Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 8. Mai 2020

Tote werden nicht erwähnt

2./3. Mai: Das Corona-Wirrwarr: Was ist denn nun richtig? Die wissenschaftlichen und politischen Ableitungen aus den Zahlen der Krise ändern sich ständig. Folge: Die Verunsicherung steigt. Ein Debattenbeitrag und Ein Debattenbeitrag und Corona-Wirrwarr: Das sagen die Leser

Herr Haider hat in seinem Beitrag eine regelrechte Hexenjagd auf Virologen und Epidemiologen entfacht. Die Coronatoten existieren für ihn offensichtlich nicht, er erwähnt sie nicht einmal. Dabei stehen diese im Zentrum der Epidemiebekämpfung. Wenn sein Beitrag mehr als Meinungsmache gewesen wäre, hätte er zumindest gefragt, warum in so unterschiedlichen Ländern wie Südkorea, Taiwan, Vietnam, Australien, Neuseeland und Finnland die Verstorbenenzahlen, im Gegensatz zu Deutschland, so niedrig gehalten werden konnten.

Dr. Rainer Götz

Riskante Lockerungen

Während sämtliche medizinischen Fachkräfte vor einem vorzeitigem Aufheben der Einschränkungen warnen, geben Politiker dem Druck der Wirtschaft und Teilen der Bevölkerung nach. Solange immer noch Todesfälle auf Grund von Covid-19 und ein Ansteigen der Infektionen beobachtet werden und keine Warn-App oder andere Messmöglichkeiten auf dem Markt sind, ist eine Rückkehr in den vorherigen Zustand unverantwortlich. Gerade einige Wirtschaftsbranchen, die noch vor Jahren Teile ihrer Produktionen in Billigländern ausgelagert haben und einen massiven Personalabbau betrieben haben, schreien heute nach finanziellen Hilfen auf Kosten der Steuerzahler. Sie sollten sich an die Personen des Managements, der Wirtschaftsvertreter und der Verbände wenden, die sich auf Grund dieser Tatsache erheblich bereichert haben. Sollte sich nach der Aufhebung der Einschränkungen eine zweite Welle der Pandemie ergeben, bin ich auf die rhetorische Argumentation der politischen Entscheidungsträger gespannt.

Jürgen Stauff, Hamburg

In Krisen muss man verzichten

Die meisten Bürger finden das Verhalten der Regierung richtig und hören sogar auf Virologen. Das stört Herrn Haider. Da muss doch was zu machen sein. Also zitiert man hier eine Halbwahrheit (R wird mal so und mal so berechnet), diskreditiert dort ein bisschen (Drosten widerspricht sich dauernd) oder stellt Fragen, auf die keiner dieser unfähigen Virologe kommt (Warum infizieren sich in einem Haushalt nur etwa 15 Prozent?). Herr Haider hat natürlich eine Antwort parat (Immunität gegen das Virus). Alternativ kann man auch einen Zeitgenossen zitieren, der laute Töne bevorzugt (Kubicki). Krisen sind schwierig. Auch weil man da mitunter zurückstecken und sich einordnen muss (zwei Meter Abstand). Es gibt zum Glück viele, die das können. Herr Haider und Herr Kubicki gehören nicht dazu.

