Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 14. Mai 2020

Isolation macht lebensmüde

13. Mai: Was in Hamburg wieder erlaubt ist – und was nicht

Mit Empörung habe ich gerade die „Lockerungen“ der Besuchsregelung in Hamburger Pflegeheimen zur Kenntnis genommen. Es ist entsetzlich, was dort geschieht. Eine Stunde Besuch in der Woche ist von nun an gestattet. Das ist immer noch Isolationshaft. Nicht auszuhalten für meinen Vater. Er wird depressiv, lebensmüde, die Demenz schreitet voran. Das ist nicht mehr tolerierbar. Sein langsames emotionales Sterben taucht in keiner Coronastatistik auf, ist aber nicht weniger wesentlich. Es ist einfach würdelos, wie das Selbstbestimmungsrecht der alten Menschen ignoriert wird.

Michael Meiffert

Schlachthof: hart durchgreifen

13. Mai: Schlachthof als Corona-Hotspot. Der Ausbruch in Bad Bramstedt wirft ein Schlaglicht auf prekäre Arbeitsverhältnisse in der Fleischbranche

TV-Magazine haben die miserable Haltung von Tier und Mensch in der Fleischindustrie seit Jahren aufgedeckt und angeprangert. Beides wird für die Massenproduktion von Billigfleisch in Kauf genommen. Die Lebensbedingungen von Mensch und Vieh schreien vielerorts zum Himmel, doch die Bundespolitik scheint auf diesem Auge blind zu sein. Die geschilderten Wohnbedingungen gerade der osteuropäischen Schlachtarbeiter widersprechen jeglichen Regeln zur Corona-Prävention, so wundert das gehäufte Auftreten der Infektionen dort nicht. Wenigstens die Kreis- und Landesbehörden werden nun hoffentlich hart und nachhaltig durchgreifen. Ich kann nur froh und stolz darauf sein, dass sich mein Nachwuchs im Jugendalter längst mit fleischloser Ernährung durchgesetzt hat.

Johannes Zink, Norderstedt

Essensreste für die Krähen

12. Mai: Corona sorgt für Rattenplage in Hamburg. Schädlingsbekämpfer verzeichnen deutlich mehr Aufträge. Hygieneinstitut sieht eine ,veränderte Wahrnehmung‘ der Menschen im Homeoffice

Bei geschlossener Außengastronomie bieten die Restaurants, Bäcker und Eisdielen ja jetzt auch vermehrt Speisen „außer Haus“ an. Mit dem Ergebnis, dass vor allem an Wochenenden und bei schönem Wetter die Speisen auf den anliegenden Mäuerchen und anderen Sitzgelegenheiten verzehrt und die Reste und Verpackungen in den verschiedenen Abfallbehältern entsorgt werden. Dort werden sie dann flugs von den Krähen herausgeholt, in der Gegend verteilt und den Ratten dann überlassen.

Monika Malchau

Großartige Nachricht

12. Mai: Hamburgs Bühnen hoffen und planen neu. Ein Teil der Corona-Soforthilfen der Kulturbehörde für etwa 30 Privattheater ist bereits geflossen. Ohne städtisches Geld droht dem First Stage das Aus

Für Menschen, wie mein Mann und mich, die sehr rege am Hamburger Kulturleben teilnehmen und in den letzten Wochen schon mehrmals auf Theater, Konzerte usw. verzichten mussten, ist die heutige Nachricht großartig! Auch wenn die Theater wegen der Hygiene-Vorschriften ihr Angebot stark reduzieren müssen, besteht zumindest die Hoffnung, bald einmal wieder ein Theater besuchen zu können. Dass ein Teil der Corona-Soforthilfen bereits geflossen ist und von den Theatern erhalten wurde, ist eine sehr gute Nachricht. Leider las ich auch, dass kleinere Theater ohne staatliche Hilfe aufgeben müssten, was uns sehr traurig stimmt. Diese Hilfe ist für das First Stage Theater z. B. „noch in der Prüfung“. Von Anfang an sind wir große Fans dieses Theaters und wurden noch nie enttäuscht. Jeder, der einmal die jährliche Weihnachtsshow erlebt hat, wird mir zustimmen. Es ist jedesmal eine große Freude, den jungen Menschen zuzuschauen, die engagiert, begeistert und mit großem Talent auf ihrer eigenen Bühne, zum Teil mit eigenen Choreographien, stehen und sich entwickeln dürfen. Für sie eine einmalige Gelegenheit, das Gelernte gleich in die Praxis umzusetzen. Das tun sie mit der größten Freude und dem größten Engagement. Nicht nur deswegen wäre es tragisch, und ein großer Verlust für Hamburg, wenn ein so wunderbares kleines Theater, das bislang absolut ohne Subventionen ausgekommen ist, jetzt keine Hilfe bekäme. Ich habe bisher noch nie erlebt, dass das First Stage Theater nicht ausgebucht gewesen wäre. Wir haben bereits für die Monate Juni, Juli, Dezember und für unseren Silvesterabend Tickets gekauft und wären überglücklich zu erfahren, dass dem First Stage Theater geholfen wird und wir (und bestimmt auch viele Hamburgerinnen und Hamburger) weiterhin diese wunderbare kleine Bühne erleben dürften.

