Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 5. Mai 2020

Wo bleibt der Aufschrei?

4. Mai: Muss bald jeder einen Immunitätspass haben? Opposition übt scharfe Kritik an Plänen von Gesundheitsminister Spahn (CDU) und Kommentar:Minister Spahn verrennt sich. Immunitätsausweise sind der falsche Weg im Corona-Kampf

Unfassbar! Es gab in Deutschland eine sehr dunkle Zeit, in der ein Nachweis geführt werden musste, dass man zur richtigen Bevölkerungsgruppe gehörte und so bestimmte Rechte hatte. Alle übrigen Menschen waren Ausgestoßene und verloren. Hat Herr Spahn das alles vergessen? Da ein verhältnismäßig kleiner Teil der Gesamtbevölkerung, wie jetzt zum Beispiel mit Corona, infiziert ist, würden sehr viele Mitbürgerinnen und Mitbürger stigmatisiert, ausgegrenzt und blieben weiteren Einschränkungen, möglicherweise auf lange Dauer, unterworfen. Was passiert mit denen, die sich zum Beispiel niemals anstecken werden? Wo bleibt hier der Aufschrei derjenigen, die sich um unsere Grundrechte bemühen? Wo bleibt der Aufschrei der Datenschützer? Im Immunitätsausweis befinden sich doch besonders schützenswerte Daten, die normalerweise nur der Arzt und das Gesundheitsamt einsehen. Wohin führt es, wenn künftig Voraussetzung zur Einstellung bei einer Firma, die Vorlage des Immunitätsausweises ist? Aktuell ist bei einer Einstellung nicht einmal die Frage nach einer bestehenden Schwangerschaft erlaubt. Herr Spahn sollte verstehen, dass nicht alles, was die Technikwelt ihm (an)bietet, grundsätzlich Möglichkeiten zur Verbesserung einer Situation sind.

Marion Schlichting-Erb, Buchholz

Spaltung der Gesellschaft

Dem Kommentator kann man nur Recht geben. So ein Ausweis würde zur Stigmatisierung derjenigen führen, die diesen Ausweis nicht haben. Ihnen könnte ohne Nachweis der Zugang zu Läden, zum HVV, Restaurants etc. verwehrt werden. Eine Spaltung der Gesellschaft wäre unausweichlich. So etwas vorzuschlagen, zeugt von Unsensibilität und unsozialem Verhalten. Das muss man aber in dieser Krise von einem Gesundheitsminister erwarten können.

Manfred Calsow

Es geht zuerst ums Geld...

2./3. Mai: Urlaub am Meer – Schleswig-Holstein will Tourismus noch im Mai zulassen

Es erstaunt mich, wie schnell nun plötzlich eine Öffnung des Tourismus in Schleswig-Holstein vonstatten gehen soll. Bisher durften Hamburger nicht nach Schleswig-Holstein reisen, wurden kontrolliert und zurückgeschickt, Zweitwohnungsbesitzer durften ihr Eigentum nicht besuchen, aber gerne Steuern und Kurabgabe bezahlen. Umgekehrt durften die Schleswig-Holsteiner aber die Infrastruktur Hamburgs nutzen. Nun soll der Tourismus in Schleswig-Holstein innerhalb weniger Wochen wieder hochgefahren werden. Wenn Herr Buchholz bei den Hotels und Ferienwohnungen mit voller Kapazität an den Start gehen möchte, und der Tagestourismus auf vollen Touren läuft, möchte ich nicht sehen, welche massiven Menschenansammlungen wir in diesem Sommer an der Nord- und Ostsee erleben werden. Hygiene- und Abstandsregeln sind dann mit Sicherheit nicht einzuhalten, eine Steuerung solcher Menschenmassen nicht zu schaffen. Wenn das so gemacht werden soll, zeigt mir das nur eines: Es geht zuerst ums Geld und erst danach um die Gesundheit!

Peter Ramcke

Spiele nicht nur über Pay-TV

2./3. Mai: Bundesliga anpfeifen oder abpfeifen? Pro und Kontra In Deutschland wird heftig über den Plan des Profifußballs diskutiert, die Saison fortzusetzen

Bei aller Begeisterung für den Fußball bin ich doch sehr skeptisch, was einen Wiederanpfiff der Bundesliga betrifft. Denn ein Aspekt ist bei dem Streitgespräch noch gar nicht betrachtet worden. Bei der Austragung der Ligaspiele als Geisterspiele ist zu erwarten, dass die Fans in den Wohnzimmern derjenigen, die ein Pay-TV-Abo für die Spiele haben, zusammenkommen und dort Ministadien wie in den Sportbars entstehen. Diese Zusammenkünfte sind – ähnlich wie die sogenannten Coronapartys – doch überhaupt nicht zu kontrollieren. Und dass dabei die Abstandsgebote eingehalten werden, dürfte graue Theorie sein. Diese Gefahr könnte allenfalls etwas entschärft werden, wenn die Pay-TV-Anbieter die Auflage erhielten, die Spiele für Jedermann frei empfangbar zu schalten.

