Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 22. April 2020

Gibt es ein Recht auf Orgien?

21. April:Gelten die Kontaktsperren noch viele Monate? Kanzlerin Merkel kritisiert ,Öffnungsdiskussionsorgien‘ – und warnt die Deutschen: ,Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen‘

Bei allem Respekt vor der Bundeskanzlerin: Vorsicht ist das Gebot der Stunde! In einer Situation, in der sich die Gleichwertigkeit unserer Grundrechte im Vokabular der politischen Diskussion nicht immer abbildet, sollte man sich hüten, Öl ins Feuer zu gießen. Schon die „Systemrelevanz“ stellte die Gleichwertigkeit von Menschen, Dienstleistungen und Arbeit grundsätzlich in Frage. „Öffnungsdiskussionsorgien“ lässt jede Achtung vor dem ernsten Bemühen um das Wägen der Grundrechtseingriffe und um den Erhalt bzw. die Wiederherstellung eines intakten gesellschaftlichen Miteinanders vermissen. Wenn in einem Handstreich vom „Verschleierungsverbot“ zur „Maskenpflicht“ gewechselt wird, sollten in der politischen Kommunikation immer verfassungsrechtliche Maßstäbe sichtbar werden, nicht Willkür.

Wiebke Aust

Maskenpflicht macht Sinn

21. April: Corona: Bisher geringster Anstieg, neue ,Infektpraxen‘. Ärzte und Senatorin warnen: Antikörpertests geben noch keine Sicherheit über Coronaimmunität

Frau Prüfer-Storcks weigert sich, eine Maskenpflicht in Hamburg einzuführen, weil es nicht genügend Masken gibt. Das ist nicht nachvollziehbar. Die Virologen sind sich einig über deren Sinnhaftigkeit. Die Asiaten machen es mit Erfolg vor. Jena praktiziert einen erfolgversprechenden Großversuch zur Not auch mit Schal. Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern führen Masken- oder Schalpflicht ein. Warum nicht Hamburg? Ein Bürgermeister, der ständig mahnt, wir seien noch nicht über den Berg, sollte die Logik von Frau Prüfer-Storcks schnell kassieren. Oder ist alles gar nicht so schlimm?

Dr. Helmut Salzmann

In China selbstverständlich

In China, Korea, Singapur oder Japan ist es in jedem Winter selbstverständlich, bei Schnupfen und Husten eine Schutzmaske zu tragen – mit entsprechendem Erfolg einer gebremsten Ansteckung. Mir erscheint das zeitraubende Für und Wider eine politisch gewollte Verzögerung, um die Wähler wegen fehlender Schutzmasken nicht in Rage zu bringen. In Österreich und anderen Ländern, auch in Jena, sind durch Maskenpflicht für alle bereits messbare Erfolge zu sehen. Wann wird dies endlich angeordnet?

Ernst W. Holtmann

Intolerante Kleingeister

20. April: Was das Virus mit den Nachbarn machte. Vier Wochen Ausnahmezustand haben gerade im Verhältnis zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein Spuren hinterlassen. Die Geschichte einer Nachbarschaft, die vor einem Neuanfang steht

Als gebürtige Hamburgerin (in Schleswig-Holstein lebend) kann ich über soviel Intoleranz und Denunziantentum nur den Kopf schütteln. Nach über 70 Jahren Kriegsende und über 50 Jahren Mauerbau haben einige wenige offenbar immer noch nichts dazugelernt. Die kleingeistige Wichtigtuerei einiger Menschen ist wirklich unsäglich!

Sabine Callsen, Ahrensburg

Kleinstaaterei abschaffen

Zunächst herzlichen Dank für die wirklich sehr gut gemachte Corona-Berichterstattung. Diese Art von sauberer Information ist die beste Beruhigung in schwieriger Zeit. Die Artikel über den Nachbarschaftsstreit mit Schleswig-Holstein halten da aber nicht mit. Natürlich sind Neid, schlechte Kommunikationspolitik und kleinliche Fußgängerkontrollen zu kritisieren. Aber in der Wut vieler Hamburger fehlt mir der Blick auf die Gründe für die Maßnahmen aus Kiel, und der Respekt für die Entscheidungen eines kleinen, weniger reichen Bundeslandes. Die Wut journalistisch einfach nur aufzunehmen, finde ich zu wenig. Ich wünsche mir den Blick auf beide Seiten und mehr Stimme für die Position der Kieler Landesregierung sowie für Bürger des Landes im Blatt. Denn die gute Nachricht ist doch: Wir streiten uns, weil wir uns nicht egal sind. Und alle, mit denen ich darüber spreche, sind sich einig, dass diese Kleinstaaterei eigentlich abgeschafft gehört. Darauf sollten wir aufbauen.