Karin Schramm

Industrieholz selbst nutzen

13. Mai: Idee: Hamburg will Biomasse aus Namibia verfeuern

Schon die Überschrift macht mich sprachlos, ich will es einfach nicht glauben: Wir wollen Biomasse aus dem über 8000 Kilometer entfernten Namibia importieren, um es hier in Energie umzuwandeln? Und das soll eine positive Energiebilanz haben? Kaum zu glauben… Unverständlich erst recht, wenn man weiß, dass derzeit das Industrieholz aus den Schadgebieten (Sturmholz, Borkenkäferkalamitäten) deutscher Wälder für Centbeträge nach Skandinavien transportiert wird, um dort in Energie umgewandelt zu werden! Auch hier darf die Frage nach der Energiebilanz gestellt werden. Warum führt man hier nicht erstmal das heimische Holz einer thermischen Nutzung zu, soweit dieses nicht stofflich benötigt wird? Für die Umwelt, dem Klima und letztlich der heimischen Forstwirtschaft ein Gewinn...

Stefan Schulz, Sauensiek

Plan ist nicht realisierbar

12. Mai: Sierichstraße wird zum Streitfall. Grün-Rot im Bezirk fordert mehr Platz für Radler. Senat sieht keinen Umbaubedarf

Die Idee, vor allem der Grünen, in der Sierichstraße/Herbert-Weichmann-Straße durch die Aufhebung des derzeitigen wechselnden Einbahnstraßenverkehrs mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger zu schaffen, ist eine irrige Annahme, die sich nicht realisieren lässt. Begründung: Wenn die Einbahnstraßenregelung aufgehoben wird, kann die jetzige Fahrbahn nicht geschmälert werden, denn nun braucht man ja ständig je Fahrtrichtung eine Fahrspur. Man gewinnt also für Radfahrer und Fußgänger keinen Platz. Und die derzeitige Straßenbreite lässt auch Fahrradstreifen auf der Fahrbahn nicht zu. Um auf diesem Straßenzug eine für alle Verkehrsteilnehmer befriedigendende Lösung anbieten zu können, benötigt man mehr Platz. Und den kann man erreichen, indem die Stadt Teile der Vorgärten aufkauft oder alle Bäume fällt (ich höre schon den berechtigten Aufschrei), um mehr Platz für ausreichend breite Rad- und Fußwege zu schaffen. Man darf nicht vergessen, dass alle diese Straßen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt wurden, als sie für die damaligen Verkehrsverhältnisse mehr als ausreichend waren. Es fehlt leider auf der ganzen Streckenlänge eine parallel verlaufende Straße, dann könnte die eine Einbahnstraße in Richtung Innenstadt sein und die andere stadtauswärts.

Gerhard Schultz

Wortkarge Verkäuferinnen

12. Mai: ,Es ist eine Frage von Tagen, wer das durchhalten kann‘. ,Entscheider treffen Haider‘ – heute mit City Managerin Brigitte Engler, deren Innenstadt durch schwere Zeiten geht

Entweder kann oder will die City Managerin Brigitte Engler das Hauptproblem Maskenpflicht nicht erkennen. Die wenigen Kunden, die noch Lust haben, in der City zu shoppen, tragen diszipliniert Masken, weil sie ansonsten die Geschäfte nicht betreten dürften. Und das bedauernswerte Verkaufspersonal muss diese Virenschleudern den ganzen Tag tragen, wenn es nicht den Job verlieren will. Seit der Maskenpflicht reduziere ich meine Einkäufe in meinem Stadtteil auf das Nötigste. Wenn auch der gewohnte, nette Smalltalk mit nunmehr maskierten Mitarbeitern entfällt, weil diese nur noch wortkarg und sichtlich gereizt bedienen, wird das Lebensgefühl in Corona-Zeiten noch deprimierender.

Ingrid Lange