Wolfgang Bätcke, Tornesch

Mit zweierlei Maß gemessen?

2./3. Mai: Stunde Null. Serie zum Kriegsende und 30. April/1. Mai: KZ-Wachmann ,taten Häftlinge leid‘. Stutthof-Prozess: Kripobeamter sagt nach Befragung des 93-Jährigen als Zeuge aus

Anschaulich beschreiben Sie in Ihrer Serie zum Kriegsende in Hamburg, wie Kinder und Jugendliche für das „braune Reich“ instrumentalisiert und indoktriniert wurden. In einer anderen Ausgabe berichten Sie über den Sachstand eines schon monatelang laufenden Verfahrens vor einem Hamburger Gericht gegen einen heute hochbetagten, kranken alten Herrn. Da sind sich die Hamburger Justiz, ein Staatsanwalt und eine Richterin nicht zu schade, dieses Strafverfahren durchzuführen. Nicht zu schade war sich auch unsere Republik nach dem Krieg: So wurden zum Beispiel hohe Offiziere der Wehrmacht noch höhere Offiziere der Bundeswehr, ein Marinekriegsrichter wurde Ministerpräsident. Aber der Prozess gegen einen damals 18-jährigen Wachmann als „Täter“ – der muss sein, koste es, was wolle. Wirklich?

Manfred Rößler

Grundrechte wahrnehmen

30. April/1. Mai: Serie: Als Menschen in Hamburg verhungerten. Bevor es besser wurde, wurde es schlechter. Die Versorgung der Stadt erreichte im harten Winter 1946/47 ihren Tiefpunkt

Natürlich ist diese Pandemie eine große Herausforderung und Bewährungsprobe für die Menschheit, und das Krisenmanagement der Exekutiven verdient durchaus bis heute insgesamt Anerkennung. Gleichwohl muss dieser wiederum exzellente Beitrag mit seinem Blick auf die Nachkriegssituation in Hamburg unser „Klagen“ über das derzeitige Geschehen relativieren. Ich selbst habe die Nachkriegssituation in Stuttgart genau so erlebt. Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zeigt jedoch, dass viele aus dieser Generation nach der Nazidiktatur die richtigen Konsequenzen gezogen und eine demokratische Grundordnung geschaffen haben, die weltweit Anerkennung findet. Also, wir schaffen das! Vergessen wir dabei bitte aber nicht, die Wahrnehmung unserer Grundrechte – deren Einschränkung die Einhaltung des Gebots der Verhältnismäßigkeit in einigen Fällen durchaus vermissen ließ – zum jeweils frühesten Zeitpunkt zu ermöglichen.

Wolfgang Kaeser

Prioritäten falsch gesetzt?

30. April/1. Mai: Leitartikel: Gastronomen alleingelassen

Dass viele Gastronomiebetriebe nicht überleben werden, ist abzusehen. Auch nach einer behutsamen Öffnung werden die Probleme nicht verschwinden, denn wenn nur die Hälfte der Tische besetzt werden können, dann gibt es auch weniger Umsatz. Und da hilft dann auch nicht die Reduzierung der Mehrwertsteuer. Indes ist die Ignoranz der Politik nicht mehr nachvollziehbar. Die Autoindustrie steht nach wie vor im Fokus, denn Autohäuser dürfen auch ohne Flächenbeschränkung offen bleiben. Und das Management der Hersteller ruft bereits nach staatlich geförderten Konsumanreizen, und es steht zu befürchten, dass die Politik darauf auch reagieren wird. Wohlgemerkt eine Industrie, welche in den letzten Jahren Milliardengewinne gemacht hat. Nur arbeiten in der Gastronomie und im Hotelgewerbe ungleich mehr Menschen als in der Autoindustrie. Da fragt man sich schon, wie die Prioritäten gesetzt werden. Und das es gefährlicher sein soll, bei Einhaltung der Hygienevorschriften im Restaurant zu sitzen oder einzukaufen, ist schwer nachvollziehbar. Insbesondere wo sich die Zahl der Infizierten deutlich nach unten bewegt. Die Stadt Hamburg mit einem hohen Anteil an Dienstleistern, kann hier eine Vorreiterrolle übernehmen, wenn der Senat den Mut dazu hat.

Peter Westendorf