Ekkehard Dikomey

Auch die Medien haben Schuld

Sie haben völlig Recht, dieses Wirrwarr nervt! Allerdings haben meines Erachtens die Medien – auch das Abendblatt – dazu beigetragen, mit Forderungen nach dem Tragen von „Schutz“-Masken, die tatsächlich nicht wirklich schützen. Wenn Medien derart vehement die Masken-Pflicht fordern, bleibt der Politik ja schon fast nichts anderes mehr übrig als diese Forderung umzusetzen, um nicht beschimpft zu werden, dass sie die Bevölkerung gefährdet. Dabei weiß jeder, dass nur FFP-Masken ganz sicher, medizinische Masken einigermaßen sicher sind. Alles andere ist Mist und auch unhygienisch. Und die medizinischen Masken helfen auch nur, wenn man sie mit sauberen Händen aufsetzt und nicht mehr berührt. Geht aber nicht. Die Menschen bringen sie in der Tasche oder im Auto mit oder haben sie lose um den Hals und setzen sie vor Betreten des Geschäftes auf. Und ich bin sicher, dass sie vielfach und nicht nur einmal verwendet werden. Bei 1,60 Euro (früher 30 Cent) das Stück, wenn man zwei Brötchen für 98 Cent zum Frühstück holen will, auch ökonomischer Unsinn. Es verunsichert auch, wenn die Politik sagt, eine Rückkehr zur Normalität wird es erst geben, wenn es einen Impfstoff gibt. Und wenn es nie einen Impfstoff geben wird? Nach einem Impfstoff gegen HIV forschen wir seit 40 Jahren. Ohne jetzt wieder Reaktionen wie „Wer soll entscheiden, wer leben darf?“ zu verursachen, denn darum geht es nicht, hat mich der Satz von Wolfgang Schäuble „Wir dürfen nicht alles dem Leben unterordnen“ sehr beeindruckt. Denn wenn das der Maßstab wäre, was wir jetzt machen, dann müssten wir nicht nur bei der nächsten Influenza-Welle auch alles herunterfahren, sondern auch das Autofahren zum Schutz des Lebens sofort und komplett abschaffen, selbstverständlich einschließlich des Lkw-Verkehrs und natürlich jegliche Waffenproduktion – vom Taschenmesser bis zum Panzer – sofort einstellen. Es verunsichert auch, dass man, je nachdem, wem man zuhört, den Eindruck gewinnen muss, dass Corona so gefährlich ist wie Pest, Cholera und Ebola zusammen (man sagt es uns nur nicht, um eine Panik zu vermeiden), oder eben doch nur ein besserer Schnupfen ist. Nur eines ist klar: Wenn nicht bald wieder alles normal arbeiten darf und kann, vom Kosmetikstudio bis zur Fluggesellschaft, vom Autobauer bis zur Strandbar, vom Fitnessstudio bis zum Kino, vom Hotel bis zum Miniaturwunderland, von der Eisdiele bis zur Messe, dann zahlt auch keiner mehr Steuern und Sozialabgaben, und dann ist es mit dem vielleicht besten Gesundheitssystem der Welt schnell vorbei.

Andreas Plümpe

Korrekturen zeugen von Mut

Schwere Zeiten für zielstrebige Menschen, denn der Corona-Komplex entzieht sich jeder Form von praktischer Gradlinigkeit und vorausschaubarer Logik. Entscheidungsträger und -empfänger stehen vor dem Problem der täglich neuen Beobachtungen und Erkenntnisse, die weltweit eintreffen und in rasender Geschwindigkeit in schwerwiegende Entscheidungen einmünden müssen, dem Problem unterschiedlicher Wertvorstellungen in unserer pluralistischen Gesellschaft, dem Problem unserer föderalen Strukturen mit ihren Landesfürsten – zum Teil mit Kanzlerambitionen – und nicht zuletzt dem Problem der medialen Multiplikation kontroverser Deutungen und Haltungen durch Journalisten, von denen erwartet wird, dass sie uns auf aktuellstem Stand halten, auch wenn dessen Halbwertszeit extrem kurz ist, und dass sie verantwortungsvoll meinungsbildend wirken. Kurskorrekturen zeugen von großer Aufmerksamkeit, hohem Verantwortungsgefühl und dem Mut, Entscheidungen angesichts neuer Einsichten immer wieder zu hinterfragen. Das sollten wir nicht nur aushalten, sondern allen Verantwortlichen hoch anrechnen.

Uwe-Carsten Edeler

Jeder hat irgendwie recht!

Eine sehr interessante Debatte, die da angestoßen wurde. Man sieht vor allem, dass es durchaus unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema gibt. Und jeder hat irgendwie recht! Das ist übrigens auch ganz normal so und betrifft alle Bereiche unseres Lebens: Elektromobilität ja/nein, Windkrafträder gut/schlecht, ein Glas Rotwein gesund/ungesund, Handystrahlung krebserzeugend oder nicht? Und bei der Aufstellung der Nationalmannschaft gibt es grundsätzlich 80 Millionen Meinungen. Alle Menschen in diesem Land loben die Meinungsvielfalt und die Demokratie, meinen aber, dass es bei einem Problem wie einer Pandemie die eine, einzig wahre und alle zufriedenstellende Lösung geben müsste – absurd! Natürlich ist die Vielfalt der Meinungen und Maßnahmen verwirrend – aber wir wissen es eben nicht besser! Wir alle müssen lernen und Erfahrungen sammeln, das dauert leider. Nun wird von „der Politik“ erwartet, dass dort jemand sitzt, der die Lösung kennt. Und da dies offenbar nicht so ist, wird auf „die da oben“ und die beratenden Experten kräftig eingedroschen. Nicht ganz fair aus meiner Sicht. Schon fast verschwörungsartig wird den handelnden Politikern unterstellt, sie würden dem Volk absichtlich bestimmte Bereiche des Alltagslebens vorenthalten. Doch: Warum sollten sie das tun? Wo ist nun dieser allwissende Heiland, der das Volk „richtig“ regiert? Zwei, die meinten, dieser Messias zu sein, kennen wir ja bereits: Der eine lag selbst auf der Intensivstation, der andere empfiehlt seinem Volk Domestos zu spritzen… Ich glaube, so schlecht haben wir es hier in Deutschland nicht!

Michael Piplack