Frank Solms Nebelung

Was für eine Farce!

Ich lebe in Schleswig-Holstein. Mein ganzes Berufsleben hat in Hamburg stattgefunden. Ich liebe Hamburg, ich liebe Schleswig-Holstein. Was sich nun zwischen den beiden Bundesländern abspielt, sucht seinesgleichen und sollte jeden Schleswig-Holsteiner zutiefst beschämen. Haus- und Wohnungsbesitzern den Aufenthalt in ihren eigenen vier Wänden zu verbieten, ist schon peinlich genug. „Grenzkontrollen“ zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein machen nur noch fassungslos. Entscheider, die angesichts einer ernsthaften Krise so sehr ihren Kopf und jedes Augenmaß verlieren, sind fehl am Platz. Europa ade! Deutschland muss erstmal die innerstaatlichen Grenzen sichern, die eigenen Königreiche und Freistaaten schützen. Was für eine Farce!

Cornelia Lorenz

Solidarisch zusammenhalten!

20. April: Streit um Zweitwohnungen eskaliert. Landräte torpedieren Beschluss der Jamaika-Koalition, das Nutzungsverbot aufzuheben

Die Argumentation der Landräte ist absurd! Es werden gegenüber der Bevölkerung irrationale Ängste gegen Hamburger Zweitwohnsitzbesitzer geschürt, wenn der Zahl von 50.000 bis 100.000 Zweitwohnsitznutzern (laut Landrat) im Kreis Ostholstein 34 Intensivbetten im Kreis gegenüber gestellt werden. Bei irrationalen Annahmen zum Zweck der Abgrenzung helfen sicherlich Zahlen. Wie viele Hamburger werden denn zurzeit in Schleswig-Holstein intensivmedizinisch behandelt? Und wie viele Patienten aus Schleswig-Holstein werden zurzeit in Hamburger Krankenhäusern, z.B. im UKE intensivmedizinisch behandelt? Meines Wissens werden in Hamburg auf Intensivstationen einige Patienten aus Schleswig-Holstein und aus Niedersachsen behandelt. Ich habe aber noch keinen einzigen Hamburger darüber klagen hören, dass den Hamburgern von den Patienten aus den Nachbarländern die Intensivbetten „weggenommen“ werden. Der Hamburger Zweitwohnsitzbewohner wird sich in Schleswig-Holstein in seinem Haus und Garten aufhalten und ansonsten die Abstandsregeln einhalten wie die Schleswig-Holsteiner auch. Wo bitte liegt dann die heraufbeschworene Gefahr? Gerade in der gegenwärtigen Krise sollten wir zum Wohle aller Bürger länderübergreifend solidarisch zusammenhalten!

Dina Schmidt

Arrogante Einstellung

18./19. April: Leserbrief der Woche: Solidarität und das Geld und 11./12./13. April: Hamburger KRITiken: So geht Europa! Die Finanzminister einigen sich auf ein großzügiges Rettungspaket – von Eurobonds bleibt der Kontinent verschont

Solidarität mit den finanziell armen europäischen Nachbarn ist nur dann angebracht, wenn wir die Aussicht auf Gegenleistung haben. Und das können diese Loser ja wohl nie leisten. Also dann gibt’s auch nix, sollte es zumindest nicht! So, in meine Worte übersetzt, die Haltung des Leserbriefschreibers. Erstens verwechselt er hier Solidarität mit Tauschhandel, zweitens haben wir tatsächlich mehr als reichlich zurückbekommen von den ärmeren europäischen Ländern mittels unserer exorbitanten Exportpolitik auf Kosten der Anderen. Kennen Sie dies: Der Arme spricht zum Reichen bleich, wäre ich nicht arm, wärst du nicht reich! Drittens ist diese anmaßende und beratungsresistente Einstellung allzu vieler in dieser Republik inklusive unserer alternativlosen Kanzlerin der Nagel zum Sarg von Europa, wenn da nicht endlich ein Umdenken einsetzt. Und viertens haben wir mal wieder mehrere Chancen verspielt innerhalb von nur sechs Wochen, gerade gegenüber den Südländern. Solidarität unter Freunden! Sollte das so aussehen, dass die Freunde am Ende am Boden liegen?

Hannah Erben-Wunder, Hamburg