Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 28. April 2020

Maß halten!

27. April: Alle 133 Hamburger Coronatoten litten an schweren Vorerkrankungen. Rechtsmediziner Klaus Püschel plädiert für Kita-Öffnungen

Wer es noch nicht begriffen hat, das eigentliche Ziel in der Coronakrise besteht nicht im erbarmungslosen Kampf gegen das Virus mit allen Mitteln, sondern in der kontrollierten Durchseuchung der Bevölkerung bei gleichzeitiger optimaler, Betreuung der Risikofälle, zumal eine Impfung erst in Jahren zur Verfügung stehen wird. Es ist gut, dass nach den Virologen auch wieder renommierte Mediziner wie Professor Püschel und Professor Lohse, der sich schon früh für eine Öffnung der Kitas ausgesprochen hat, zu Wort kommen, auch Spitzenpolitiker wie Wolfgang Schäuble zur Mäßigung raten, und dass nach der ganzen Hektik und dem profilneurotischen Gebahren einiger Landesfürsten, das dem deutschen Perfektionismus entgegenstehende Prinzip von Ludwig Erhard wieder aufleben könnte: Maß halten!

Dr. med. Dietger Heitele

Vorsprung nicht verlieren

Dass die meisten Coronatoten relativ alt und schwer krank waren, wissen wir doch schon. Und zwar seit Wochen aus Italien. Jetzt ist es auch in Hamburg wissenschaftlich bewiesen, dass es vorrangig Alte und Schwerkranke trifft. Aber was soll das heißen? Biologische Auslese? Alle Maßnahmen zurückfahren und die Alten und Kranken sterben lassen? Das wollen wir doch gerade nicht und es ist ethisch nicht zu verantworten. Wir wollen keine Verhältnisse wie in Italien, Spanien oder New York. Dass auf drei schwer Erkrankte ein Beatmungsplatz kommt. Gerade wegen der rechtzeitigen Beschränkungen sind die Fallzahlen bei uns gering. Und das ist auch gut so. Wir müssen aufpassen, dass sich die Entwicklung jetzt nicht umkehrt und wir unseren Vorsprung verspielen.

Jörg Schmidt, Hamburg

Mehr Raum zur Bewegung

25./26. April: Hamburgs Eltern rufen um Hilfe: Kitas und Spielplätze aufmachen!

Ja, es ist eine wahnsinnige Belastung „neben“ Homeoffice auch noch den Alltag mit einem Kind zu bewältigen. Als Alleinerziehende eines Einzelkindes bekomme ich täglich den Frust, die aufgestaute Energie eines Neunjährigen zu spüren und bin am Ende mit meinen Kräften. Super, dass die Kitas jetzt auch Kinder von Alleinerziehenden nehmen, dafür ist mein Kind zu alt. Wie schön, dass jetzt die vierten Klassen wieder zur Schule gehen dürfen – mein Sohn geht in die dritte Klasse. Es darf keine Einzelbetrachtung und Behandlung nur für Kita-Kinder geben. Es gibt deutlich mehr Grundschüler als Kitakinder und wir brauchen für alle Kinder die Öffnung der Spielplätze und Sportanlagen. Wenn zwei Kinder im Stadtpark auf der Wiese Fußball spielen können, warum denn nicht auf dem gegenüberliegenden Sportplatz? Gebt allen Kindern schnell wieder mehr Raum und Plätze zur Bewegung. Sonst haben wir bald deutlich mehr verhaltensauffällige, dickere Kinder und gestörte Familienbeziehungen.

Tanja Lindenau, Hamburg

Europa hat verschlafen

25./26. April: Was Corona mit Mathematik zu tun hat. Vielleicht macht das Virus zusätzliche Angst, weil uns das Rechnen so schwerfällt. Ein Verständnis der Zahlen hilft

Durch ein Verständnis der Zahlen hätte man in der Tat von den asiatischen Ländern, wo die Pandemie erfolgreich eingetrocknet werden konnte, lernen können. Es gibt dort kaum noch Neuinfizierte und Todesfälle. Europa hat die Früh-Prävention verschlafen. Das hat Zehntausenden von Menschen das Leben gekostet. Aufgeschreckt durch die hohen Todeszahlen haben Italien, Spanien und Frankreich versucht, das Ruder durch Einführung einer Ausgangssperre herumzureißen. Mit Erfolg, wie die sinkenden Todeszahlen für Italien und Spanien zeigen. Welche Prognosen können aus den Zahlen für Deutschland und Hamburg abgeleitet werden? Am 23. März wurde ein bundesweites Kontaktverbot erlassen. Trotzdem sind die täglichen Todeszahlen danach nicht gesunken. Sie sind bis zum 8. April angestiegen, um danach auf hohem Niveau zu verbleiben. Nach einer Lockerung der Maßnahmen ist davon auszugehen, dass die hohen Todeszahlen weiter laufen oder sogar zunehmen werden. Dies sollte den Lockerungsdränglern zu denken geben.

