Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 6. April 2020

Bevölkerung in Geiselhaft

4./5. April: Das Virus und die Freiheit. Die Coronakrise lehrt uns: Es gibt kein demokratisches Leben im Ausnahmezustand

Was sind unsere europäischen Werte, Freiheit, Demokratie und das Recht auf freie Berufsausübung wirklich wert, wenn wir diese Rechte in der Krise opfern? Wodurch unterscheiden wir uns dann von „Demokratien“ wie Ungarn oder Staaten wie China? Können wir zukünftig noch Kritik an der Verletzung von Menschenrechten üben? Ich meine nein. Natürlich müssen Kranke und alte Menschen geschützt werden, aber warum werden dafür 90 Prozent der Bevölkerung in Geiselhaft genommen? Warum werden Meinungen wie die von Professor Püschel nicht mehr gehört, obwohl das Robert-Koch-Institut auch keine verlässliche Datenbasis hat. Millionen von wirtschaftlichen Existenzen werden vernichtet. Haben wir nach der Krise noch die wirtschaftliche Substanz, um Ländern wie Italien beizustehen, Schulden zu bedienen und den Sozialstaat zu finanzieren? Es war eine starke Weltwirtschaftskrise, die Adolf Hitler 1933 an die Macht brachte, deshalb müssen andere Wege zur Krisenbekämpfung beschritten werden. Wenn wir heute unsere Bürgerrechte dem Virus opfern und Grenzen zwischen Bundesländern gezogen werden, dann kann das auch bei zukünftigen Herausforderungen als Blaupause dienen. Deshalb wehret den Anfängen.

Torsten Johannsen

Zusammenarbeit stärken

2. April: Leitartikel: Wir waren gewarnt! Schon im Jahr 2012 sagte eine Bundestagsdrucksache eine Pandemie voraus

Danke für den Hinweis auf die hellsichtige Risikoanalyse von 2012. Unverständlich ist für mich allerdings die Attacke Herrn Ikens auf Bundesaußenminister Heiko Maas. Wenn Deutschland im Februar keine dringend benötigten Hilfslieferungen nach China geschickt hätte, würde jeglicher „Andockpunkt“ für den aktuellen Vorstoß des Bundespräsidenten fehlen. Eine globale Allianz gegen die Pandemie kann nicht funktionieren, wenn jedes Land die Depots gegenüber dem Leid anderer verschließt. Steinmeier ist zuzustimmen, wenn er konstatiert: „Die überzeugendste Art, mit der globalen Dimension dieser Krise umzugehen, besteht darin, Zusammenarbeit und Solidarität zu stärken.“

Dr. Kai Hünemörder, Hamburg

Berechtigte Gedanken

4./5. April: Wie wir das Rückgrat der Wirtschaft brechen. Die Milliardenhilfen der Regierung nützen vor allem Kleinstunternehmen und Großkonzernen – der Mittelstand hat es schwer

Matthias Iken bringt meines Erachtens berechtigte Gedanken zu Papier. Auch wenn es sich zunächst wie linkes Gedankengut anhören mag, folgender Vorschlag: Warum sollen Firmen unterstützt werden, deren Vorstände Millionengehälter beziehen, während sich Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, Verkäuferinnen oder Leute von der Stadtreinigung für kleines Geld den Rücken krumm buckeln. Wer mehr als 500.000 Euro im Jahr verdient, dürfte – solange sein Betrieb unterstützt werden muss – auch mit deutlich weniger auskommen. Zumal es sich oft um Angestellte handelt, die im schlimmsten Fall noch nicht einmal mit dem Privatvermögen haften. Dass Millionengehälter gezahlt werden, wenn Firmen von starken Leuten erfolgreich geführt werden, mag mancher mit Neid betrachten, aber es ist wohl dem Angebot-Nachfrage-Prinzip zuzuschreiben. Insgesamt hat das System bislang doch auch gut funktioniert. Die von Herrn Iken angemahnte Unterstützung des Mittelstandes dagegen wäre wirklich wichtig. Wir werden uns schon in wenigen Monaten ansehen müssen, wer alles seine Firma dichtmachen musste.

Bernd Nasner

Museen begrenzt öffnen

2. April: Was machen jetzt eigentlich die Museen?

Es war ein Rundumschlag gegen die Kultur, um Infektionsübertragung des Sars-CoV-2 zu vermeiden. Und für Theater, Kinos, Konzerte ist das nachvollziehbar. Doch Museen? Dort stehen selten die Menschen dicht gedrängt, es sei denn bei Führungen oder bei bestimmten Sonderausstellungen. Dabei ist das Abstand halten in Museen oft angesagt, wenn man einem bestimmten Kunstwerk nicht zu nahe treten darf, wird das durch eine Linie auf dem Boden signalisiert. Museumsbesucher kennen und respektieren das. So könnten Museen eigentlich wieder – bei gleichen Vorsichtsmaßnahmen wie bei Supermärkten – für eine beschränkte Besucherzahl pro Stunde wieder geöffnet werden. Die Kunst würde es dem Senat sicher danken.

Dr. Gunter Alfke, Hamburg

Ein klarer Missbrauch

3. April: Der gefährliche Streit um die Ladenmieten. Händler zahlen nicht mehr, Vermieter sind sauer

Ich bin erschüttert, wie die von der Regierung geregelten Maßnahmen zur Abfederung wirtschaftlicher Not für Gewerbetreibende auch von solchen Unternehmen genutzt werden, die vermeintlich auf wirtschaftlich gesunden Beinen stehen. Es ist auch nicht immer unmittelbar erkennbar, dass es überhaupt zu einer Minderung der Umsätze gekommen ist (z.B. Edeka). Ich sehe hier einen klaren Missbrauch und bin voller Hoffnung, dass der Verbraucher zu normalen Zeiten mit seinem Einkaufsverhalten zeigt, welche Meinung man von derart unsolidarischem Verhalten hat.

Petra Buuck