müssen. Dann müsste auch nicht auf die Befindlichkeiten einzelner Ministerpräsidenten Rücksicht genommen werden. Es würden bundesweit dieselben Regeln gelten. Das mag für die einen oder anderen unangenehm sein, aber dafür weiß jeder, woran er ist.

Dieter Krogh

Instinkte gehen verloren

Ich bin Fachärztin für Allgemeinmedizin, niedergelassen auf dem Lande im Randgebiet von Hamburg. Ich habe einen sehr guten Überblick darüber bekommen, wie es an der hausärztlichen Front aussieht. Ich sitze seit Jahren am anderen Ende der kassenärztlichen Notdienstnummer 116 117. Seit März gibt es auf dieser Leitung zusätzlich eine zweite Dienstreihe, die sogenannte Corona-Hotline. Ich höre mir dort und in der Praxis täglich die Sorgen und Nöte der Patienten an. Es ist erschreckend, wie in kurzer Zeit existenzielle Ängste um die eigene Gesundheit, die der Kinder und Angehörigen entstanden sind. Die Menschen scheinen sämtliche Instinkte und Eigenverantwortung verloren zu haben. So trauen sich viele auf einmal nicht mehr zu, zu entscheiden, welcher Tee für eine Magenverstimmung gut ist oder ob das altbewährte Schmerzmittel für Kopfschmerzen noch das richtige sei. Einen bedenklichen Fall möchte ich exemplarisch für viele andere darstellen: Nachts meldete sich ein verzweifelter Mann. Sein Blutdruck war aufgrund einer erheblichen Stressbelastung entgleist. Die Ursache dafür sei, dass seine 50-jährige Ehefrau in einem Krankenhaus im Sterben liege und er sie dort wegen Quarantänemaßnahmen nicht besuchen dürfe. Er fürchtete, seine Frau erst als Tote wiedersehen zu können. Weiterhin melden sich psychovegetativ entgleiste Mütter, die ohne Perspektive auf Besserung ihre quengeligen Kinder neben Homeoffice und Haushalt zu betreuen haben, außerdem vor der Insolvenz stehende Menschen, die kaum noch Luft bekommen ob ihrer wirtschaftlichen Lage, und von der Familie getrennte Bewohner von Altenheimen. Die physischen, psychischen und teils letalen Kollateralschäden dieser momentanen Politik werden wir erst später in ihrem Ausmaß erfassen. Auch noch nach Jahren werden wir die Folgen spüren. Sie werden genauso schlecht statistisch zu ermitteln sein wie der Erfolg und die Sinnhaftigkeit der momentanen Restriktionen.

Dr. Kristin Woywod

Mit der Unsicherheit leben

Wir müssen wieder lernen, mit Unsicherheit umzugehen. Am besten erklärt das der junge italienische Schriftsteller (und Physiker) Paolo Giordano: „Jeder der Experten gibt uns ein Teil eines Puzzles­, das wir dann zusammensetzen. Aber das Schwierige ist dabei: Wir haben keine Vorlage. Normalerweise schauen wir beim Puzzeln auf das Bild auf der Verpackung, aber dieses Mal haben wir kein Bild. Wir haben nur die einzelnen Puzzleteile.“ Jetzt ist keine Zeit für Besserwisserei à la Lindner & Co. Wir müssen jetzt Unsicherheiten aushalten und das Beste aus dem machen, was ist. Auf uns und auf die anderen achten. Wach bleiben und übermorgen vielleicht anders denken als heute. Das nennt man auch Lernen ...

Andrea Herzog

Mehr Demut wäre angebracht

Können wir wirklich von Verwirrung der Bevölkerung sprechen? Vielleicht ist es eher die immer stärker aufkommende Ungeduld, die innere Unruhe und die große Lust auf das „normale“ Leben, was uns so nervös macht. Oder beginnt der Glaube in die richtigen und wohlüberlegten, alles abwägenden Entscheidungen der Politik zu schwinden? Alles öffnet sich häppchenweise. Mittlerweile streiten die Kaufhäuser um ihr „Recht“, öffnen die Kitas, die Schulen, die Fabriken. Aber – dank unseres Föderalismus – sehr differenziert und einheitlich uneinheitlich. Der Blick in unsere europäischen Nachbarstaaten, in die USA müssten uns demütiger reagieren lassen. Die Ignoranz der dortigen Politik, die verspäteten Reaktionen der Entscheider und die sich daraus ergebenen Konsequenzen müssten uns eigentlich nachdenklicher stimmen. Ob ich verwirrt bin? Nein.

Gerhard Frerker

Souveräne Bundesregierung

Die Bundesregierung hat uns bis jetzt souverän durch diese Krise geführt. Leider sind wenige Menschen dankbar dafür und wollen jetzt zu schnell Lockerungen. Das könnte danebengehen. Deshalb ist die Vorsicht, die die Bundesregierung an den Tag legt, genau das, was wir benötigen. Auch wenn es uns wirtschaftlich nicht gut geht – es geht uns immer noch besser als den meisten Menschen in anderen Ländern. Ich würde mir wünschen, dass es mehr gewürdigt würde, wie viel Geld die Bundesregierung in die Hand nimmt, um die Menschen zu unterstützen. Aber leider wollen auch da alle immer noch mehr. Es gibt viele schreckliche Schicksale, aber teilweise ist das auch von den Menschen selbst verschuldet, wenn sie bis an ihr finanzielles Limit leben und keine Rücklagen bilden. Und der Staat soll alles richten. Tatsächlich aber sollte der Einzelne selbst etwas tun und vor allen Dingen akzeptieren, dass bis zur Impfung die Abstandsregelung gilt. Anders wird ein Leben bis dahin nicht möglich sein, ohne uns selbst und andere zu gefährden. Also, der Staat hat alles – den Umständen gemäß – im Griff. Allerdings sollten die Bürger begreifen, dass sie ihr Verhalten wirklich der Situation anpassen und versuchen müssen, das Beste aus dieser Situation zu machen.

Margret Sauer