Dr. Rainer Götz, Hamburg

Kompliment an die Autorin

25./26. April: ,Einen harten Weg gehen, das kann ich!‘. Die alleinerziehende Mutter und Gastronomin Carlota Santos de Carvalho führt derzeit einen unfairen Kampf gegen den Krebs. Wer wird gewinnen?

Eigentlich ist man als Medienkonsument dieser Tage – bei allem Mitgefühl für die Betroffenen – schon ein wenig überfüttert mit Geschichten über notleidende Kleinunternehmer in der Corona-Krise. Dennoch habe ich einen solchen Artikel von Anfang bis Ende gelesen. Die Geschichte über die krebskranke Besitzerin des Ribatejo war einfach so gut geschrieben – großes Kompliment an die Autorin Yvonne Weiß, die es mit treffenden und emotionalen Sprachbildern geschafft hat, dass einem dieses Schicksal unter die Haut geht. Großartiger Artikel!

Gabriele Wies, Hamburg-Eimsbüttel

Mit Abstand ganz nah...

25./26. April: Wie Corona uns verändert – Eine Zwischenbilanz

Es ist hilfreich, für manche möglicherweise auch erleichternd, wie Frau Münstermann eine Zwischenbilanz zu Corona zu ziehen. Einerseits, um sich zu vergegenwärtigen, was in diesen ver-rückten Zeiten alles schon mit uns und um uns herum passiert ist. Zum anderen, um zu erkennen, was wir alles für uns neu gelernt haben, wo wir mutig waren, welche Dinge wir anders gemacht haben und es sich manchmal gut oder, weil vorher verschüttet, wieder gut anfühlte. Für mich war der Artikel jedenfalls ein Impuls, Zwischenbilanz zu ziehen, mit Abstand auf mich zu schauen und dabei mir nah zu sein.

Jörg Löwenstein

Angst macht krank

24. April: Nein – Wir werden mit dem Virus leben müssen

Schon Erich Kästner reimte: Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich. In diesem Bewusstsein sollten die Menschen Selbstverantwortung tragen. Jeder Mensch sollte für sich entscheiden dürfen, wie er mit den Gefahren einer Corona-Ansteckung umgeht. Oder hält unsere Regierung alle Bürger für verantwortungslos und dumm? Nennt man es nicht Diktatur, wenn den Menschen diktiert wird, was sie zu denken, zu tun und zu lassen haben? Und sollte endlich ein Impfstoff gegen das Virus gefunden worden sein, könnte dieses sich erdreisten zu mutieren und seine Bedrohung sogar zunehmen. Die Natur ist stark, aber unsere körpereigenen Abwehrkräfte auch. Doch ständige Angst macht auch gesunde Menschen krank.

Christiane Mielck-Retzdorff

Die ganze Familie trägt Maske

22. April: Maske tragen? Aber ja! Sie schützt uns, sie ermöglicht ein halbwegs normales Leben – und sie kann noch mehr ...

Ich bin Mediziner aus Japan und war 21 Jahre lang als Lungenfacharzt und Thoraxchirurg in der Lungenklinik in Großhansdorf tätig. Seit Mitte Februar 2020 empfehle ich meiner Familie und unseren Freunden, eine Gesichtsmaske zu tragen. Leider war meine Empfehlung nicht immer erfolgreich. Das gefährliche Coronavirus dürfte doch inzwischen bei der gesamten Bevölkerung angekommen sein. Wer nicht getestet wird, weiß doch gar nicht, wer Träger der Krankenviren ist. Um so wichtiger erscheint mir das Tragen einer Gesichtsmaske, besonders in der Öffentlichkeit. Darüber dürfte es doch gar keine Diskussion geben, müssten auch ganz besonders die vielen „Fachleute“ wissen, die so viel Verunsicherung in die Bevölkerung bringen. Dass in Hamburg endlich Maskenpflicht eingeführt wird, freut mich sehr. Meine Familie, auch die Enkelkinder, tragen seit sechs Wochen eine Gesichtsmaske in der Öffentlichkeit. Das ist selbstverständlich, dazu brauchen wir keine behördliche Vorschrift.

Dr. Masaki Nakashima